Reisebericht

Im vierten Jahr des Angriffskriegs

Reise in die Ukraine zum Lviv Book Forum 2025

01.–06.10.2025
UKRAINE

Immer wieder werde ich gefragt, ob ich keine Angst habe. Nein, habe ich nicht, die dort lebenden Ukrainerinnen und Ukrainer hätten ja auch keine, antworte ich oder ähnlich. Viel mehr Angst hatte ich, die Mittel für die Reise zum Book Forum in Lwiw und die Auftritte für 10 Jahre „Eine Brücke aus Papier“ nicht zusammenzubekommen. Doch die Spende eines couragierten Münchner Förderers erreichte uns rechtzeitig. Die Planung stand längst fest, denn es ist eine komplizierte Reisevorbereitung.
 
Sechs Tage lang reisten Verena Nolte und Alexander Kratochvil von München nach Lwiw zum Book Forum 2025, das wieder im vollen Umfang in Präsenz mit sehr dichtem Programm stattfinden konnte.
 
Vor dem russischen Angriffskrieg und der damit verbundenen Schließung des Luftraums für die zivile Luftfahrt über der Ukraine, war es ein Leichtes gewesen nach Lwiw zu gelangen. Von München gab es einen Direktflug der Ukrainian International Airlines nach Lwiw. Der Danylo Halytskyi International Airport „Lviv“ war für die Fußballeuropameisterschaft 2012, die auch in Lwiw ausgetragen wurde, modernisiert worden und entsprach neuesten Standards. Jetzt jedoch gilt es immer den besten Weg auszutüfteln und den Rat der ukrainischen Freundinnen und Freunde einzuholen, die die meiste Erfahrung haben, wie die Reisen am besten zu bewältigen sind.
 
Wir entscheiden uns für die Route München Flughafen - Rzeszów Airport – Regionalzug Rzeszów Glowny - Przemyśl Glowny – Lwiw und ebenso retour.

Tag 1 — Anreise:
München → Rzeszów → Przemyśl → Lwiw

Wir vereinbaren den Treffpunkt am Flughafenbus hinter der Großbaustelle Hauptbahnhof. Alexander kommt mit der Nachricht an, in der Münchner Lerchenau werde geschossen. Es hätte Explosionen gegeben. Vermutlich zwei Tote. Später in der Abflughalle lesen wir die Eilmeldung, die Theresienwiese werde geschlossen, es habe Bombendrohungen gegen das Oktoberfest gegeben. Na, dann nichts wie weg, sagen wir uns. 
 
Wir landen pünktlich in Rzeszów-Jasionka, suchen nach der Bushaltestelle. Es ist kälter hier als zu Hause. Mit einem Linienbus fahren wir durch fremde Straßen zum Bahnhof Rzeszów Glowny. Tickets kann man im Bus über das Handy lösen. Polen ist digitalisiert. Sehr komfortabel. In einem Bistro gegenüber dem Bahnhof essen wir noch schnell eine Hühnersuppe, für die uns vor Abfahrt des Zuges kaum Zeit bleibt.

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Der vollbesetzte Regionalzug bringt uns nach eineinhalbstündiger Fahrt nach Przemyśl Glowny, an den Grenzübergang der Bahnverbindung zur Ukraine, den ich schon 2023 erlebte, als ich aus Lwiw kam. In einer Kawiarnia gegenüber dem Bahnhof gibt es guten Espresso und Proviant für die Zugreise. Vor dem noch verschlossenen Grenzkontroll-Office stellen wir uns in die schon beachtliche Schlange.

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Zwei Deutsche wie wir sind hier die Ausnahme, die meisten sind ukrainische Frauen, Kinder und alte Menschen, die einmal wieder ihre in der Ukraine gebliebenen Verwandten besuchen wollen. Aus Heimweh, Sehnsucht nach Vertrautem, nach ihrer Sprache, ihrem Land oder anderen Notwendigkeiten, stellen sie sich hier in die Schlange. Wir spüren die Kälte. Die Kinder werden unruhig, wollen spielen.

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Alle sind wir froh, als sich endlich die Tür öffnet und wir nacheinander die Grenzkontrolle passieren können. Als nach weiterem Warten am Bahnsteig dann auch der ukrainische Nachtzug mit dem Ziel Saporischschja einfährt, geraten wir in Bewegung. Wer öfter Zug fährt in der Ukraine, kennt sie, die großen blauen Waggons, die noch immer in schöner Regelmäßigkeit und erstaunlicher Pünktlichkeit durch dieses weite geplagte Land fahren. Jeder Waggon wird von einer energischen Schaffnerin verwaltet, die aussteigt, die Ausweise, Tickets und die Reservierung von allen prüft und nach dem Ausstiegsbahnhof fragt. Heldinnen, sind sie, denn auch Züge werden immer wieder unter Beschuss genommen. Wir erklären unserer Schaffnerin, dass wir in Lwiw aussteigen und nicht bis Oleksandrija fahren, wie es auf unseren Tickets heißt, und wo wir erst am nächsten Morgen ankämen. Iryna, die für uns die Zugreisen umsichtig organisierte, hatte dieses Ziel wählen müssen, weil es das nächstgelegene war, für das noch zwei Plätze genau in diesem Nachtzug frei waren, der in Lwiw vor der kriegsbedingten Ausgangssperre ankommt.

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Zwei ukrainische Frauen, eine Ältere, eine Jüngere, Freundinnen offenbar, teilen mit uns den Schlafwagen. Sie klappen sofort zwei der vier Liegen herunter und beziehen sie mit der bereitgestellten Bettwäsche. Sie machen sich schlaffertig, dabei ist es erst kurz nach sechs und sie haben noch die ganze Nacht vor sich. Sie versäumen es jedoch nicht, sich mit uns bekannt zu machen, sprechen mit mir auf Englisch und mit Brocken Französisch, mit Alexander Ukrainisch und bieten uns an, ihr übergroßes Kebab, das sie sogleich auspacken, mit ihnen zu teilen. Die Schaffnerin macht ihre Runde mit Tee oder Kaffee auf Wunsch. So ist das in der Ukraine. Auch oder gerade im Krieg.
 
