LEKTÜRE

Auf- und Abbrüche in der Stadtgeschichte Charkiws

I.

Die erste Reise in die Ukraine führt in der Regel nicht nach Charkiw, sondern nach Kiew/Kyiv, Lemberg/Lviv oder Odessa/Odesa. Möchte man die Ukraine dann näher kennen lernen, taucht irgendwann die Frage nach Charkiw auf, die große Stadt, die sich im Nordosten der Ukraine verborgen hält. Die Frage nach Charkiw wird so häufig zur Frage nach den Unterschieden und Beziehungen zwischen den genannten anderen Städten, vor allem zwischen Charkiw und Kiew. Diese Meinung teilen wohl auch viele Ukrainer, denn sie spiegelt sich in der sprachlichen Wendung: „Charkiw ist nicht die erste, aber auch nicht die zweite“, die den Charkiwern zugeschrieben wird.

Charkiw ist eine anziehende Stadt, aber sie in historischer Perspektive vorzustellen oder zu erklären (lässt sich eine Stadt erklären?), ist schwierig. Doch ohne Charkiw lässt sich die Ukraine nicht verstehen. Für Odesa, Lviv und Kiew gibt es, historisch gesehen, weiter zurückliegende goldene Zeiten, die angerufen und beschworen, imaginiert und wachgerufen oder ironisiert und dekonstruiert werden können. Für Charkiw gilt das weniger, die Stadt hat keine eindeutige Prägung (ein Vorteil oder ein Nachteil?), und sie hat diese auch bis heute nicht von sich entworfen. Dafür gibt es Gründe. Positiver formuliert: es gibt nicht eine Grundmelodie der Stadt, sondern mehrere – und gehört diese Vielfalt und Heterogenität nicht zum Verständnis von Stadt? Das spiegelt sich im nationalen ukrainischen Kontext in besonderer Weise in Aufbrüchen und jähen Abbrüchen.

Beide Besonderheiten bieten Zugänge zur Stadtgeschichte, die ich Ihnen an zwei Beispielen darstellen möchte.

 

II.

Aufbrüche und Abbrüche

Charkiw ist zwar keine mittelalterliche Stadtgründung wie Kiew, aber ihre Gründung reicht doch in das für die Ukraine so wichtige Kosakenzeitalter in der frühen Neuzeit zurück, als die ‚freien Krieger‘ (Kosaken) beiderseits des Dnipro gegen Polen-Litauen, Moskau und das Krimkhanat im Süden eine eigene politische Ordnung schufen, das Hetmanat (Kosakenstaat). Von den umkämpften ukrainischen Kosakengebieten im Zentrum um Kiew zogen sich bereits im frühen 17. Jh. Kosaken und Bauern weiter nach Osten zurück, gründeten Charkiw als Festung zur Abwehr krimtatarischer Einfälle von Süden, und Kosaken prägten so den neuen Ort und die ganze Region. Hinzu kamen dann Bauern aus dem Norden, mehrheitlich russische Bauern, die nach Süden in die fruchtbaren Steppengebiete um Charkiw drängten. Das kosakische Sonderbewusstsein erhielt sich in dieser Region im 18. und frühen 19. Jahrhundert, als die Kosakengebiete längst von Russland erobert und in den Zarenstaat integriert war. Als Russland zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein erstes Netz von Universitäten gründete, gehörte auch Charkiw zu den ausgewählten Standorten, da es hier zuvor bereits ein Kollegium gegeben hatte, also eine institutionelle Basis vorhanden war. Auch zahlreiche Deutsche unterrichteten an der neuen Universität. Der Philosoph Schelling hatte bereits seine Koffer gepackt, um nach Charkiw aufzubrechen, entschied sich in letzter Minute aber doch für den Verbleib in Deutschland. Im Umkreis der neuen Universität sammelten sich Gelehrte und Intellektuelle, die im typischen zeitgenössischen romantischen Geist – und in Anknüpfung an das regionale Sonderbewusstsein – auf der Basis populärkultureller literarischer Denkmäler frühnationale ukrainische Gedanken entwickelten: die Ukrainer versus die Russen. Die Narration der modernen nationalen Geschichte, über die nach 1991 so viel nachgedacht und gestritten wurde und bis heute wird, ist also eng mit Charkiw verbunden – und mit einer ihrer stolzen, alten, im Zentrum gelegenen Einrichtungen – der Universität. Wenige Jahrzehnte später, im Jahr 1834 (ein Aufstand der Polen war gerade unterdrückt worden), eröffnete der Zarenstaat dann die zweite Universität in der Ukraine – in Kiew, und sie wurde bald zum neuen Zentrum nationalen Denkens. Das meine ich mit Aufbruch und Abbruch und der Rivalität zwischen Charkiw und Kiew. Der Staat hatte in einer spezifischen historischen Situation eine entscheidende Rolle gespielt.

Auch im Revolutionsjahr 1917-18 ist die Rivalität zwischen Kiew wieder deutlich zu erkennen. Es ist nicht nur das Jahr der einen, der Oktoberrevolution, sondern mehrerer Revolutionen, unter anderem einer Revolution in Kiew. Hier erklärten Ukrainer nach dem Petrograder Oktoberumsturz die staatliche Unabhängigkeit der Ukraine, gründeten ein ukrainisches Vorparlament (die Zentralrada) und bildeten eine sozialistische, aber nicht bolschewistische Regierung. Charkiw mit seinen inzwischen knapp 400.000 Einwohnern (382.000) war zu dieser Zeit stärker als Kiew industriell geprägt, hatte eine Reihe großer metallverarbeitender Betriebe, die zum kleineren Teil während des Krieges hierhin mitsamt ihren Arbeitern aus den frontnahen lettischen Gebieten evakuiert worden waren. Es lag geographisch näher an Russland und Moskau, die Stadt war russischsprachig, die ländliche Bevölkerung der umliegenden Region sprach dagegen mehrheitlich ukrainisch. Zunächst scheiterten die Versuche der lokalen Bolschewiki im Bündnis mit Roten Garden (im Spätherbst 1917) die Macht in der Stadt an sich zu reißen und von hier aus bolschewistische Herrschaft in der ganzen Ukraine durchzusetzen. Ein Militär-Revolutionäres Komitee war sozialistisch zusammengesetzt, aber nicht bolschewistisch. Es hatte einen größeren Anteil ukrainischer Parteimitglieder und strebte eine föderale Ordnung Russlands an, zu der auch eine autonome Ukraine gehören sollte. Wenig später, am 8.-9. Dezember 1917, übernahmen dann die Bolschewiki erstmals gewaltsam die Herrschaft in der Stadt, und erklärten später hier die Gründung einer sowjetischen Ukraine. Charkiw und Kiew standen sich wieder rivalisierend gegenüber. Auch wenn in den folgenden Jahren politische Herrschaft in Kiew und Charkiw noch mehrfach wechselten, so stand am Ende doch eine sowjetukrainische Hauptstadt Charkiw – bis sie 1934 nach Kiew verlegt wurde.

Die Spannung Charkiw-Kiew führte seit der Revolutionszeit 1917-1921 in Charkiw immer wieder zu Forderungen nach Föderalisierung und Autonomie, so 1991, 2004 und 2014. Föderalismus klingt im deutschen Denken gut, aber im ukrainischen politischen Denken heute gibt es angesichts der genannten historischen Erfahrungen den berechtigten Verdacht, dass die Forderung nach Föderalismus eigentlich ein politischer Versuch der Nachbarn der Ukraine ist, die territoriale Integrität der Ukraine zu bedrohen. Charkiw sollte 2014 auch Teil eines so genannten Neurusslands werden, das aus Russland geschickte Kämpfer in Donezk und Luhansk ausgerufen hatten.

