Kriegstagebuch in Die Welt

Juri Durkot

Lemberg, 1. März, abends

Es tut gut, viele Freunde in aller Welt zu haben. Viele melden sich bereits in den ersten Stunden, noch mehr am ersten Tag des Überfalls. Sie sind bestürzt, fassungslos, fühlen sich ohnmächtig, sind in Gedanken bei uns. Viele bieten auch einen Unterschlupf an.
Ich weiß gar nicht mehr, ob ich in diesem Tsunami von Meldungen aller Art jede beantwortet habe. Es tut mir leid, wenn ich irgendjemand vergessen habe. Man möge mir verzeihen, es ging einfach nicht.
Eigentlich mag ich Europa sehr. Wie viele Länder habe ich bereits besucht? Dreißig? Vierzig? Ich weiß es nicht mehr. Ich mag die gebrochene Linie norwegischer Fjorde, das flache Licht Finnlands, die Öresund-Fähren, welche die Einheimischen nutzen, um sich mit steuerfreiem Alkohol zu betanken, die Strenge der Halligen im Spätherbst, polnische Seen und Wälder, die Geschäftigkeit Berlins, das Gefühl der Hilflosigkeit auf den Britischen Inseln, wo man immer wieder beim Überqueren der Straße den Kopf in die falsche Richtung dreht, die Wohnboote der Holländer, die Luftströme in den Alpen, die dich bei einem Gleitschirmflug tragen, den Sprachensalat der Schweizer, die Unkompliziertheit der Italiener, die leichte Überheblichkeit der Franzosen oder die Brücken von Istanbul. Nun ist unsere Reise von Nord nach Süd zu Ende. Man hätte genauso gut auch eine andere Route nehmen können.
Einmal habe ich sogar geträumt, wie meine Asche über der Nordsee vom Winde verweht wird. Wahrscheinlich habe ich mir am Abend davor „The Big Lebowski“ angesehen.
Und dann noch die Häfen – jeder mit seinem eigenen, unverwechselbaren Flair, aber alle mit einem besonderen Gefühl der Freiheit und kosmopolitischem Stolz. Das einzige, was Lemberg fehlt, ist ein Hafen. Legenden zufolge, also in einer Zeit, die niemals existierte, soll es hier auch einmal einen großen Fluss gegeben haben. Heute ist es nur ein kleines Bächlein, das die Österreicher vor 150 Jahren aus hygienischen Gründen unter die Erde verbannt haben. Hätten wir aber einen Hafen gehabt, wäre der Aufstieg Lembergs zu einer Weltmetropole unaufhaltbar gewesen.
Zählte ich alle Einladungen, die schwierigen Zeiten im Ausland zu überwintern, zusammen und nähme ich jede für nur eine Woche in Anspruch, könnte ich wahrscheinlich mindestens zwei Jahre lang Urlaub machen. Das mache ich vielleicht tatsächlich. Irgendwann in der Zukunft.
Aber heute gehen wir nicht. Nicht, weil Männer im wehrfähigen Alter das Land nicht verlassen dürfen. Und nicht, weil man im Moment hier im Westen des Landes noch in ziemlicher Sicherheit ist. Es wäre einfach ein Verrat an Menschen, die gestorben sind oder alles verloren haben. Die Bilder von CNN oder Reuters bestätigen dies jede Minute. Man könnte einfach den anderen nicht in die Augen schauen, wenn man weg gewesen wäre und erst zurückkehren würde, nachdem alles vorbei ist. Wir werden nur dann gehen, wenn es unser Land nicht mehr gibt. Aber wir sind gerade dabei, das zu verhindern. So tun alle, was sie nur können. Frauen mit kleinen Kindern, Menschen, die ihr Hab und Gut verloren haben müssen sich ins Ausland retten. Wir nicht.
Die gesamte Welt macht nun alles, um uns zu helfen. Na ja, fast alles. Wenn wir es aber überleben – wir Ukrainer, aber auch alle Europäer, die gesamte Welt, der Planet Erde oder was sich sonst noch in dieser Galaxie um sich selbst dreht –, wenn Menschlichkeit, Vernunft, Freiheit und Menschenwürde (also alles, was heute in einem verrückt gewordenen Zehntel der Landfläche auf dieser Erde gar nichts mehr zählt) nicht endgültig zugrunde gehen, und wenn ihr danach wieder mit Diskussionen anfangt und uns nicht so schnell wie möglich in die Europäische Union aufnehmt – werden wir euch das nie verzeihen. Niemals.
Ich habe gerade festgestellt, das von allen Wörtern in diesem langen Text das Rechtschreibprogramm meines Computers nur drei nicht versteht: Gleitschirmflug, Sprachensalat und Unkompliziertheit. Und noch Lebowski dazu. Damit kann man gut leben.