Etwas verspätet, um halb elf Uhr abends, kommen wir in Lwiw, dem alten Lemberg, an. Schön ist es immer wieder, in diesem Bahnhofsarchitekturwunder, das aus der k. und k. Zeit stammt, anzukommen. Jedes Mal nehme ich mir vor, es genauer zu besichtigen. Aber auch diesmal werde ich kaum die Zeit dazu finden. Auf dem weiten, der Stadt zugewandten Vorplatz stehen wir hingegen vergeblich am Taxistand an. Ich erinnere mich plötzlich, dass man über diverse Apps ein Taxi vorbestellen muss. Noch im Taumel der langen Reise, die hinter uns liegt, versuchen wir eine App herunterzuladen. Da taucht aus der Nacht ein vertrautes Gesicht auf. Wunderbares Wiedererkennen, wir rufen uns beim Namen. „Bohdan“ ruft Alexander aus. Es ist tatsächlich Bohdan Kolomijtschuk, Schriftsteller unserer „Brücke aus Papier“, und Alexander, der neben mir steht, ist sein Übersetzer.

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Bohdan Kolomijtschuk 2023 in Uschhorod

Bohdan erscheint uns wie ein rettender Engel. Er hatte vorausschauend ein Bolt-Taxi gebucht und wollte gerade einsteigen. Doch lässt er den bestellten Wagen weiterziehen, als der Fahrer ihm signalisiert, er könne keinen Umweg zu unserem Hotel machen. Schnell bestellt er ein neues Taxi und lässt es sich nicht nehmen, uns zu begleiten. So erfahren wir, dass er aus Wien nach Hause zurückkehrt. In seine Stadt, die meine erste war in der Ukraine und mir doch sogleich vertraut schien, wie jetzt auch auf dieser nächtlichen Fahrt durch ihre menschenleeren Straßen. Bald ist Mitternacht, Beginn der Ausgangssperre. Er sei jetzt Veteran, berichtet Bohdan während der Fahrt. Er könne wieder frei reisen und sei gerade angekommen. Wir wissen, dass Bohdan sich gleich zu Kriegsbeginn freiwillig zur Armee gemeldet hatte und als Sanitäter an der Front eingesetzt war. Wir verabreden uns mit Bohdan für einen der nächsten Tage.

An der Rezeption erfahren wir, dass wir im falschen Hotel sind und im etwas kleineren Ableger desselben, drei Minuten zu Fuß entfernt, untergebracht sind. Also noch ein kleiner Spaziergang durch die stille Stadt. Nach erfolgreichem Check-in erwerben wir mit von der letzten Reise übrigen Hriwnas ein Glas Wein für mich beim Nachtportier - er nimmt nur Bargeld – und eine Flasche Bier für Alexander, der damit in sein Zimmer verschwindet. Jetzt also können wir der Erschöpfung nachgeben. Ich schaue auf die Alarm-App, die jeder hier hat. Keine Meldung für Lwiw.

Tag 2 — Begegnungen: Zwischen Erinnerung und Gegenwart

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Zum Frühstück – in der Ukraine stets ein vielseitiges, auch jetzt – erscheint Chrystyna Nazarkewytsch, die in der Nähe wohnt. Sie bringt statt Blumen eine Kastanie in ihrem stacheligen Gehäuse, das sich auf dem Frühstückstisch schön entfaltet.

Auch Chrystyna hatten wir zuletzt 2023 in Uschhorod gesehen. Sie gehört von Anbeginn an als literarische Übersetzerin und Essayistin, Ratgeberin, Moderatorin, liebevolle Begleiterin zu „Eine Brücke aus Papier“.

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Glücklich sind wir, uns wiederzufinden. Dabei gesteht sie mir, dass sie mir anfangs misstraute, mir Unrecht getan habe, da sie überzeugt war, ich würde wie eine Eintagsfliege hier auftauchen, mit deutschen Fördermitteln um mich werfen und einen Haken an ein weiteres Projekt in meinem Lebenslauf machen. Sie habe sich gründlich geirrt, sagt sie lachend. Wir sind gekommen, um 10 Jahre unseres Projekts zu feiern, auch wenn niemandem nach Feiern zumute ist. Chrystyna muss plötzlich aufbrechen, um nach ihrer Mutter zu sehen, der es nicht gut geht. Sie versäumt es aber nicht, sich am Empfang zu beschweren, dass um 9 Uhr die Hintergrundmusik im Hotel weiterlief. Um 9 Uhr gedenken alle in Lwiw mit einer Schweigeminute der Gefallenen und Getöteten. Wir werden uns auch daran halten und tatsächlich folgt das Hotel in den Tagen, die wir hier sind, der Bitte Chrystynas.
 
Mit Alexander brechen wir zu einem ersten Gang durch Lwiw auf. Alexander ist mit der Stadt vertraut. Er hat in den 90er Jahren hier eine Zeitlang gelebt. Er kennt die Schleichwege. Ich hingegen nehme neu Kontakt mit ihr auf. Sehe ein neues Graffito in einer Seitengasse,

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staune über eine Plakatdruckerei mit Fahnen über dem Eingang im Souterrain. Sicher haben die Notwendigkeiten des Krieges sie hervorgebracht.

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Am bronzenen Denkmal für den Komponisten und Popsängers Wolodymyr Iwasjuk, der das Lied „Tschervona Ruta“ komponierte, das bis heute auf Demos für die Ukraine gesungen wird – auch in München habe ich es gehört – liegen Herbstzeitlose, zum Strauß gebündelt.

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Iwasjuk, in den 70er Jahren vom sowjetischen Geheimdienst ermordet, wird als Held der Ukraine verehrt. Daher die Herbstzeitlosen zu seinen Füßen. Bei uns stehen sie unter Naturschutz, doch hier scheint es sie im Überfluss zu geben. An einem Blumenstand ein Stück weiter stehen sie in schönsten Sträußen zum Verkauf.