Es gibt aber trotz abrupter Brüche in der Geschichte Charkiws auch Kontinuitäten, und ich möchte hier drei Kontinuitäten hervorheben: zum einen die Ukraineorientierung in entscheidenden historischen Zeiten: Was für eine Ukraine das jeweils sein sollte, war allerdings unterschiedlich. Eine zweite Kontinuität ist ein regionales Sonderbewusstsein, das im späten 19. und frühen 20. Jh. in regionalen Geschichtswerken Ausdruck fand (D. Bahalei: Geschichte der Slobidska Ukraine). Drittens war Charkiw – ebenfalls vom 19. bis zum frühen 21. Jh. – ein Ort wirtschaftlicher und technischer Modernität. Moderne Fabriken mit hochqualifizierten Technikern, Ingenieuren und Physikern in Forschungslabors prägten seit dem späten 19. Jh. und durch das gesamte 20. Jh. hindurch ein urbanes Selbstbewusstsein, das auf einem technischen Fortschrittsverständnis basiert. Das ältere Handelszentrum (im 19. Jahrhundert gab es hier einen großen Jahrmarkt) war im späten 19. Jahrhundert zu einem Verkehrsknotenpunkt (Eisenbahn) zwischen Moskau, dem Kaukasus, der Krim und Kiew geworden, vor 1917 entstand eine Art civil society (D. Bahalei war vor 1917 Bürgermeister der Stadt), Charkiw war das Finanz- und Verwaltungszentrum der neuen Industrieregion Donbas.

In den 15 Jahren als Hauptstadt der sowjetischen Ukraine boomte die Stadt. Die Bevölkerung wuchs schnell an, Stadtplanung und ein avantgardistischer ukrainischer Architekturstil (im weiteren Sinn geprägt durch Gartenstadtvorstellungen und das Bauhaus) schufen das neue sowjetukrainische Charkiw. 1923-24 entstanden Pläne für die Ansiedlung neuer, großer Fabriken 20-30 km entfernt von der Stadt, im nördlichen Teil des früheren Stadtzentrums wurde ein neues Regierungszentrum geplant, getrennt davon neue Wohnbezirke. Davon wurden einige Pläne seit 1925, vor allem Ende der 1920er Jahre, zu Beginn der 1930er Jahre auch verwirklicht – etwa Gebäude des gigantischen neuen Regierungskomplexes, des größten sowjetukrainischen Bauvorhabens seiner Zeit in Verbindung mit dem größten offenen Platz seiner Zeit. Gleichzeitig entstand das ‚neue Charkiw‘, ein riesiges Areal für neue Industriewerke etwa acht Kilometer entfernt vom Stadtzentrum, mit dem berühmten, 1931 eröffneten Traktorenwerk, das bis in die 1980er Jahre mehr als zwei Millionen Traktoren baute. Eine der letzten Errungenschaften dieser Hauptstadtzeit war das 1935 fertig gestellte Denkmal des Nationaldichters Taras Schewtschenko. Danach brach diese Entwicklung ab. Die große Politik hatte wieder entscheidend das Schicksal der Stadt bestimmt.

 

III.

Stadt des Todes

Mit Charkiw verbinde ich mehr als mit anderen Großstädten der sowjetischen Ukraine der Zwischenkriegszeit den Tod, zumal den Hungertod von 1932/33. Seit der europäischen frühen Neuzeit, seitdem sich moderne Staatlichkeit entwickelte, waren sich die Herrschenden der Notwendigkeit bewusst, Hauptstädte in Krisenzeiten mit Lebensmitteln zu versorgen. Sonst entstand ein politisches Risiko wie die Aufruhre in Paris im 18. Jahrhundert gezeigt hatten. Charkiw und Kiew waren 1931-33 nicht gut mit Lebensmitteln versorgt, aber es reichte zum Überleben, im Unterschied zum umliegenden Land. Stalinistische Zwangskollektivierung und ein Antiukrainismus führten zum millionenfachen Tod in der Ukraine, in der Charkiwer Provinz so stark wie in kaum einer anderen Provinz der Ukraine. Offiziell gab es keinen Hunger, internationale Hilfe war deshalb (im Unterschied zum Hunger von 1921-23) genau so unnötig und unerwünscht wie eine Presseberichterstattung. Deshalb gibt es keine Bilder dieses Todes und dieser Toten. Ein in Moskau lebender Österreicher, Alexander Wienersberger, der in den 1920er Jahren als Kleinunternehmer (NEPman) zu Wohlstand gekommen war, fuhr im Frühjahr 1933 mit dem Auto von Moskau auf die Krim und fotografierte den Tod in Charkiw. Die Landbevölkerung flüchtete aus den hungernden Dörfern nach Charkiw, obwohl dies verboten wurde, und mit ihr fraß sich der Tod vom Stadtrand bis ins neue sozialistische Stadtzentrum hinein. Die etwa 20 Fotografien erschienen erstmals 1935 in einem deutschsprachigen Buch über die Sowjetunion, einem raren Zeugnis.

Hitler nahm in einer Rede im Frühjahr 1933 auf den ukrainischen Hunger Bezug – mit der Folge, dass sozialistisch gesinnte Journalisten und Politiker aus Frankreich, England und den USA den massenhaften Hunger in der Ukraine abstritten. Die Ukraine wurde so „im Westen“ ein eher „rechtes“ Thema, mit Folgen bis heute. Eine Ausnahme war der junge walisische Journalist Gareth Jones, ein Held seiner Zeit. Er war innerlich so bewegt von den Hungergerüchten, dass er in diplomatischer Mission nach Moskau reiste, sich dort absetzte, eigenständig mit der Eisenbahn nach Süden aufbrach und dabei den sowjetischen Geheimdienst erfolgreich in die Irre führte. Vom russischen Belgorod aus ging er zu Fuß nach Charkiw, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen und aufzuklären, und er berichtete nach seiner Rückkehr im März 1933 in Berlin und London in Presseerklärungen und Artikeln über die ukrainische Hungertragödie: „Since March it has got so much worse that it is horrible to be in Kharkoff. So many die, ( so many ) ill and beggars.“ Was macht die Hungererfahrung mit Menschen, die ihn überlebt haben, aber über ihn jahrzehntelang nicht öffentlich sprechen dürfen? In Berichten aus der zweiten Hälfte der 1930er Jahre wird der Blick immer wieder auf Schlangen vor Brotläden gerichtet und man fühlt die Angst, der Hunger könnte zurückkehren. Er kehrte bald zurück, mit der Hungerpolitik der Nationalsozialisten, und dann noch einmal 1946-47.

Wenn ich den Todesbegriff metaphorisch verwende, was ich als Historiker nicht tun sollte, dann lässt sich auch von einem Tod der Kultur in den 1930er Jahren sprechen. George Bosse, Sohn eines früheren Maschinenbauunternehmers, erinnerte sich im Alter, wie er als Jugendlicher im Frühjahr 1937 im Stadtzentrum von Charkiw für seinen Vater eine Zeitung kaufen sollte:

„Zunächst mußte man vor dem Kiosk warten, bis „Prawda“ und „Izwestia“ mit dem Lastauto gebracht wurden. Diese Zeitungen erreichten uns mit 24-stündiger Verspätung, denn Moskau war weit von uns entfernt. Es gab allerdings eine lokale Zeitung die „Sozialistische Ukraine“. Sie berichtete aber nur über Ernten, Vorbereitungen zur Weizenaussaat, riesige Fortschritte in der Industrie und Interviews mit den Spitzenarbeitern und Angestellten der lokalen Betriebe. Über die Ereignisse in der Welt berichtete die „Sozialistische Ukraine“ nichts.“ (S. 69)

Zum kulturellen Tod kam der physische Tod durch den stalinistischen Terror. Das Stadtbild Charkiws prägten in den 1930er Jahren mehr und mehr Bäume und öffentliche Blumenbeete, während sich unter den Einwohnern Angst und Gewalt ausbreiteten. Bosse bemerkte den Wandel der Stadt, als er seinen Weg ins Stadtzentrum beschreibt: „Ich ging die von Bäumen bepflanzte Liebknecht-Straße [die Hauptstraße der Stadt, vor 1917 Sumskaja], hinunter ins Stadtzentrum. Rechts sah ich den gigantischen Dzerzinski – Platz, der für Militärparaden und Aufmärsche der Werktätigen angelegt worden war. Vor einigen Jahren waren an dieser Stelle Tag und Nacht Häuserblocks abgerissen und mit „sozialistischen Schockmethoden“ beseitigt worden; so ist dieser Riesenplatz entstanden.“ (S.24-25)

Als Stalin und seine Helfershelfer Zwangskollektivierung, Industrialisierung und Kulturrevolution überlebt hatten, und das wurde 1934 auf dem 17. Parteitag deutlich, verlegten sie die Hauptstadt in das zwar vom imperialen Zentrum Moskau peripherer gelegene, aber alte kulturelle und politische Zentrum der Ukraine – nach Kiew.