Lemberg, 7. März, abends

Sechsundzwanzig Stunden. Neunhundert Kilometer. Fünfzehn Personen. Ein Viererabteil. Ort der Handlung: ein Zug. Strecke: Krywyj Rih, Region Dnipro, Ostukraine – Lemberg Hauptbahnhof. Zwischenstationen: unbekannt. Aber immer wieder. Atemluft: eingeschränkt vorhanden. Anzahl der WCs pro Waggon: zwei. Anzahl der Abteile: neun. Anzahl der Fahrgäste (im Schnitt pro Abteil): siehe oben. Anzahl der Fahrgäste in den Gängen: Niemand zählt nach.
Meine schlimmste Erfahrung in einem total überfüllten Zug war bisher ein ICE von Hamburg nach Kassel. Ich stand die ganze Zeit auf anderthalb Beinen neben meinem Koffer im Einstiegsbereich. Eine Mutter mit dem Kinderwagen hätte, wenn sie irgendwo in der Mitte des Waggons säße und aussteigen wollte, kaum eine Chance gehabt. Aber von Hamburg nach Kassel schafft es die Deutsche Bahn, wenn sie sich nicht verfährt, in etwa zweieinhalb Stunden. Selbst wenn man die Verspätung einkalkuliert. Ich werde mich nie mehr über meine Reisen mit der Deutschen Bahn beschweren.
Wäre die Deutsche Bahn mit der Evakuierung dieses Ausmaßes überfordert? Ganz bestimmt. Jede Bahngesellschaft dieser Welt wäre überfordert. Auch die ukrainische ist es. Aber sie schafft es bisher immer wieder, die Menschen aus den gefährdeten Städten herauszubringen. Auch wenn ihre Züge in friedlichen Zeiten nicht so schnell fuhren wie ein ICE.
Die Menschen im Abteil erzählen ihre Geschichten. Eine ältere füllige Frau will nach Italien. Ihre Tochter arbeitet dort seit Jahren. Sie wird von einer anderen Frau begleitet, die selbst in Italien arbeitet und der Tochter versprochen hat, ihre Mutter mitzubringen. Offenbar hat die ältere Frau Herzprobleme, ihr geht nicht gut, sie atmet schwer. Zufällig fährt eine Ärztin im selben Abteil mit. Ein paar Tabletten helfen, zumindest vorübergehend. Viel mehr kann man nicht tun.
In der Nacht müssen die Jalousien voll herabgelassen werden, am Tag nur zur Hälfte. Unterwegs werden Kontakte ausgetauscht, die Menschen im Abteil bilden eine Gruppe im Viber-Messenger. In Lemberg steigen alle aus. Einige bleiben in der Stadt. Die anderen wollen weiter nach Polen. Mit einem anderen Zug oder in einem Bus. Die ältere Frau und ihre Begleiterin stellen sich am Ende einer langen Schlange an.
Julias Mutter kommt auch mit diesem Zug nach Lemberg. Sie ist die Ärztin, die in dem Abteil mitgefahren ist. Am nächsten Tag kommt im Chat die Nachricht, dass die ältere Frau gestorben ist. Am Grenzübergang. Sie hätte es beinahe nach Polen geschafft.