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Ich weiß, dass Blumen überhaupt eine wichtige Rolle in der ukrainischen Mythologie, Märchenwelt und Kultur spielen und gerade in der Zeit des Angriffs gegen das Land zu keiner Jahreszeit fehlen dürfen.

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Alexander ist mit einem alten Freund verabredet, aber Chrystyna stößt schnell wieder zu mir und übernimmt die weitere Führung durch die Stadt. Sie weist mich auf einen Brunnen hin, der zur Erinnerung an die Gefallenen errichtet wurde. Das auf dem unbewegten Wasser schwimmende welke Laub scheint mitzutrauern.

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 Auf dem Weg zum Rynok preise ich die Schönheit der historischen Pflastersteine, über die uns unser Weg führt. Doch Chrystyna klärt mich auf, wie wenig hilfreich sie jetzt seien, wo so viele Kriegsversehrte in der Stadt lebten, die auf Prothesen gingen oder sich im Rollstuhl fortbewegten. Lemberg arbeite an einem Konzept, für sie spezielle Wege anzulegen und die alten Steine zu entfernen. Tatsächlich wurden schon ab Kriegsbeginn, wie ich weiß, in Lwiw zwei große Rehabilitationszentren eingerichtet, das „Unbroken“ und das „Superhumans Center“, in denen Kriegsveteranen mit amutierten Gliedmaßen Prothesen angepasst werden, wo sie trainieren können und in ein selbstbestimmtes Leben zurückgeführt werden.

Auf dem Rynok, dem zentralen Marktplatz, in dessen Mitte das Rathaus der Stadt aufragt, kann man diese Veränderung schon beobachten. Hier sind auch mehrere Tafeln aufgestellt, die daran erinnern, dass dieses Land sich in einem Verteidigungskrieg befindet.

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LWIW VERABSCHIEDET SICH, übersetzt Chrystyna für mich die erste Tafel. Die Stadt Lwiw hat seit Beginn der erweiterten Invasion eine besondere Zeremonie zur Verabschiedung der gefallenen Verteidiger der Ukraine eingeführt. Auf den Tafeln werden Namen, Fotos und Lebensinformationen am Tag der Beisetzung aufgeführt. Nach der Trauerfeier, erklärt Chrystyna, zumeist in der nahen Jesuitenkirche St. Peter-und-Paul, gibt es eine städtische Abschiedszeremonie auf dem Rynok. Trauernde Angehörige, Freunde und Stadtbewohner, Frauen, Männer, Kinder, kommen zur Zeremonie, aus dem Rathaus kommt der Stadttrompeter, spielt eine Trauermelodie. Die toten Soldaten werden dann in ihren Särgen zum Lytschakiwer Friedhof gebracht. Heute wird der Gefallenen Oleh W. und Andrij J. gedacht. Die Zeremonie habe schon stattgefunden, sagt Chrystyna, ich müsste eine Viertelstunde vor Mittag hierherkommen. Wir gehen uns mit Ingwertee aufwärmen im vetrauten Wiener Café. Ich erfahre von Chrystyna, dass die Wohnungen in Lwiw erst zum 1. November geheizt werden, trotz dieser Oktoberkälte. Sie müssen Energie für den bevorstehenden Winter sparen.
 
Ich verabschiede mich von Chrystyna und eile in die nahe gelegene Lesja-Ukrajinka-Straße zur Verabredung mit Juri Durkot. Im fast leeren Restaurant Ma wartet er schon auf mich. Wir haben uns zuletzt vor zwei Jahren gesehen. Zwei weitere lange Kriegsjahre sind vergangen. Wir umarmen uns. Juri scheint noch schmaler geworden zu sein. Wie sehr haben wir auf diesen Moment des Wiedersehens gewartet. Jetzt verschlägt es uns erst mal die Sprache. Juri, der Weinkenner, bestellt einen trockenen Muscat aus der Odesa Region. Wir stoßen an! Der Wein lockert schließlich die Zunge. Wir stellen die alte Vertrautheit wieder her. Auf der Speisekarte werden ukrainische Gerichte angeboten. Wir bestellen. Es wird auch schmecken, aber vor allem reden wir. Alle Gespräche hier, auch das mit Juri, drehen sich um den russischen Überfall, die Veränderungen, die dieser allen aufzwingt, das veränderte Leben.
 
Juri begleitet mich noch ein Stück zu meiner Verabredung mit Alexander im Forum Kino. Vor dem Angriffskrieg waren hier die Straßen voller Touristen. Die Kaffeeterrassen und Restaurants waren immer voll. An jeder Ecke standen Musizierende, Singende. Jetzt hat sich die Atmosphäre sehr verändert. Gesungen, gespielt wird nicht mehr, und es sind viel weniger Menschen unterwegs. Der Straßenverkehr außerhalb der Fußgängerzone ist allerdings noch immer sehr lebhaft. Juri zeigt mir noch, in welche Richtung ich gehen muss, um zum Forum zu gelangen. Aber ich erkenne die Wege wieder, komme an der Städtischen Mediathek vorbei, in der wir 2015 das erste Treffen abhielten, betrete den memory lane. Wie gut, dass es das Haus noch gibt! Die Synagoge ein Stück weiter unten in dieser Vul. Muljarska ist im Innenraum noch immer Baustelle, wie vor zehn Jahren schon.

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Mediathek 2015

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Synagoge 2015
 
Das Forum liegt auf der anderen Seite der mehrspurigen Viacheslava Chornovola Ave. die ich noch überqueren muss. Ich habe nur eine vage Erinnerung an das riesige Einkaufszentrum in futuristisch anmutender Architektur, weiß, dass es auch 2015 eröffnet wurde. Grüne Bauweise, hieß es damals. Trotz des Krieges oder seinetwegen ist es gut besucht. Ich habe Schwierigkeiten das Kino zu finden, fahre die falsche Rolltreppe hoch. Doch dann beugt sich Alexander über die Brüstung. Er hat schon die Tickets. Wir schleichen durchs Dunkel auf unsere Plätze, der Film beginnt gerade.