Wenige Jahre später brachte die deutsche Okkupation zwischen Oktober 1941 und August 1943 Hunger und Tod in die Stadt. Mehrfach wechselte hier die Herrschaft zwischen Wehrmacht und Roter Armee, die Kämpfe vor allem des Jahres 1943 führten zur Zerstörung großer Teile, so dass die Stadt noch stärker litt als Kiew, durch das die deutschen Truppen im September 1941 nach Osten durchmarschiert waren. Zehntausende sowjetische Kriegsgefangene fanden den Tod durch die deutsche Hungerpolitik, Arbeiterbaracken des Traktorenwerkes wurden jetzt zum Ghetto für die jüdische Bevölkerung, die massenhaft in einer Schlucht im Osten der Stadt (‚Dobryckyi Yar‘) erschossen wurde. Besatzung und Gewaltherrschaft in der Ukraine werden erst seit einigen Jahren von deutschen Historikern detaillierter erforscht, es gibt auch für Charkiw bisher nur wenige Studien. Das Interesse bei jüngeren ukrainischen Historikern an dem Thema ist deutlich gestiegen, auch am Holocaust, die Archive sind offen und zu den schwierigen Erkenntnissen gehört, dass die zivile Bevölkerung vor Ort in mancher Hinsicht kaum zwischen der Gewaltherrschaft der 1930er Jahre, der Kriegszeit und der spätstalinistischen Zeit nach 1945 unterscheiden konnte.

 

IV.

Geschichte ist meiner Meinung nach kontingent und aus ihr lassen sich keine eindeutigen Schlüsse für die Gegenwart oder Zukunft ziehen. Aber Menschen drücken ihre Meinungen und Interessen doch häufig in der Weise aus, dass sie sich auf vergangene kulturelle Optionen beziehen, zumal wenn diese Wirkung entfalten konnten. Welche kulturellen Optionen reüssierten in Charkiw nach 1991? Es scheint, als hätten die Charkiwer nach 1991 keine eindeutige Entscheidung getroffen bzw. treffen müssen, denn der schwache ukrainische Staat zwang der Stadt keine radikale Wahl auf.

Der ukrainisch-kanadische Historiker Volodymyr Kravčenko hat kürzlich auf verschiedene Traditionen hingewiesen: Traditionen aus der späten Sowjetunion wirkten weiter, viele Politikernamen in Charkiw blieben die gleichen (A.S. Masel’skij 1985-96 Gouverneur, E.P. Kushnarev in der Stadt). Aber über die spezifische spätsowjetische Urbanität Charkiws wissen wir wenig mehr als das es ähnliche Entwicklungen wie in anderen (sowjetischen (-ukrainischen) Städten gab, zumal den Durchbruch der Verstädterung mit dem Bau großer Mikrorayone in den 1960er und 1970er Jahren. Wir wissen nichts darüber, ob und wie sich eine spezifische sowjetukrainische Identität in Charkiw ausprägte.

Es gibt immerhin Hinweise auf die Bedeutung früherer kultureller Optionen für die Stadtentwicklung nach 1991. Kravčenko hat darauf aufmerksam gemacht, dass regionale kulturelle Bezüge (Kosaken, Slobidska Ukraine), die Stadt und Region innerhalb der Ukraine positionierten, seit den späten 1980er Jahren und in den 1990er Jahren in der Stadt neu diskutiert und populärer wurden. Nur selten sprachen Autoren mit Bezug auf Charkiw und die Region von einem eigenen ukrainisch-russischen Ethnos.

Nach Charkiw selbst kehren in den 1990er Jahren die Namen ukrainischer Gelehrter und Intellektueller der vorsowjetischen und sowjetischen Zeit zurück, zunächst kaum eine ukrainisch-kosakische symbolische Geographie.

Entscheidender war jedoch, dass Charkiw 1991 zur Grenzstadt zwischen zwei unabhängigen Staaten wurde, dessen Grenzen nicht genau abgesteckt waren. Typisch für die auf Ausgleich mit Russland bedachte Kutschma-Zeit (vor allem Ende der 1990, frühe 2000er Jahre) waren Slogans von Charkiw als Mittler zwischen der Ukraine und Russland, als „Hauptstadt der ukrainisch-russischen Freundschaft“ oder als „Ort verschiedener Völker und Kulturen“ (Kravčenko S. 290), Vorstellungen, die sich durchaus noch mit historisch-regionalen Vorstellungen verbinden ließen. Dagegen waren die Bezüge aus den 1990er Jahren auf die „erste Hauptstadt“, also auf die sowjetukrainische Hauptstadt von 1919 bis 1934, vor allem gegen Kiew und das ukrainische Nationalstaatsprojekt gerichtet. Gegen Kiew war 2004 in der ‚Orangen Revolution‘ auch das Projekt einer südöstlichen Autonomie gerichtet, das auf einem Kongress in Charkiw beraten und proklamiert wurde.

Ältere kulturelle und politische Orientierungen und Prägungen gewannen also nach 1991 neue Relevanz, der Kiewer Euromajdan von 2013-14 erforderte dann eine radikalere Auseinandersetzung mit diesem kulturellen und politischen Erbe. Wird sie geführt, mit welchem Ergebnis? Als Historiker möchte ich nur ungern über die Gegenwart sprechen – und stoppe deshalb hier.

Literaturempfehlungen:

Bagalej, D., Miller, D.P.: Istorija goroda Char’kova za 250 let ego suščestvovanija (1655-1905). T. I-II. Char’kov 1993 (Reprintnoe izdanie Char’kov 1905).

Bosse, G.: Jene Zeit in Charkow 1936-1941. Eine Jugend unter Stalin. Berlin 1997.

Friedrich, G.: Kollaboration in der Ukraine im Zweiten Weltkrieg. Die Rolle der einheimischen Stadtverwaltung während der deutschen Besatzung Charkows 1941 bis 1943. Inauguraldissertation Ruhr Universität Bochum 2008.

Hausmann, G.: Lokale Öffentlichkeit und städtische Herrschaft im Zarenreich: Die ukrainische Stadt Charkiv. In: A.R. Hofmann, A.V. Wendland (Hrsg.): Stadt und Öffentlichkeit in Ostmitteleuropa 1800-1939. Stuttgart 2002, S. 213-234.

Hewryk, Titus D.: Planning of the Capital in Kharkiv. In: Harvard Ukrainian Studies (16) 1992, S. 325-359.

Kossior, S., Postyschew, P.: Der bolschewistische Sieg in der Ukraine. Moskau-Leningrad 1934.

Kopelew, L.: Und schuf mir einen Götzen. Lehrjahre eines Kommunisten.

Kravčenko, V.: Char’kov / Charkiv: stolica Pohranyč’ja. Vil’njus 2010, S. 280-331.

Schlögel, K.: Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen. München 2015, S. 159-181.

Skorobogatov, A.V.: Charkiv u časy nimec’koji okupaciji (1941-1943). Charkiv 2004.

Wade, R.: The Revolution in the Provinces: Khar’kov and the Varieties of Response to the October Revolution. In: Revolutionary Russia (4) 1991 No.1, S. 132-142.