Lemberg, den 22. April, nachmittags

Was macht den Unterschied aus zwischen einem Tagebuch und einer Kolumne? Vor allem die Selbstdisziplin. Jeder seriöse Tagebuchschreiber betrachtet die Texte als sein Lebenswerk. Oder zumindest als Therapie. Das verpflichtet. Man könnte dafür ein noch schöneres, typisch deutsches und deswegen für einen Ausländer absolut unaussprechliches Wort verwenden: Es ist eine Selbstverpflichtung. Daran hat mich Juri Andruchowytsch vor paar Jahren erinnert.
Ich weiß nicht wirklich, wie es funktioniert. Ich habe noch nie ein Tagebuch geschrieben. Aber ich stelle mir vor, dass man fleißig und regelmäßig schreiben muss. Und ein echter Tagebüchler müsste sein Leben lang schreiben. Keine Ahnung, ob das Tagebuchschreiben – wie der kaum übersetzbare Begriff der „Innerlichkeit“ – in Deutschland erfunden wurde, beides passt aber gut zusammen. Es ist bemerkenswert, dass es zu dieser Klopstockschen Wortschöpfung nur in der deutschen Wikipedia einen Eintrag gibt. Sonst in keiner anderen Sprache.
Bei Kriegstagebüchern ist es anders. Weil alle Kriege irgendwann enden, muss man sich die Frage stellen: Was macht man danach? Ich weiß nicht, warum ich gerade heute darüber nachdenke. Vielleicht ist es bloß ein verregneter Karfreitag vor dem orthodoxen Ostern.
Bei einer Kolumne hat man dagegen mehr Freiheit. Und mehr Zeit. Da dieses Genre eher wöchentlich – wenn man das Glück hat, ein berühmter Autor zu sein, zweiwöchentlich oder sogar monatlich – praktiziert wird, sieht es eine gewisse Muße vor. Man kann sechs Tage in der Woche seinen Vergnügungen nachgehen, damit in dieser Zeit ein paar geniale Gedanken heranreifen, bevor man am siebten Tag ein paar Zeilen niederschreibt.
Nach diesem Prinzip hat eine der besten ukrainischen Wochenzeitungen funktioniert. Damals redeten alle von einer „Zeitenwende“, und zwar von einer echten. Die von einem „Liefern-oder-nicht-liefern“-Waffendilemma geprägte Zeitenwende gab es damals noch nicht.
Es ist ein Rätsel, warum in mir in den letzten Wochen plötzlich so viele Erinnerungen aus den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren wach werden. Womöglich, weil ein Verrückter nun die Zeit zurückdrehen will. Vielleicht ist es nur ein Schutzmechanismus. Aber es war eine unglaublich spannende Zeit mit so viel Neuem an Freiheit, an Wissen, einer plötzlichen Vielfalt von Ideen und Gedanken, dass uns die Welt wie eine atemberaubende Reise erschien. Zu dieser neuen Welt gehörten auch die neuen Zeitungen.
Noch wichtiger als die Zeitenwende war möglicherweise die Tatsache, dass damals die ersten Computer in die Redaktionsräume Einzug gefunden hatten. Und die ersten Computerspiele. Ich glaube sogar, sie waren der Hauptgrund dafür, warum die Wochenzeitung ein besonders beliebtes Format war, obgleich Medienhistoriker auf absolut nebensächliche Faktoren wie Papierprobleme oder drucktechnische Engpässe hinweisen.
So füllte sich der Redaktionsalltag sechs Tage die Woche mit fröhlichen Computerklängen. Nein, man hat nicht nur an und mit den Rechnern gespielt. Man hat auch Geburtstage gefeiert. Und andere Feste. Am siebten Tag hat man die beste Zeitung aller Zeiten produziert. Dies hatte zugleich eine metaphysische Dimension: Man verstand die Mission nicht als Schöpfung, an der man sechs Tage arbeitet und sich am siebten Tag ausruht, sondern als Zerstörung – des alten Systems, der menschenverachtenden Ideologie, der Überbleibsel der verlogenen kommunistischen Welt. Als diese Welt endgültig zugrunde gegangen war, fiel es schwer, weiterzumachen. Mitte der 1990er-Jahre wurde das Blatt eingestellt. Viele dachten damals, dass Freiheit und Demokratie fast automatisch siegen würden.
Aber sie haben nicht automatisch gesiegt. Man hat dafür kämpfen müssen, mehrfach und immer wieder. Die Unabhängigkeit als Zerfallsprodukt des sowjetischen Imperiums war den Ukrainern nach allgemeiner Auffassung noch mehr oder weniger kampflos in den Schoß gefallen. 2004 bedurfte es schon einer – immerhin friedlichen – Revolution, um die Rückkehr des Autoritarismus zu verhindern. Zehn Jahre später während des Euromaidans zahlte man bereits einen viel höheren Preis an Menschenleben und anschließendem Gebietsverlust, um einen neuen Möchtegerndiktator zu verjagen.
Der schwarze Schatten Russlands hing all die Jahre am Himmel über Kiew und wollte es nicht freigeben. Nun kämpfen wir gegen den brutalen Wahn einer verbrecherischen russischen Kriegs- und Propagandamaschine. Diesmal müssen wir einfach gewinnen. Eine Niederlage können wir uns nicht leisten. Einen fünften Versuch wird es nicht geben.