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„2000 Meter nach Andrijiwka“, der neue Dokumentarfilm von Mstyslaw Tschernow. Der ukrainische Fotograf, Kriegsreporter und Filmemacher, der mit „20 Tage in Mariupol“ 2024 einen Oskar gewann, begleitet in diesem Film Soldaten der 3. Sturmbrigade der ukrainischen Armee, alles Freiwillige, im Jahr 2023 auf ihrem Versuch, das strategisch wichtige Dorf Andrijiwka bei Bachmut, für die Ukraine von den russischen Besatzern zurückzuerobern – die Soldaten müssen eine Strecke von 2000 Metern durch ein Waldstück bewältigen. Leider gibt es keine englischen Untertitel. Alexander flüstert ab und zu eine Übersetzung, aber die Schreckensbilder sprechen für sich. Einige junge Frauen im Saal halten es nicht aus, stürzen mit Händen vor den Augen nach draußen. Die für die Freiheit ihres Landes kämpfenden Soldaten sterben vor unseren Augen, gefilmt von ihren Helmkameras oder Drohnen und von der Kamera des Regisseurs, der selbst die Interviews mit diesen sich aufopfernden Kämpfern führt. Einer bleibt aber übrig, der triumphierend die ukrainische Fahne nach Andrijiwka zurückbringt. Nie habe ich solche Bilder gesehen. Sie entstanden höchstens vor meinen Augen als ich, jung noch, Homers Ilias las, seine blutigen Schilderungen der Trojanischen Kriege.
 
Als wir das Kino verlassen, sind wir sprachlos, gehen zu Fuß zurück in die Stadt zu unserem Hotel, schaffen es aber noch vor der Ausgangssperre ein offenes Restaurant am Svoboda Prospekt zu finden, wo wir Wareniki bestellen. Wareniki haben etwas Tröstliches.

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Weil ihn die Kälte überraschte, hat Chrystyna Alexander ein warmes Hoodie von Julian, ihrem Sohn, geliehen, mit dem Aufdruck eines Taras Schewtschenko Porträts. Er wird es nur diesen einen Abend tragen.

Die Wareniki wärmen uns ein wenig von innen heraus. Ich trinke roten Kolonist aus der Odesaregion. Im Hotel angekommen, versuche ich erste Aufzeichnungen. Die Alarm-App meldet keine Auffälligkeiten in der Lwiwer Region.

Tag 3 — Eindrücke vom Lwiwer Book Forum

Heute eröffnet das Book Forum. Ich gehe mich registrieren am zentralen Treffpunkt, dem Kunstpalast Lwiw, wo das Book Forum vor dem russischen Überfall immer angesiedelt war. Ich hatte gehört, dass dieser Ort auch in diesem Jahr Zweifel aufkommen ließ, ob man da den Russen nicht ein geeignetes Angriffsziel bietet, da sie an der Kultur, insbesondere der Buchkultur gerne ihren Hass zeigen. Man entschied sich dennoch, in den Kunstpalast zurückzukehren.

Ich besuche die Eröffnungsveranstaltung, doch ich scheitere an der Sprachschranke.

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Also mache ich mich auf den ersten Rundgang durch die Buchmesse. Alle großen Verlage wie Folio, Alter Löwe oder A-BA-BA-HA-LA-MA-HA sind mit Ständen vertreten.

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Aber auch viele Initiativen und kleinere Verlage.

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Gleich beim ersten Rundgang, inzwischen auch mit Alexander, treffen wir Ostap Ukraijinez. Ich erkenne ihn und doch nicht. Er hat sich verändert. Olivgrüne Kleidung. Zuletzt traf ich ihn 2021 auf der Buchmesse in Kyjiw. Er stützt sich auf einen Stock. Er sei vorübergehend außer Gefecht. Er sei beim Militär, erklärt er mir, seit 2024. Er engagiere sich bei der Kulturplattform der ukrainischen Armee. Wir sprechen über Veteranenliteratur, in der es nicht nur um die Fronterfahrung ginge. Er hält die Sichtbarkeit von Militärautorinnen und -autoren in der Literatur für sehr wichtig. Ich frage mich, ob er nun auch dazu gehört.

Auch Ostap ist sehr ernst geworden.

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Foto: https://kspa.com.ua/en/traditions-of-military-culture-and-the-image-of-the-defender/

Später sehe ich, dass er literarische und philosophische Texte auf der Plattform Medium veröffentlicht. Wir werden in Kontakt bleiben, sagen wir Ostap zum Abschied. Auch ihn hat Alexander 2020 für uns übersetzt. Aber die Menschen und ihre Texte haben sich verändert seither. Wir werden deshalb von Neuem beginnen.
 
Die erste Veranstaltung, an der Alexander teilnimmt, hat das Thema „Übersetzung, Mitgefühl und Solidarität. Über die Rolle des Übersetzens in schwierigen Zeiten“. Wir eilen in das Ethnographische Museum am Svoboda Prospekt. Es wird ein Gespräch unter Übersetzer:innen aus dem Ukrainischen. Ein polnischer Kollege, eine kroatische Übersetzerin und Alexander als Deutscher sprechen hier sehr lebhaft darüber. Der ukrainische Lyriker Ostap Slyvynsky, den ich hier zum ersten Mal erlebe, moderiert. Erst vor kurzem habe ich ein Gedicht von ihm auf Timothy Snyders Blog „Thinking about“ gelesen, ein Gedicht über den Krieg, das Schreiben über ihn, aus dem sie fürchten ausgegrenzt zu werden.

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Chrystyna ist auch da und Jurko Prochasko, beide selbst wunderbare Übersetzer aus dem Deutschen, und plötzlich fällt mir Oksana Stomina, unsere tapfere Dichterin aus dem geschundenen Mariupol, um den Hals. All diese bewegenden Wiedersehen!

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Jurko hatte uns beim Auftakttreffen von 2015 durch seine Stadt Lwiw geführt. Karl Schlögel, der bei drei Treffen unserer „Brücke aus Papier“ dabei war, hatte ein Clipboard mitgeführt, auf das er den Stadtplan von Lwiw geklemmt hatte, um darauf unsere Tour mitzuverfolgen. Letzte Runde der analogen Zeit.