Zhadan, S.: Revolution im Stellungskrieg. C. Dathe, A. Rostek (Hrsg.): In: Majdan! Ukraine, Europa. Berlin 2014, S. 108-116.

http://www.drobytskyyar.org

 

Fenster nach Pjatipol

Schon seit einigen Jahren zeichnet Alexander Milstein Illustrationen zu seinen Texten. So etwas ist immer faszinierend. Gewöhnlich befindet sich der Illustrator irgendwo neben dem Leser, die Distanz ist die gleiche. Welcher Art die Distanz des Autors in diesem Fall ist, bleibt ein Geheimnis – schließlich illustriert er nicht so sehr die Erzählung, die referentiellen Peripetien des Sujets, sondern vielmehr den Fluss seines Schreibens. Seine Betonungen, Diffusionen, sein Fallen. Seinen Glanz. Das sind nicht einmal Illustrationen, es sind Visionen, „Fenster nach …“ – die strahlenden Wesen auf den riesigen Zeichnungen Klossowskis, die wirbelnden Körper Blakes, die stiebende Tusche Hugos, seine Klekse und Kaffeeflecken … Immer viel näher am Text und zugleich viel weiter davon entfernt, als wir uns vorstellen können. Etwas außerhalb des Erzählens Liegendes, seine Kehrseite, seine große Unlesbarkeit der Mittel. Oder, über eine schwebende, krumme Tangente, in der Verkürzung einer Anamorphose, der Sumpf des Erzählens, ein Sujet, das in andere Sujets einbricht.

 

In Milsteins Fall ist alles noch viel komplizierter und interessanter, sind doch seine Texte selbst – mit ihrem absichtlichen „Gemurmel“, den russisch-deutschen Assonanzen, mit ihrer Fähigkeit, von jedem Punkt aus in alle Richtungen auseinanderzulaufen – eine besondere Maschine des Schreibens. Spricht man von diesen „Maschinen“ (im Deleuzeschen Sinne des Wortes), mag man an die Texte von Jarry, Roussel, Burroughs oder Andrej Belyj denken. Diese Autoren „beschäftigen sich […] mit der Erfindung eines kleinen Gebrauchs der großen Sprache, in der sie sich vollständig ausdrücken: Sie minorisieren diese Sprache, und zwar wie in der Musik, in der die Molltonart dynamische Kombinationen in beständigem Ungleichgewicht bezeichnet. Sie sind große Autoren gerade deshalb, weil sie minorisieren: Sie lassen die Sprache entfliehen, sie lassen sie auf einer Hexenlinie davonschießen und halten daran fest, sie ins Ungleichgewicht zu stürzen, sie mit jedem ihrer Terme in Verästelungen und Variationen zu treiben …“ (Gilles Deleuze: Kritik und Klinik)[1]. Die Texte widersetzen sich der konventionellen Belletristik, der „großen Literatur“. Sie „erzählen“ nicht, „beschreiben“ nichts, vielmehr „arbeiten“ sie – durch ihre Geschwindigkeit, ihre Beweglichkeit an den Bruchstellen, Rissen, optischen Wechseln und Beschwörungen. Sie fügen sich nicht der alltäglichen Ordnung des Geschehens, sondern einem darüber liegenden, von uns nicht vollständig erfassbaren Prinzip. Sie geben einem Unbekannten, Verletzten eine Stimme, erfinden eine Stimme – für jemanden, der eigentlich keine Stimme haben sollte. Wie bei Milstein, dem in München lebenden Charkiwer, die Stimme des Emigranten, des Aphasikers und Flaneurs.

 

So haben wir es zugleich mit zwei „Maschinen“ zu tun – einer Maschine des Schreibens und einer Maschine des Illustrierens. Ihre Interaktion bleibt uns teilweise verborgen. Was ist hier das Primäre – das Schreiben, das die Illustrationen hervorbringt, oder doch die Zeichnungen, die der Erzählung eine andere Richtung geben, sie immer und immer wieder zu einem anderen, von neuen Figuren wimmelnden Zusammenbruch drängen? Diese Maschinen scheinen vielmehr in einem Wechselspiel zu funktionieren, im Zusammenstoß und in teilweiser Überschneidung. Sich gegenseitig bedingend und ineinander verkeilt. Milsteins Zeichnungen sind ein grafischer Ausdruck dieser Bewegung, ihre Reibung und ihr Spiel. Halb verborgene Anhäufungen von Konturen, mäandernde Kugelschreiberlinien, raue Pastellflecken, computergenerierte Umrisse in einer Lightbox. Ein multipolares Aggregat: Dipol, Quadrupol, Quint- oder Pjatipol … Und zugleich die Unebenheiten, Abbrüche, Furchen und Rillen, ein Wirrwarr der Jahreszeiten: Zwei, drei, fünf Felder … Oder, wie eine Verkörperung, ein Phantasma dieser flatternden Leichtigkeit in Verbindung mit einem erbarmungslosen Knirschen – „Pani Bronja“, eine hebephrene alte Frau, Kultfigur der Moskauer und ukrainischen Kunstszene der 1990er, die auf Milsteins Zeichnung in Ballettröckchen erscheint, dabei aber ein riesiges Schwert hält, gleich einer altgriechischen Moira, der schrecklichen Schicksalsgöttin.

 

Beim Betrachten „gewöhnlicher“ Buchillustrationen haben wir immer eine ungefähre Vorstellung davon, was sie uns „geben“, was wir von ihnen erwarten können – ästhetischen Genuss, eine präzise Ausarbeitung von Zeit und Ort oder im Gegenteil eine Realisierungsform des Autorenpathos. Eine Erholung für die Augen im Textmassiv. Milsteins Zeichnungen mögen im Vergleich dazu übermäßig leidenschaftlich und zugleich übermäßig teilnahmslos erscheinen. In irgendeiner Verwirrung oder Verlegenheit. Uns fehlt der Zugang zu ihnen, wir bleiben darin stecken und werden im selben Augenblick hoffnungslos hinausgestoßen. Wie im Traum mag uns die Gestalt des Autors erscheinen, wohl der einzige, der dort ist, wo sich die Handlung entfaltet, und der ihren Code kennt. Aber kann es so einen Ort wirklich geben? Und würde der Autor dort sein wollen? „Ich schreibe, weil ich nicht darüber schreiben kann, wie ich nicht schreiben kann“, verrät Milstein in seiner Erzählung Pjatipol, die dem Band seinen Namen gegeben hat. Der einzigen übrigens, die in der ersten Person erzählt ist und in der sich der Protagonist wieder in der Ukraine befindet. In einem rätselhaften, erfundenen Pjatipol, irgendwo zwischen Poltawa und Kiew. In einem Städtchen, das vertikal, hochkant gebaut zu sein scheint, umgeben von Wäldern mit weiß gestrichenen Baumstämmen. So etwas widerfährt auch uns allen. Wir finden uns auf einem Abhang wieder, wo wir eine Ebene vor uns glaubten. Und im Flimmern weißer Stämme, wo wir hofften, etwas Vertrautes zu sehen. Milstein als Autor ist als erster bereit, auf alle Garantien und Privilegien seiner Autorenposition zu verzichten – Ich schreibe, weil ich nicht schreiben kann und zeichne, um diese Unmöglichkeit zu bewahren und zu schützen. Die Position des Autors erscheint nur als Fenster, als Einbruch in das Staunen, das Lügenmärchen, die Vorfreude und die Verzweiflung. Und zugleich als Manier – der Erzählung, des Strichs und der Farbgebung. Auf den Linien einer Reise, des Verschwindens, der Rückkehr oder der Flucht, auf den schutzlosen Feldern der Sprache. Wie ein Augenblick, eine Vision, ein Aufblitzen inmitten Hunderter Kilometer weißer Stämme. In Zeiten der unbedeutendsten und unbeschreiblichsten Ereignisse.

Juri Leidermann

[1] Das Deleuze-Zitat folgt der Übersetzung von Joseph Vogl aus dem französischen Original in Gilles Deleuze. Kritik und Klinik. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 148.

Für Eine Brücke aus Papier 2017 in Charkiw und Kiew aus dem Russischen übersetzt von Lydia Nagel.