Lemberg, den 5. Mai, abends

Wer jemals in der Ukraine zu Stoßzeiten Straßenbahn gefahren ist, weiß, wie es funktioniert. Hat man noch keinen Fahrschein, kann man ihn bei der Straßenbahnfahrerin kaufen (meistens sind es immer noch Frauen, auch wenn heute manchmal Männer in diesem Job anzutreffen sind). Ist man aber hinten eingestiegen, kommt man nicht bis nach vorne durch. Man kann sich sowieso kaum bewegen.
Also holt man mit akrobatischen Verrenkungen das Geld aus der Tasche und reicht es seinem Nachbarn. Der reicht es weiter, seine Nachbarin wiederum streckt schon die Hand aus, und so wandern die Geldscheine oder die Münzen über die Köpfe der Fahrgäste bis zur Fahrerin. In ihrer Tür gibt es eine kleine Schublade, die sie an Haltestellen immer wieder checkt. Dann wandern die Fahrscheine auf dieselbe Weise zurück. Bestellung eingegangen, Bestellung erfüllt.
Hat man das passende Kleingeld nicht, kriegt man sogar den Rest zurück. Man muss nur sagen, wie viele Fahrscheine man braucht – und schon wandern sie zusammen mit dem Wechselgeld an den Fahrgast retour. Mit dem Entwerten sieht es ähnlich aus, nur sind die Wege etwas kürzer. Es gibt nämlich in einer Straßenbahn in der Regel mehr Entwerter als Fahrer.
Mit den Hilfslieferungen funktioniert es heute genauso. Deine Freunde sagen dir, dass im Ort A oder B – im Osten, im Süden oder im Norden des Landes – etwas dringend gebraucht wird, was derzeit in der Ukraine nicht aufzufinden ist. Bestimmte Medikamente zum Beispiel. Du rufst ein paar Freunde in Europa an oder schreibst Ihnen – und schon machen sie sich auf die Suche. Der Spendenfluss trocknet niemals aus.
Manche Artikel sind heute nicht mal im europäischen Ausland leicht zu finden, der Bedarf ist stark gestiegen. Aber irgendwann klappt es doch. Dann geht es zurück, wie mit dem Fahrschein in der Straßenbahn. Man muss sich nur vorstellen, dass es diesmal eine Straßenbahn ist, die mehrere hundert Kilometer lang ist. Also dauert es in der Regel etwas länger. Aber es funktioniert. Immer und zuverlässig.
Nun sind die Fahrer dran. Ohne sie würde das System nicht funktionieren. Sie sind Tag und Nacht unterwegs, stehen stundenlang an den Grenzübergängen, transportieren hunderte größere und kleinere Pakete in ihren LKW oder Kleinbussen, haben Listen mit hunderten Telefonnummern von verschiedenen Adressaten in verschiedenen Städten. Sie wissen auswendig, welche Straßen in der Ukraine derzeit befahrbar und sicher sind, und welche man lieber meiden sollte. Ich habe noch nie gehört, dass sie irgendetwas verwechselt haben und ein Paket an die falsche Adresse geliefert worden ist.
Manchmal verliert man den Kontakt, sie melden sich stundenlang nicht, vielleicht sind sie in einem Funkloch, man weiß heute aber nie, was unterwegs passieren kann, also macht man sich schon ein bisschen Sorgen. Aber bevor man sich echte Sorgen zu machen beginnt, sind sie wieder da, es hat halt länger gedauert, kein Problem.
Danach übernehmen es andere Helfer. Sie holen ab, packen um, sortieren und verschicken es weiter. In der Ukraine geht es inzwischen sogar wieder mit der Post.
Es ist ein Riesennetzwerk. Man hat Freunde in allen möglichen Städten und Ecken. Ohne alle diese nicht gleichgültigen und total engagierten Menschen aus allen Nationen, in allen Ländern der Welt hätten wir nicht überlebt. Man kann ihnen nicht genügend danken. Irgendwann werden wir ein Denkmal für den unbekannten Helfer aufstellen. Notfalls sogar in einer Straßenbahn.