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Karl Schlögel bei der Stadtführung 2015
 
Nach der Veranstaltung im Book Forum haben Alexander und ich eine Verabredung mit Iryna Klymenko im Center of Urban History in der Akademika Bohomol’tsya St. Iryna Klymenko hat in diesem schönen Jugendstilensemble in ihrer Herkunftsstadt Lwiw gerade ein neues Forschungszentrum der Max-Weber-Stiftung gegründet und dafür ihren sicheren Platz an der Münchner Universität verlassen. Die Räume sind noch leer oder gerade frisch eingerichtet. Gründungsfieber ist zu spüren, als Iryna uns mitreißend schildert, was in ihnen alles stattfinden, wer die Räume beleben wird.
 
Von Irynas neuer Wirkungsstätte nehmen wir die Tram zum Lytschakiwer Friedhof, zum Memorialkomplex, der noch im Entstehen begriffenen Gedenkstätte für die Lwiwer Toten und Gefallenen dieses unsäglichen Krieges. Zuletzt war ich 2023 hier und sehe mit Erschütterung, dass sich das Gräberfeld, Marsfeld genannt, fast verdoppelt hat.

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Blau-gelbe und andere Fahnen in einem Blumenmeer, jedes Grab erzählt eine Geschichte. Die Trauernden, denen wir begegnen, wissen um sie. Im inzwischen am Eingang errichteten digitalisierten Informationszentrum forschen wir nach dem Namen eines Freundes von Alexander, einer der ihm in den 90er Jahren half für die umgangssprachlichen Wörter in der ukrainischen Alltagssprache Entsprechungen im Deutschen zu finden. Er weiß, dass der Freund schon im ersten Jahr des russischen Angriffskrieges gefallen ist. Das System findet ohne Umstände seinen Namen und wir sein Grab.

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Das Schwarz-Weiß-Foto auf dem Grabkreuz zeigt ihn in Zivil mit klugen sensiblen Gesichtszügen.
 
Es gibt noch ein weiteres Grab, das wir aufsuchen wollen, das von unseren lieben Viktoria Amelina. Sie ist im Lytschakiwer Friedhof begraben.

Eine so junge begabte Schriftstellerin! Juri Durkot, der sie auch ins Deutsche übersetzte, hatte sie mir auf einer Lwiwer Kaffeeterrasse vorgestellt. Sie schien mir scheu und kraftvoll zugleich. Sie war bei unserm Treffen in München und Berlin dabei und hatte auch 2023 für Uschhorod schon zugesagt.

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Foto: Mila Pavan

Viktoria 2019 bei „Eine Brücke aus Papier“ in München
 
Nach dem russischen Überfall 2022 hatte sie ihr Söhnchen und ihre Mutter nach Polen in Sicherheit gebracht, machte sich aber immer wieder auf den Weg zurück, um die unzähligen russischen Kriegsverbrechen aufzuschreiben und über sie zu berichten.
 
Sie saß in Kramatorsk im Donezker Gebiet mit kolumbianischen Freunden in einem Restaurant, als eine russische Iskander-Rakete einschlug. Die Freunde überlebten. Sie konnte nicht gerettet werden.
 
Der Wärter an der Eingangspforte zum Friedhof weiß Bescheid und zeigt uns den Weg zu ihr. Ihr Grab liegt an der Friedhofsmauer. Auch hier ein Porträtfoto von ihr auf dem Grabkreuz. Die große Zahl an Kerzen und Blumen lässt viele Besucher vermuten.

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Sie wird von vielen vermisst. Auch ich stehe hier fassungslos. Wie kann es sein? Die Kälte kriecht mir in den Körper. Also lösen wir uns von den Toten und eilen zurück zu den Lebenden.
 
Bohdan meldet sich mit einer Nachricht und nennt uns einen Treffpunkt im Pstruh, Khilib Ta Vyno in der Stadt. Die Trambahn bringt uns direkt dorthin. „Forelle, Käse und Wein“ bedeutet der Name des Restaurants, aber Alexander und Bohdan stoßen mit Bier an.

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Der Übersetzer und sein Autor, ein Klassiker der Literatur!

Bohdan hat Unvorstellbares durchgemacht bei seinem Einsatz als Sanitäter an der Front. Das spüren wir, obwohl er nicht viel darüber sprechen mag. Dort im Donbas mögen sie uns nicht, sagt er zu meinem Erstaunen, so als hätten sie sich dort den russischen Peinigern schon ergeben und störten sich an den Weiterkämpfenden. Ich denke daran, was für ein Zauber ihn umgab, als ich ihn vor acht Jahren das erste Mal traf an einem Winterabend in einem Restaurant am Starnberger See. Eine ukrainische Freundin hatte sich mit mir dort verabredet, um ihn mir vorzustellen. Es schien mir, dass alle Gäste im Restaurant, selbst der liederlich wirkende Kellner, sich in Bohdans Anwesenheit zum Besseren veränderten. Trotz der Kriegserlebnisse hat er sich etwas davon bewahrt. Und wie damals am See, aßen wir heute gebackenen Süßwasserfisch.
 
So endet auch der dritte Tag. Ausgelastet mit dem Ordnen meiner Gefühle, vergesse ich, auf meine Alarm-App zu schauen. Auch fühle ich mich in Sicherheit in dieser mir so lieb gewordenen Stadt.

Tag 4 — Zwischen 10-Jährigem und Angriffsnacht

Heute Vormittag steht nun unsere Veranstaltung zu 10 Jahre „Eine Brücke aus Papier“ im Programm des Book Forums. Auf dem Podium sind Juri Andruchowytsch wie auch Grigory Sementschuk, Chrystyna Nazarkewytsch und Juri Durkot. Natürlich auch Jurko Prochasko, der uns moderieren wird. Er hatte mir in einem seiner Essays den Gedankenanstoß zum Projekttitel „Eine Brücke aus Papier“ gegeben, Manès Sperbers Kindheitserinnerungen „All das Vergangene... Die Wasserträger Gottes“ zitierend. Alle vier sind von Anfang an dabei. Alexander und ich sind die einzigen aus Deutschland. Aber später begegnen wir im Saal weiteren Buchmenschen aus unserem Land.
 