Wir Deportierte: Eine Coda

„Das Haus ist konfisziert”, sagen Männer mit Maschinenpistolen. „Packen Sie nur das Nötigste, der Transporter wartet schon.”

Diese Worte haben – und hatten schon unzählige Male – verschiedene Varianten. Zum Beispiel: „Sie haben zwei Stunden zum Packen” (oder eine halbe Stunde, oder vierundzwanzig Stunden – ein existentieller Unterschied!). Außerdem: „Pro Person sind nicht mehr als zwei Kilogramm Gepäck erlaubt!” (oder fünf, oder wie viel man zu tragen vermag …). Jede Kleinigkeit – sie kann nach Muttermilch, nach warmen Brot, nach Kinderhaar duften, nach alten Fotografien, nach dem ehelichen Federbett, nach Medizin, getrockneten Gewürzen in einem Säckchen und nach Heiligenbilder riechen, die mit Wachsflecken von Opferkerzen übersät sind – kommt zu deinem Lebendgewicht hinzu, zu unserem ganzen unteilbaren, im Blut einiger Generationen zusammengeschmolzenen Leben. Doch daraus müssen nun zielsicher einige Stützen herausgebrochen werden, damit es nicht auseinander fällt – und doch ist es bereits auseinander gefallen!- um sich daraus schnell ein transportables, im Rucksack tragbares Heim zu basteln, ein Schneckenhaus, das uns im Weiteren zusammenhält, und so ist es in der Tat eine wichtige Frage, vielleicht die Frage aller Fragen, deren Beantwortung mehr über uns aussagt, als hunderte von Formularen oder ausgefüllten Fragebögen in der Art „Welche fünf Bücher würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?” – Ja, wie lange brauchen Sie, um zu packen, wenn Männer mit Maschinenpistolen auf Ihrer Türschwelle stehen und sagen: „Packen! Der Transport wartet schon…?“

Das ist keine Reise, von einer Reise kehrt man zurück. Das ist keine Emigration, die Emigration wählt man. Und in beiden Fällen sind Sie selbst handelndes Subjekt. Doch in jenem anderen Fall ist das ausschlaggebende Wort: „Transport”. Und Sie sind nur die Ladung, eine statistische Ziffer des Transports, wie ein Stück Vieh oder ein Kubikmeter Holz. Ein unsichtbarer fremder Wille schält Ihnen die Haut ab wie einem Baum die Rinde, entblößt Ihr Zuhause, Ihre ureigene Landschaft der Erinnerung, die zu einem Teil Ihres Körpers geworden ist und schickt Sie dann über den Globus ins Ungewisse, setzt Sie an einem unbekannten Ort aus. Man sagt: Das ist nun Ihr Zuhause, gewöhnen Sie sich dran! Gewöhnen Sie sich daran oder verrecken Sie! Das ist Ihre Sache.

… wenn diese Verfahrensweise an mehreren Generationen durchexerziert wurde, ist der Mensch tatsächlich wie ein entwurzelter Baum sein, unfähig von neuem Wurzeln zu schlagen, nie und nirgends mehr bodenständig sein. Kein Ort wird Ihnen mehr vertraut sein.

Oksana Sabuschko
Wir Deportierte: Eine Coda (Auszug)

Übersetzt von Alexander Kratochvil

Die Mannerheimlinie

Strophe 1:
Unsere Häresie beruht auf dem Glauben.
Säuberungen beginnen in der Live-Übertragung.
Die ersten Pogrome, verbrannte Fähren.
So entsteht eine Verteidigungslinie.

 

Zerfetzter Raum für Kampf und Liebe –
Das ist alles, was dir noch erhalten bliebe…
Der Himmel verwandelt sich in Blei.
Der Kalte Krieg fängt von vorne an.

 

Die Hitze dörrt Balkone und Terrassen aus.
Von den nächtlichen Straßen kommen Dämonen.
Sie stecken deine Grundschule in Brand,
mitten auf dem Floor fertigen sie ein Kruzifix an.

 

Der Dämon wuchs auf unter Freunden im Gemetzel.
Dämons Bewegungen sind langsam und stimmig.
Das Herz des Dämons ist blutig und warm.
Der Dämon heult laut und fragt dich dann:

 

Refrain:
Wo ist deine Mannerheim-Linie?
Wo ist deine Mannerheim-Linie?
Trophäen-Tasche. Monatsnorm.
Die Scouts füllen die erste Plattform.

 

Die Ausschlusslinie, die Linie des Schmerzes,
Die Linie, die ständig hinter dir her läuft.
Himmlisches Palästina, inneres Libyen,
wo ist deine Linie, ja, wo ist deine Linie?

 

Strophe 2:
Die Welt verläuft dort, wo du eben stehst.
Die Welt berührt die allertiefste Stille.
Die Welt entsteht aus Finsternis und Lichtern.
Die Kinder schreiben wahre Geschichten.

 

Die Luft besteht aus Licht und aus Wasser.
Für einen Rückzug gibt es keinen Raum.
In der Luft sind vierzig Stimmen verborgen.
Die Zeit zerbricht, sedimentiert und bleibt still.

 

Die Zeit ist müde, sie bewegt sich nicht,
von einem Kampfschiff versenkt, verlangsamt sie ihren Gang.
Wo ist deine Schicksalslinie? Wo ist sie?
Wem richte ich jetzt deine Grü.e aus?

 

Die Hingabe besteht aus gebrochenen Herzen.
Der Dämon spielt auf der Militärtrompete auf.
Der Mond geht auf, kalt wie eine Leiche,
Er gibt dir Licht, er singt mit dir.

 

Vom Himmel bricht die Juli-Hitze herunter.
Wo verläuft die Linie deines Himmels?
die Linie der Erinnerung, die Linie des Abbruchs,
an der sich Wellen in Eisbrocken verwandeln?

 

Wie Steine fliegen die Vögel über dir.
Die Sonnenstrahlen durchbohren die Dämonen.
Die Sonne ist aus Gras und Aluminium geknetet.
Gott fürchtet sich, die Linie zu übertreten.

 

Refrain:
Wo ist deine Mannerheim-Linie?
Wo ist deine Mannerheim-Linie?
Die Tasche voller Trophäen. Die Monatsnorm.
Die Nähte reißen an der Soldatenuniform.

 

Die Ausschlusslinie, die Linie des Schmerzes,
Die Linie, die immerzu hinter dir her läuft.
Schwarze, ausgebrannte Generation,
wo ist deine Linie, ja, wo ist deine Linie?

 

Wo ist deine Mannerheim-Linie?
Wo ist deine Mannerheim-Linie?
Trophäen-Tasche. Monatsnorm.
Die Scouts füllen die erste Plattform.

 

Die Ausschlusslinie, die Linie des Schmerzes,
Die Linie, die immerzu hinter dir her läuft.
Himmlisches Palästina, inneres Libyen,
wo ist deine Linie, ja, wo ist deine Linie?

von Serhij Zhadan

 

Serhij Zhadan – Gesang
Eugene Turchinov – Gitarre
Oleg Kadanov – Gitarre

Übersetzung aus dem Ukrainischen – Stefaniya Ptashnyk

Der ewige Student

Um meiner Geschichte einen Raum zu verleihen, beginne ich mit dem Gebäude.
Als ich es das erste Mal sah, war ich vielleicht fünf. Ich spazierte mit meinen Eltern und ihren Freunden durch den Schewtschenko-Garten. Als wir, wie ich heute verstehe, beim Haupteingang ankamen, stellten sich die Erwachsenen in einen Kreis und begannen sich angeregt zu unterhalten. Ich legte den Kopf in den Nacken, beugte mich zurück und sah, dass das über mir aufragende Himmelsgewölbe nicht etwa blau war, sondern gelb und, noch seltsamer, lauter kleine Karos hatte.
Später sah ich das Gebäude aus der Ferne, wenn ich und meine Eltern außerhalb des Nagorny-Bezirks etwas erledigt hatten und mit einer Tram nach Hause fuhren, an deren Marke – so nennen wir in Charkow die Linie – ich mich heute nicht mehr erinnere.
Plötzlich tauchte es dann über der Stadt auf: eine Anhäufung von Eisbergen, mit Sand bestreut wie Fußwege im Winter.
Dann schloss ich die Schule ab, schrieb mich an der Charkower Staatlichen A.-M.-Gorki-Universität ein und studierte dort zwei Jahre lang. Trotzdem war ich mir am Ende dieser Zeit und bin auch heute noch keineswegs sicher, dass ich dort den richtigen Hörsaal finden würde.
Besser gesagt: Irgendwie fand ich ihn meistens doch, sozusagen nach dem Prinzip »Versuch und Irrtum«. Doch wenn mich jemand nach dem Weg dorthin fragte, zuckte ich mit den Schultern.
Irgendwann wurde mir klar, warum das Gebäude sich nicht fassen ließ: Es hatte mehr als drei Dimensionen. Seine Korridore waren schnurgerade und lang wie die Sumskaja-Straße. Aber selbst wenn ich sie immer in eine Richtung entlangging, kam ich stets wieder dort an, wo ich losgegangen war … Ich werde jetzt nicht auf alle räumlichen Absonderlichkeiten dieses Gebäudes eingehen, sondern sage nur, dass ich mir nicht sicher bin, ob dies bereits im Entwurf der Architekten Serafimow und Sandberg-Serafimowa so angelegt war. Vielleicht hat diese merkwürdige Topologie ja auch mit der Verflechtung verschiedener Raum-Zeit-Kontinuen zu tun: des ursprünglichen Domprojektstroi-Hauses auf der einen Seite sowie des reinkarnierten, von Kostenko und Lifschiz geplanten Universitätsgebäudes auf der anderen.
Ersteres entstand in den Jahren 1930 bis 1933. Im Krieg stark beschädigt, wurde es von Letzterem überdeckt, oder besser: einverleibt. 1963 war das, im Jahr meiner Geburt …

Alexander Milstein
Der ewige Student (Auszug)

Aus dem Russischen von David Drevs

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Sterndeutung

Das sind die Feiertage gewesen. Ich habe im neuen Jahr über das alte geschrieben, dafür habe ich die ersten, gewissermaßen freien Januartage gebraucht. Aber ich habe das Charkower Traktorenwerk nicht vergessen. Seinerzeit habe ich mich ausgiebig mit dessen Geschicken beschäftigt, weil mein Vater dort gearbeitet hatte und weil die Charkower Juden dorthin zogen. Lange vor dem Einmarsch der Deutschen war das Betriebsvermögen evakuiert worden. Aber warum hatte man nicht stattdessen die Juden mitgenommen, die von den neuen Machthabern sofort besternt und im Verlauf von zwei Winterwochen auf dem ehemaligen Werksgelände schlechter behandelt wurden als Maschinen von einem betrunkenen Mechaniker? Ja, um den Nutzen von Panzern und Traktoren wusste jedes Kind, hingegen stritten sich Gelehrte über den Wert der Juden. Außerdem galt damals, im Krieg, der Vorzug grundsätzlich dem Stahl, nicht Körpern.

In der zweiten Dezemberhälfte wurden die Juden auf dem Gelände des Charkower Traktorenwerks dem Verhungern überantwortet. Manchmal, wenn ein Jude den Kopf aus einer der Holzbaracken steckte, nahm dieser oder jener Wachposten die Gelegenheit wahr und schoss, vielleicht weil Prämien für vereitelte Fluchten ausgelobt worden waren, vielleicht weil die Gewehre, die unter strengem Frost litten, betriebsfähig zu halten waren. Ja, klirrende Kälte herrschte, die dem eisigen Klang dieser Wendung ganz und gar entsprach, wenn auch in Wirklichkeit nichts klirrte bis auf Waffen; sondern ruhig und wie auf Zehenspitzen trug sich’s zu, weil Lärm Kraft und also Wärme kostet.

In den Baracken lag, eingewickelt in Mäntel und Lumpen, einer über, neben und unter dem anderen, strebte stetig zur Raummitte und ließ Tote nackt zurück, weil jedes Kleidungsstück Wärme versprach. Eine Baracke wie die andere, ein Tag wie der nächste. Doch wer einige Schritte an den Zaun tat, wurde augenblicklich erschossen. Das war ein ganz anderes Sterben, weil ein Schuss lauter ist als unmerkliches Vergehen. Aber welcher Weg dorniger ist, der laute des Schusses oder der leise des allmählichen Verhungerns und Erfrierens, weiß ich nicht, weiß ich nicht.

Jan Himmelfarb

Sterndeutung, Roman, C.H. Beck 2015 (Auszug S. 104 – 105)

CHARKIW, 1995, 1997

Aus dem Zugfenster konnte ich den Namen des letzten Haltepunkts vor Charkiw lesen: Nowa Bawarija. Das reichte, um eine lange Kette historischer Assoziationen in Gang zu setzen: Hitler, Bier, das Jahr 33, Postyschew, Fackelzüge, Sportlerinnen-Kolonnen am 1. Mai, wieder Bier, ganztägige Verhöre, der verirrte Galizier Les Kurbas, Stacheldraht an den Genitalien, Liebe zum Vaterland.

In Charkiw lag massenhaft Schnee – Frühlingsschnee, Aprilschnee, Halswehschnee, die schlimmste Sorte, auf die die Menschheit nie vorbereitet ist und gegen die sie nichts ausrichten kann. In nur vierundzwanzig Stunden war so viel Schnee gefallen wie sonst in einem halben Jahr, die Autos waren bis zu den Stoßstangen eingeschneit, die Fahrer konnten die Adressen nicht finden, und mein leichter Nachtzugkater erhöhte die Realität in einen Zustand fast surrealer Leichtigkeit. Die Hauptstadt der mythischen Arbeiterukraine blieb sich treu, beeindruckte mit postindustriellen Ruinen in unmittelbarer Bahnhofsnähe: Diese städtische Landschaft musste einfach zur Geburtsstätte von Punk, Poesie der Verzweiflung und proletarischer Melancholie werden.

Ich kam zum zweiten Mal nach Charkiw, und zum zweiten Mal versetzte mir die Authentizität des Ortes einen fast mystischen Schock.

Wir standen im Innenhof des ehemaligen Schriftstellerhauses „Slowo“, „Wort“. Mein Stadtführer zeigte mir eine halb offen stehende Fensterluke im ersten Stock. Dort lag jenes Arbeitszimmer, aus dem am Sonntag, dem 13. Mai 1933, das Geräusch eines Schusses in den Hof drang, des treffendsten, einfach zur Treffsicherheit verurteilten Schriftstellerschusses. Gleich nebenan, in der Wohnung von Mychajlo Semenko, fand am Vorabend ein Fest statt, man hatte bis vier Uhr morgens gefeiert, der Aufbruch dauerte lange, man sang und konnte sich auch draußen noch nicht beruhigen, auf den Straßen roch es schon nach den halb verwesten Leichen der an Hunger gestorbenen Bauern, wahrscheinlich störte der Lärm von Semenkos Gesellschaft den Dichter Chwyljowyj in seiner letzten Nacht. So erzählte es mir mein Stadtführer.

Juri Andruchowytsch

aus: Kleines Lexikon intimer Städte. Autonomes Lehrbuch der Geopoetik und Kosmopolitik

Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr

© Insel Verlag Berlin 2016

ANMERKUNGEN

Mychajlo Semenko (1892-1937), ukrainischer Dichter und führende Figur des ukrainischen Futurismus in den 1920er Jahren

der an Hunger gestorbenen Bauern Verweis auf die Hungerkatastrophe des Holodomor, der in den Jahren 1032 und 1933 Millionen Menschen das Leben kostete

Mykola Chwyljowyj (1893-1933), ukrainischer Dichter der „Erschossenen Wiedergeburt“

Russische Yoga-Schule

Alexander Milstein Illustration

Ich nähere mich dem Gebäude der ehemaligen Synagoge. Früher konnte man hier Ringen, Kraftsport, Boxen und Basketball trainieren. Außerdem gab es ein Trampolin. Jetzt ist die Synagoge dunkel und leblos, aber ich erinnere mich genau, dass es dort ein Trampolin gab. Ich flog dort durch die Luft und blieb in einer lichten Wolke unter der Kuppel hängen.