Das imposante Eckgebäude des Ethnographischen Museums war ursprünglich für eine galizische Bank entstanden. Die prachtvolle Fassade spricht davon. Im Innern beeindruckt es mit neubarocker Düsternis und Wucht. Nie hatte ich Gelegenheit, die hier untergebrachte Sammlung von ukrainischem Kulturgut zu besichtigen. Vielleicht ist die Sammlung jetzt auch in Sicherheit gebracht, wie es seit Beginn der Invasion in vielen Museen geschehen ist. Dem Book Forum ist das Haus für seine Veranstaltungen mit seinem großen Saal im Obergeschoss zweite Heimat. Juri Andruchowytsch sagt, er würde den Weg dorthin auch mit geschlossenen Augen finden. Der heute vollbesetzte Saal ist für die Filmaufnahmen mit weißem Scheinwerferlicht künstlich erleuchtet, so dass wir auf unserem Podium von gleißender Helligkeit geblendet werden. Es tut unserer Stimmung keinen Abbruch. Die Freude zusammen zu sein, ist zu groß und das erwartungsfrohe Publikum ermutigend. Ist uns etwa doch zum Feiern zumute?
 
Ich bin erleichtert, als ich Halyna Kotowski in der Dolmetscherkabine entdecke. Sie hat bei jedem Treffen, auch denen in Deutschland, uns aus der Kabine heraus begleitet. Sie kennt uns alle und hat wohl selbst dafür gesorgt, heute für uns da zu sein.

 Jurko umreißt die Geschichte unseres Projekts. Die Idee entstand aus Protest gegen die völkerrechtswidrige russische Annexion der Krim und gegen den im Westen vergessenen Krieg im Osten der Ukraine. Er fordert uns auf, der Reihe nach über das eindrücklichste Treffen des Projekts zu sprechen. Glücklicherweise kommt in diesen persönlichen Erinnerungen jedes Treffen einmal vor. Für das Publikum fügt sich so ein lebendiger Rückblick zusammen. Und auch unser Zusammenhalt wird sichtbar.

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Foto: Book Forum Lviv

Jurko Prochasko, hier moderierend.

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Fotos: Book Forum Lviv

Podium und Publikum.

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v.l.n.r.: Grigory Sementschuk, Chrystyna Nazarkewytsch, Juri Durkot, Juri Andruchowytsch, Verena Nolte, Alexander Kratochvil, Jurko Prochasko, Foto: Book Forum Lviv

Juri Andruchowytsch hat vor sich den gerade erschienenen ersten Band der auf Deutsch erscheinenden Ukrainischen Bibliothek. Sie wird in acht Bänden im Wallstein Verlag Göttingen herauskommen. Tanja Maljartschuk und Claudia Dathe geben sie heraus. Dieser erste Band enthält Juri Andruchowytschs Auswahl von Taras Schewtschenko-Texten und Bildern sowie seinen Essay zu dieser Ausnahmeerscheinung des 19. Jahrhunderts, für die Ukraine „Luther, Kant und Goethe in einem“, schreibt Juri, der es sich nicht nehmen lässt, hier über ihn und das Buch zu sprechen. Eine der großen Aufgaben wuchs „Eine Brücke aus Papier“ von Beginn an zu, die Übersetzung ukrainischer Literatur ins Deutsche zu fördern. Beatrix Kersten, seit langem mit uns verbunden, hat diesen ersten Band wunderbar übersetzt.

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Bevor wir zum Ende kommen steht Oksana Stomina auf, ergreift das Mikro und spricht über das Treffen von Mariupol 2018, wo wir sie kennenlernten. Seither war sie viele Male bei unseren Treffen mit Gedichten und Prosatexten eingeladen. Sie lebt jetzt in Kyjiw. Ihr Mann Dima wurde als Verteidiger seiner Stadt in Asowstal gefangengenommen und ist bis heute nicht zurückgekehrt. Ihre Stadt am Asowschen Meer wurde in großen Teilen dem Erdboden gleichgemacht.

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Als wir uns zum Gruppenfoto aufstellen, ist Oksana selbstverständlich dabei. Auch Halyna kommt aus ihrer Kabine und die Künstlerin Olena Turyanska, deren außerordentliche Papierarbeiten wir in Berlin gezeigt hatten, taucht aus dem Publikum auf.

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Foto: Book Forum Lviv

10 Jahre „Eine Brücke aus Papier“ auf dem Book Forum Lwiw
 
Es bleibt wenig Zeit für kurze Gespräche mit Menschen aus dem Publikum, denen noch Fragen auf der Zunge brennen. Ob wir wiederkommen werden, wie es für uns weitergeht? Ich wollte, ich wüsste die Antwort. Juri Andruchowytsch wird von jungen Frauen um Autogramme gebeten, auch Jurko wird umringt. Doch schnell werden wir wieder auseinandergerissen, es gibt noch viel zu tun auf diesem Book Forum mit seinen unzähligen Veranstaltungen.
 
Unweit des Svoboda Prospekt liegt das Klangstudio von Radio Lwiw, wohin ich Juri Durkot begleite, der hier gleich auftritt. Auf dem Weg nehmen wir noch einen Snack und Kaffee in einem der vielen kleinen Lokale der Innenstadt. Das Book Forum findet eben nicht nur im Kunstpalast statt, so dass man auf die zahlreichen kulinarischen Angebote dieser trotz des Krieges gastfreundlichen Stadt zugreifen kann.
 
Juri trifft bei der Veranstaltung im Klangstudio von Radio Lwiw mit seinem deutschen, in Warschau lebenden Kollegen Gerhard Gnauck zusammen. Nach den Jahren als Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Osteuropa, arbeitet er heute für das Mykola-Haievoi-Zentrum für moderne Geschichte, ein Forschungszentrum der LMU München und der Ukrainischen Katholischen Universität in Lwiw. An dieser war Mykola Haievoi aus Uschhorod Doktorand, bevor er sich 2022 freiwillig der ukrainischen Armee anschloss und 2024 erst 28jährig in der Kursk-Region fiel.