Die Trampolinhalle war immer von Sonnenlicht durchflutet, nirgends wollte man so sehr springen, sich überschlagen und lachen. Damals wusste ich nicht, dass das Gebäude früher eine Synagoge gewesen war, sonst hätte ich mich dort nicht so gedankenlos ausgetobt. Als Kind empfand ich bei dem Wort »Jude« immer eine ausweglose Beklemmung. Es ließ mich sofort an Leiden und Tod denken. Und ich hatte furchtbare, panische Angst vor dem Tod und davor, an den Tod erinnert zu werden.

 

Ich komme am Naturkundemuseum vorbei, in dem sich lauter ausgestopfte Tiere befinden, die einmal auf der Erde gelebt haben. Vor dem Museum stehen graue Idole aus Stein, skythisch oder von anderen Stämmen. […] Langsam gehe ich die Stufen hinab, die unter die Erde führen. Als nur noch mein Kopf herausschaut, blicke ich mich um. Es ist bereits Nacht, die Stadt ist unsichtbar, nur eine schwarzweiße Monade ist durch das verschmierte Glas an einem Laternenpfahl zu erkennen. Darauf in großen Lettern:

RUSSISCHE YOGA-SCHULE

 

Diese Anzeigen hängen in der ganzen Stadt. Obwohl ich ständig darauf stoße, habe ich nie verstanden, was sie bedeuten. Erst jetzt, in der Metro-Unterführung, wird mir plötzlich bewusst, dass dies der Titel meiner Geschichte ist.

 

Mit einem kalten Ziehen in der Magengrube kehrt das Gefühl der eigenen Abwesenheit zurück.

Alexander Milstein
Russische Yoga-Schule
(Auszug)

Aus dem Russischen von David Drevs

Exportweltmeister

Christian Schnurer gehört einer Generation an, die im Osten Bayerns, unmittelbar neben dem Eisernen Vorhang, aufgewachsen ist. Mit dem Projekt »Ostexport« untersuchte der Künstler Mechanismen militärischer Interventionen von Vergangenheit zur Gegenwart. Er reiste 2015 mit einem Trabant durch ehemalige Ostblockstaaten von München nach Kiew und wurde dabei von dem Filmemacher Lorenz Kloska begleitet. Auf dem Dachgepäckträger des Reisemobils war der in rosa Folie verpackte Abwurftank eines russischen Kampfjets montiert – Titel seiner »Skulptur«: Exportweltmeister.

Auf dem Weg nach Kiew durchkreuzte der Künstler Wien, Budapest, Bratislava und Lwiw. Dort suchte er Heldenplätze und Denkmäler auf, die auf den Gebieten des ehemaligen Ostblocks in einer Vielzahl vorhanden sind. Die meisten von ihnen wurden zu Ehren gefallener Rotarmisten gegen den faschistischen deutschen Feind errichtet. Christian Schnurer platzierte sein Gefährt vor den jeweiligen Mahn- und Heldendenkmälern. Der Exportweltmeister fungierte dabei als Pro-tagonist und Vermittler, der die Menschen mit dem Künstler vor Ort ins Gespräch bringt. Hilfreich dabei: Der in rosa Noppenfolie verpackte Abwurftank.

 

Schilderungen von Bombardierungen mit phallischer Metaphorik sind üblich. Zur Zeit des Kalten Krieges, auf einem Seminar für Atomwissenschaftler, sagte man einer Teilnehmerin, dass kein Wissenschaftler je ernstlich eine Abrüstung in Erwägung ziehen würde, denn Abrüstung bedeute nichts anderes als Entmannung (Cohn Carol: »In the Rational World of Defense Intellectuals«, in: Signs 12 / 4, 1987). Die Forscher hielten Vorträge über »vertikale Erektorabschußrampen« und ein Militärbe-rater des Nationalen Sicherheitsrates bezeichnete erfolgreiche -Militäroperationen als »tiefe Penetration«. Seinem Zweck entfremdet, liegt der Abwurftank als in rosa verpacktes Phallussymbol auf dem Dachgepäckträger eines alten, rostigen Trabis aus der ehemaligen DDR, der von einem Westdeutschen gesteuert wird, welcher damit Länder bereist, die einst zur Sowjetunion oder ihrem Einflussgebiet gehörten, die wiederum vor 75 Jahren von der deutschen Wehrmacht überfallen wurden.

 

Eine Provokation? Die verpackte Skulptur musste Schnurer an der Grenze zur Ukraine auseinanderbauen, man wollte sichergehen, dass es sich dabei nicht um eine Rakete handele. Dem Künstler trat man aber auch mit Witz entgegen: »Bestimmt ein Geschenk von Merkel an Putin«, scherzte der Grenzbeamte.

 

Die Helden- und Ehrendenkmäler werfen Fragen zu Zweck, Vergan-genheitsbewältigung, Verlust, Heimat, Krieg, Patriotismus und Propa-ganda auf und bieten dazu Projektions- und Interpretationsflächen. Vergangenes lässt sich nicht von der Gegenwart trennen. So werden in der Russischen Föderation derzeit neue Stalindenkmäler gebaut, die Geschichtsbücher werden umgeschrieben und die baltischen Staaten fürchten sich vor einer militärischen Intervention, wie sie in der Ukraine bereits stattgefunden hat.

 

Waffenexporte aus Deutschland haben sich in den letzten anderthalb Jahren verdoppelt, während die Kriege anderswo eskalieren. Deutschland ist Exportweltmeister, an dritter Stelle, nach den USA und der Russischen Föderation, gefolgt von Frankreich und China. Mit fast schon subversiv anmutendem Witz versteht es Christian Schnurer, As-pekte von Nationalismus, Militarismus und Kriegspropaganda aufzugreifen und offen zu legen. Der Kalte Krieg ist längst vorbei und wurde zwischenzeitlich von Phasen militärischer Entspannung abgelöst, doch hat ein neuer, hybrider Krieg begonnen.

 

 Andrea Lamest

Kulturallmende hat Christian Schnurer, geb. 1971 in Schwandorf, Oberpfalz, mit den Fotoarbeiten und dem Filmdokument seiner Kunstaktion Ostexport zum Projekt Eine Brücke aus Papier in die Ukraine eingeladen. Zwei Galerien der »Brücken«-Städte, die Ya Galerie Kunstzentrum Dnipro und die Dzyga Galerie Lwiw, bieten dem Künstler Raum für seine Ausstellung, mit maßgeblicher Unterstützung des Goethe-Instituts Ukraine. Schnurer startete im Oktober 2015 von München nach Kiew, über Wien, Bratislava und Budapest mit dem Expeditionsprojekt »Ostexport« in einem Trabant mit einem rosa eingepackten Abwurftank sowjetischer Herkunft auf dem Autodach, um Krieg und die glorifizierenden Denkmäler, vor denen er in jeder Stadt Halt machte, in Frage zu stellen.

 

Lorenz Kloska, Filmemacher aus München, begleitete die gesamte Aktion mit Kamera und Ton. Der Film Ostexport – unterwegs mit dem Exportweltmeister von München nach Kiew (Länge 60 min.) wurde am 6. Oktober 2016 im Arena Filmtheater in München uraufgeführt.

In Dnipro am Dnipro

Zwischen Zarenpracht und Raketenmacht: Dnipro, früher bekannt als Dnjepropetrowsk, bietet vielfältige unentdeckte Sehenswürdigkeiten. Darüber vergisst man fast, dass die Front nur rund 200 Kilometer entfernt ist.