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Foto: https://www.lmu.de/mhz/de/ueber-mykola-haievoi/

Es ehrt die Gründer des Zentrums, dass sie seinen Namen wählten, zumal es die Forschung über die beiden verbrecherischen Regime der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts am Beispiel der Ukraine zum Gegenstand hat, also die Erinnerung an die Massenverbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands und der Sowjetunion unter Stalin. Ein Verbrechen widerfährt der Ukraine im russischen Angriffskrieg gerade wieder.
 
Genau deshalb erörtern Juri Durkot und Gerhard Gnauck das Russlandbild der Deutschen, die jahrelang der blinden Bewunderung für die russische Kultur frönten. Dahinter steckte das große Geschäftemachen zwischen Russland und Europa, das jetzt für die finanzielle Grundlage des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine sorgt. Die beiden Diskutanten stellen die Frage, ob der russische Überfall den öffentlichen Diskurs in Deutschland verändert hat, sprechen über neue Buchpublikationen, die zur Bewusstseinsänderung beitragen könnten. Die Frage, ob die Deutschen inzwischen mit ukrainischer Literatur vertrauter sind, können sie nicht eindeutig bejahen. Ich sehe es schon positiver. Schließlich arbeiten wir seit 10 Jahren an diesem Thema.

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Glücklicherweise kann ich ihrer Debatte folgen, weil Jurko Prochasko zwischen ihnen sitzt und auf seine unvergleichliche Art dolmetscht.

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Nach dieser aufwühlenden Debatte haste ich zur Verabredung mit Iryna Rybko und Natalija Schymon, die beiden charismatischen Schwestern aus Uschhorod. Iryna lebt zwar längst mit ihrem Mann in Lwiw, doch hat sie inzwischen drei kleine Mädchen und konnte nicht zu unserer Veranstaltung kommen. Natalija hat mich 2023 beim Treffen von Uschhorod umfassend unterstützt, und sie hat viele Prosaübersetzungen für uns gemacht. Iryna war schon 2015 meine Wegbereiterin für das Projekt, als wir in Lwiw starteten. Sie haben mich in die Cheese Bakery, ein für den Tourismus gedachtes Lokal in der Halytska St., bestellt. Obwohl der Tourismus eingebrochen ist, ist es heute am späten Freitagnachmittag voll. Wir treffen uns zum profanen Abrechnen, denn Iryna hat unsere Zugreisen gebucht, aber die Freude sich zu sehen überwältigt uns erst einmal.

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Ich erzähle ihnen von unserem Auftritt auf dem Book Forum. Wir sprechen über das kommende Jahr und schmieden Pläne. Beide wünschen sich „Eine Brücke aus Papier“ in Lwiw, gerade wenn der Krieg noch immer nicht vorbei sein sollte. Es wäre eine so wichtige Unterstützung für alle Kunst- und Kulturmenschen, die im Land geblieben sind, schreibende Soldaten oder Veteranen, Frauen und Männer. Iryna muss zurück zu ihrer Kinderschar. Also schon wieder Abschied.
 
Da ich nah am Rynok bin, wechsle ich gleich hinüber ins Kaffeehaus Atlas, das ich als Treffpunkt für alle, die Zeit haben an unserem letzten Abend in Lwiw, ausgemacht habe. Denn morgen Abend geht es schon zurück. Das Atlas ist legendär als Künstlercafé. Schon im 19. Jahrhundert war es beliebt bei der Bohème und ist es bis heute geblieben. Chrystyna, die bald zu mir stößt, kann davon Geschichten erzählen. Tatsächlich lädt die ans Wienerische erinnernde Atmosphäre mit den grün gepolsterten Holzmöbeln, Kunst an den grün tapezierten Wänden, dazu ein. Der Wein tut sein Übriges, auch die Speisen können mit Paris mithalten. Nach und nach kommen Freunde vorbei, Alexander, der vom Empfang beim Oberbürgermeister vom Rathaus herüberwechselt. Auch Juri Andruchowytsch, schaut kurz vorbei, Andrej Kurkow, den ich jetzt das erste Mal wiedersehe. Es ist fast wie 2015, als wir hier unser Abschiedsessen einnahmen.

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„Eine Brücke aus Papier“ 2015 nach dem Gründungstreffen im Kaffeehaus Atlas in Lwiw. Foto: 2015 von Taras Gakavchyn

So wird es noch ein schöner Abend, doch bin ich froh, als ich endlich im Hotel ankomme und ins Bett fallen kann. Wieder vergesse ich, die Warn-App laut zu stellen. Ich falle sogleich in Erschöpfungsschlaf.

Kurz nach vier Uhr morgens erwache ich vom Ping einer WhatsApp Nachricht. „Bist Du im Schutzkeller“, fragt Halyna Kotowski. Einmal erwacht, höre ich natürlich, was draußen los ist. Es ist ein Angriff, begreife ich. Ein grauenhafter, nie gehörter Zerstörungslärm. Trotz der schalldichten Fenster des Hotels. Noch scheint es mir unwirklich. „Soll ich“? schreibe ich zurück. Da ruft sie mich schon an, gibt mir Anweisungen, was ich anziehen und was einpacken soll. Ich verspreche es, zumal auch Chrystyna schreibt „unsere Luftabwehr ist sehr gut“, was mich eher erschreckt. Ich stehe auf, ziehe mich an, rufe Alexander an, der wach ist, aber unschlüssig, wie er sich verhalten soll. Ich gebe ihm Halynas Anweisungen weiter, fülle im Flur meine Wasserflasche aus dem Wassertank auf, klopfe an seine Tür. Noch ist er ungläubig, hält es für übertrieben, folgt mir aber und sucht mit mir nach der Treppe. Wir hatten immer den Aufzug genommen, Fluchtwege nicht gesichtet. Wir finden sie schließlich, gehen nach unten, die Tür zum Keller steht offen. Wir sind geschockt, wie voll der Schutzkeller ist. Bis nach oben sitzen Hotelgäste, wahrscheinlich alle zum Book Forum Angereiste, auf der Treppe. Ich finde ein Plätzchen. Ein junge Frau reicht mir eine Pappunterlage, damit ich nicht auf dem blanken Stein sitze. Alexander bleibt stehen, verfolgt auf der App die Einschüsse, die wir auch hier noch hören. Unten an der Treppe taucht eine junge Frau auf, die mich zu erkennen scheint. Ohne dass ich wüsste, woher wir uns kennen, bittet sie mich und Alexander nach unten. Sie ist Ukrainerin, spricht Englisch mit uns und bietet mir ihren Platz auf einer Holzbank im Keller an. Alle hier verfolgen sitzend oder stehend auf ihren Mobilfunk-Apps die Einschläge. Fast alles Drohnen, dann ballistische Raketen.

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„Unsere heutige Nacht,“ wird Chrystyna am nächsten Tag unter diese Grafik schreiben. „Ununterbrochene Kanonade die ganze Nacht“. Sie hat sie mit ihrem erwachsenen Sohn im Flur verbracht, das sei ihr Shelter. Sie hätten keinen Schutzraum. „Es ist hart diese Nacht, hoffentlich sind wir die nächsten Tage mit Strom und lebendig“, schreibt sie uns.
 
Alles scheint mir unwirklich, doch wir sind, ohne uns zu kennen, eine Gemeinschaft hier unten. Mich ergreift ein maßloser Hass auf die Russen und ihre sinnlose Zerstörungswut, ein Hass, den ich an mir gar nicht kenne.

Tag 5 — Das Leben geht weiter

Um 8 Uhr morgens sitzen oder stehen wir noch immer im Keller. Es gibt keine Entwarnung, doch erreicht uns der behagliche Geruch von Kaffee, gebratenem Ei und Schinken, und wir lösen uns aus der Erstarrung. Dieses Frühstück, bei dem wir Übermüdeten aus dem Keller nun zusammensitzen, wird mir unvergesslich bleiben. Draußen, ist‘s hell geworden. Die Trambahn auf der Straße vor dem Hotel fährt schon wieder. Gegen 9 Uhr kommt die Entwarnung. Chrystyna leitet uns die Nachricht aus dem Magistrat weiter mit der Empfehlung und Bitte, die Häuser nicht zu verlassen, bis die Brände gelöscht werden und der Rauch sich verflüchtigt hat. Wir erfahren, dass manche Viertel der Stadt ohne Strom sind.
 
Eine Stunde später brechen wir zum Kunstpalast auf. Letzter Tag des Book Forums, wo alles so zu sein scheint wie zuvor, was wir uns mit Fotos manifestieren.

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In den Straßen ist nichts zu sehen von der Angriffsnacht, doch wird uns Juri später von Verletzten und von einer vierköpfigen Familie am Stadtrand berichten, die ausgelöscht wurde.
 
Ein neuerlicher Gang durch die Buchmesse. Am Stand des Chartia-Bataillons der ukrainischen Nationalgarde, dem der Schriftsteller Serhij Zhadan angehört, sehen wir neben anderen auch historischen Helden, sein Fotoporträt, in einer Reihe mit dem Dichter Wassyl Stus. Am Stand verkaufen sie schwarze T-Shirts mit dem Emblem des Bataillons. Der Erlös geht an die Einheit. Ich kaufe eines für meinen Sohn. Serhij war von Anfang an bei „Eine Brücke aus Papier“ dabei, hat für unser Projekt viel bewirkt.

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Alexander hat eine letzte Veranstaltung. Obwohl ich weiß, dass es keine Übersetzung geben wird, begleite ich ihn, um Bohdan und Jurko noch einmal zu treffen. Niemand spricht über die halb durchwachte Nacht. Das Leben geht weiter. Aber wir sehen alle mitgenommen aus.
 
„Kann man sich in Geschichten verstecken? Literatur als sicherer Ort für Erinnerung und Trauma“, ist der Titel der Veranstaltung. Alexander hat über posttraumatisches Erzählen geforscht, Jurko ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Gruppenanalytiker, der seit dem russischen Überfall mit Veteranen und kriegsgeschädigten Kindern arbeitet. Bohdan hat die Front erlebt, hat viel zu viele Tote gesehen. Man versteckt sich nicht in Literatur, scheint das Fazit zu sein, sondern kann die Erfahrung bearbeiten und weitergeben.

Mit Bohdan vereinbaren wir ein mögliches Wiedersehen in Regensburg, noch in diesem Jahr. So fällt der Abschied leichter.

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Ich habe noch ein letztes Wiedersehen mit Juri, Chrystyna und Halyna im „Respublika Sadu“, einem ehemaligen Hippielokal, das auf dem Hügel des Karmeliterklosters liegt.

Halyna müssen wir aus dem Schlaf wecken, als sie nicht auftaucht. Aber schließlich sitzen wir zusammen, und Chrystyna brachte wieder Kastanien mit.

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Wir bestellen zum Essen Wein, wir haben ihn nötig. Beim Bezahlen funktioniert das Kartenlesegerät nicht, bei keiner Karte. Das käme öfter vor nach Angriffsnächten. Und diese sei die schlimmste für Lwiw gewesen seit Kriegsbeginn. Halyna hat genug Bargeld dabei. Sie rettet uns,

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und wir sind beseelt, als wir uns zum Abschiedsselfie zusammenstellen...
 
Am Abend fahren Alexander und ich vom Hotel aus mit dem bestellten Taxi zum Bahnhof. Der Zug aus Kyjiw nach Przemyśl fährt pünktlich ein. Ich verspreche mir, bald wiederzukommen.

Tag 6 — Rückfahrt

Wir haben in einem Hotel in Bahnhofsnähe übernachtet und nehmen einen frühen Zug nach Rzeszów. Vom Bahnhof ein Taxi zum Flughafen. Der Flug nach München hebt pünktlich ab. Wir können aus der Luft das NATO-Miltärcamp von Rzeszów sehen und dort die Patriots nebeneinander aufgestellt. In München nehmen wir wieder den Flughafenbus. Das Oktoberfest ist beendet.

Verena Nolte
München, 5. Dezember 2025