 

In der Steppe geht der Sonnenuntergang ganz schnell. Als unser Flugzeug landet, plumpst die rote Sonne vom Himmel wie ein Stein in ein Glas Wasser. Noch auf der Gangway wollen wir eine Aufnahme vom sowjetisch anmutenden, mintfarbenen Schriftzug »Dnipropetrosk« über der Flughafenhalle machen. Nichts da, ein Flughafen-Mitarbeiter zwingt uns, das Foto zu löschen. Dnipro, wie die Stadt am gleichnamigen Fluss seit diesem Jahr heißt, ist Luftbasis für den Krieg in der Ostukraine. Davon künden auch die Militärhubschrauber auf dem Flugfeld. In der Stadt selbst ist vom Krieg wenig zu spüren, abgesehen von der Frequenz der Nationalfarben gelb und hellblau, die auch die Kinderkleidung prägen. Dnipro verbreitet in diesen Tagen die sommerliche Heiterkeit einer prosperierenden Millionenstadt. Aber die Touristen fehlen. Liegt es am Krieg oder daran, dass Dnipro im Rest der Welt weitgehend unbekannt ist?

 

Wer meint, eine Stadt, die bis vor kurzem den unaussprechlichen Namen Dnipropetrowsk trug, wäre unwirtlich, irrt. Dnipro ist ein städtebauliches Juwel. Gegründet wurde es 1776 von Katharina der Großen als Jekaterinoslaw, als Bollwerk gegen die Osmanen. Katharinas Gouverneur und Galan, Fürst Potjomkin, ließ als Herzstück einen kilometerlangen Prospekt mit breitem Grünstreifen in der Mitte anlegen, der auch heute noch die Hauptgeschäftsstraße bildet. Rechts und links davon liegen prachtvolle klassizistische und Jugendstil-Gebäude in blau, gelb, grün oder rosa, oft von weißen Säulen untergliedert. »Jekaterininki« werden die zwei- bis dreistöckigen Bauwerke liebevoll genannt. Der Boulevard führt im Osten bis an den Fluss Dnipro, vorbei an ein paar U-Bahn-Baustellen, deren Fertigstellung seit 20 Jahren nicht nur am harten Granitboden scheitert. Noch heißt die Allee nach Karl Marx. Bald wird sie den Namen Dmytro Jawornyzkis, des berühmten ukrainischen Forschers, tragen. Zuerst wurde in Dnipro der ehemalige Lenin-Platz in »Platz der Helden des Maidan« umbenannt. Bald werden auch die nach Gorki, Liebknecht, Zetkin und anderen sozialistischen Granden benannten Straßen und Plätze folgen. Doch der Austausch der Straßenschilder lässt auf sich warten – sehr zum Ärger der Dniproer Taxifahrer.

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Straßen und Plätze: Lenin & Co. haben als Namensgeber ausgedient. (Foto: Judith Leister)

Im Gegensatz zu den unruhigen politischen Zeitläuften windet sich der Dnipro von Kiew kommend in einer großen ruhigen Schleife durch die Stadt, bevor er viele Kilometer südlicher ins Schwarze Meer einmündet. Manchmal erinnert der große Fluss an ein Meer – wenn nicht die Seerosen wären. An der Uferpromenade warten schwimmende Restaurants und kleine Dampfer auf Gäste, eine Event-Location liegt wie ein UFO auf dem Wasser. Fliegende Händler bieten gerösteten Mais oder Kaffee aus dem Autoheck an. Dennoch, wenn man die geschäftige Unruhe an der Promenade von Jalta oder an den Kanälen Petersburgs kennt, wirkt Dnipro fasst ein bisschen verträumt. Dreht man sich dann vom Ufer weg in Richtung Süden, versteht man jedoch, warum die Stadt auch »Manhattan am Dnipro« genannt wird. Die zahlreichen modernen Hochhäuser sind weithin sichtbare Symbole für die Bedeutung der Finanz- und Handelsmetropole. Bis heute zehrt Dnipro auch von seinem Ruf als einstiges Zentrum der Raumfahrt und der Rüstungsindustrie. Bis 1989 war die Stadt für Ausländer geschlossen, trug den Spitznamen »Rocket City«. Noch immer existieren der frühere Rüstungsbetrieb Juschmasch und das dazugehörige Konstruktionsbüro Juschnoje. In den letzten 20 Jahren sollen hier jedoch nur noch Zivilraketen produziert worden sein. Und seit letztem Jahr gibt es praktisch keine Aufträge mehr. Für die immer noch schwer zugänglichen Betriebsstätten bietet der Besuch des »Raketenmuseums« nur unzureichenden Ersatz.

Schnelldrehender Veranstaltungsort auf dem Fluss. (Foto: Judith Leister)

Inmitten des Parks, der nach dem omnipräsenten Nationaldichter Taras Schewtschenko benannt ist, liegt der Studentpalast der staatlichen Oles-Gontschar-Nationaluniversität. Das grüngelbe Gebäude sollte einmal der Gouverneurspalast des Fürsten Potjomkin werden. Im Jahr der Französischen Revolution erbaut, wurde es jedoch erst nach der Revolution fertiggestellt, für die Universität genutzt und dann im Zweiten Weltkrieg wieder teilweise zerstört. Im Eingangsbereich sitzt eine gelangweilte Wärterin hinter einem prachtvollen Tresen unter weißen Säulen und glitzernden Lüstern. Seltsam verschattet sind die langen Gänge des Instituts, in denen sich Studenten auf roten Samtsofas lümmeln. Der Ballsaal im Souterrain und der große Theatersaal strahlen einen geradezu imperialen Glanz aus, nur dass der Souverän die Arbeiter und Bauern sein sollten.

 

Eine kreisrunde Kolonnade schließt den Park ab und führt weiter zum Oktober-Platz, wo an allen Ecken Überraschungen warten. Jenseits der Hauptstraßen dämmern Villen mit eingefallenen Dächern ihrem warmen Abriss entgegen. Bei manchen strahlt die Sonne nur noch durch die vordere Häuserfront. Andere sind überwuchert wie alte Tempelanlagen im Urwald. Auf den freigewordenen Grundstücken entstehen oft zwanzigstöckige Hochhäuser, die feudale Blicke auf die Stadt und den Fluss eröffnen. Dazwischen kauern als verlässlichstes Element Chruschtschowkas, einfache Ziegelbauten aus der sowjetischen Tauwetterperiode, aber auch fantastische Betongebilde, von denen eines eine Vergangenheit als Nachtlokal hat, wie die verwitterte Schrift am Eingang verrät. Auf der Komsomolsky-Insel überragt der Kopf einer überdimensionalen Schewtschenko-Figur die Bäume. Wieder einmal leuchten goldene Kirchenkuppeln.

Historische Bausubstanz aus der Zeit vor der Revolution, hart am Verfall. (Foto: Judith Leister)

In einer historischen, vorbildlich restaurierten Markthalle finden sich Berge von Obst und Gemüse, Fleisch und Käse – aber keine Käufer. Im Kontrast dazu stehen die Flohmärkte am Straßenrand. Dort werden alte Schuhe, Spielzeug und Bücher angeboten. Einen seriösen Buchladen findet man kaum. Aber unweit vom Theater gibt es Marktstände, in denen Bücher als Second-Hand-Ware angeboten werden. Ein Menschenfeind muss sich die kreisrunden Litfasssäulen mit den handgroßen Fensterchen ausgedacht haben, in denen Zigarettenverkäuferinnen den ganzen Tag an den Hauptstraßen im Finstern sitzen. Aber es ist eben doch nicht alles normal, in diesem Sommer, in Dnipro. Vom Südbahnhof gingen früher sommers die Züge auf die Krim und in die Ostukraine. Heute sitzen im leeren Bahnhof nur noch zwei tapfere Ticketverkäuferinnen, die den Betrieb für täglich zwei bis drei Züge in die benachbarte Provinz aufrechterhalten.

 

© Judith Leister

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Second-Hand-Buchverkauf: Lehrbücher gesucht, Kundschaft gefragt. (Foto: Kulturallmende)