Lemberg, den 27. Juli, abends

Derzeit berichten die Medien nur noch selten über Mariupol. Wenn überhaupt, dann sind es eher Geschichten von Menschen, denen die Flucht aus dem Inferno gelungen ist. Wie der Familie eines achtjährigen Jegor, der in seinem Tagebuch geschrieben hat: „Zwei Hunde, die Großmutter Galja und meine geliebte Stadt Mariupol sind tot.“ Darüber, wie es den Menschen in der fast vollständig zerstörten Stadt unter russischer Besatzung heute geht, erfährt man selten. Journalisten gibt es dort keine, die russischen Propagandamedien haben mit dem Journalismus genauso viel gemeinsam wie ein Meerschweinchen mit Meer. In den sozialen Netzwerken sind die Menschen extrem vorsichtig, um sich, ihre Angehörigen und ihre Freunde nicht zu gefährden. Kritik über die Lage kann man sich kaum erlauben. Die Namen tauchen selten auf. Trotzdem kann man manchmal ein Gefühl bekommen, wie das Leben in Mariupol aussieht.
Nelli schreibt immer wieder Tweets über ihre Stadt, postet Fotos, manchmal auch kurze Videos. Die breiten, grünen Kronen der Bäume versperren den Blick auf die Häuserruinen. Manchmal füllt ein zerstörtes Hochhaus den ganzen Computerbildschirm. „Ich weiß nicht, wie dieses Syndrom heißt“, twittert sie heute. „Ich schäme mich, es laut zu sagen, aber wenn ich auf die zerstörten Häuser schaue, verspüre ich keine Emotionen. Überhaupt keine.“ Bei einem kleinen Spaziergang am Vortag sah sie einen gepanzerten Mannschaftstransportwagen voller Tschetschenen. Er fuhr Richtung Süden, oben wehte eine tschetschenische Flagge. Es muss eine unheimliche Begegnung gewesen sein.
In den ersten Tagen nach dem Kriegsbeginn twitterte Nelli zunächst regelmäßig, der letzte Tweet war vom 2. März. Es regnete in Mariupol, ein dichter Nebel lag über der Stadt. Auf dem Foto konnte man ukrainische Flagge erkennen. Dann war Nelli weg, für mehrere Monate. Erst Ende Juni meldete sie sich auf Twitter wieder: „Wir haben überlebt. Unsere Katze auch. Überlebt in der Hölle mit Blick auf Asow-Stahl“. „Hölle“ ist das Wort, das in ihren Tweets immer wieder vorkommt. Ihr Haus bebte, als russische Flugzeuge Angriffe auf das Hüttenwerk flogen. Monatelang. Nachdem die Bombardierungen aufgehört hatten, qualmte Asow-Stahl noch lange weiter. Erst am 19. Juli schrieb Nelli, dass es nicht mehr qualme.
Auf einem Foto sieht die Stadt beim Sonnenuntergang fast idyllisch aus. Wenn man die zerstörten Häuser nicht sieht. Denn das Leben gebe es nur noch in einem Stadtteil – zwischen der Schule Nummer 65 und dem Taras-Park. Und bei den vielen Fotos, die Nelli twittert, fällt einem aufmerksamen Beobachter noch etwas auf. Man sieht keine Vögel darauf. Es wäre mir bestimmt nicht aufgefallen, wenn Nelli einmal nicht getwittert hätte: „Schickt uns weiße Tauben“. Denn es gibt keine weißen Tauben in Mariupol mehr. Es gibt überhaupt kaum noch Tauben in der Stadt. Die Vögel wurden gefangen und aufgegessen, als es gar nichts mehr zu essen gab. Der Grund, warum die weißen Tauben völlig ausgerottet wurden, ist übrigens ganz simpel. Nein, ihr Fleisch schmeckt nicht besser. Man kann sie halt im Dunkeln besser sehen.

Lemberg, den 1. September, nachmittags

Ende August beginnt die große Völkerwanderung. Die Sommerhitze ist vorüber. Familien kommen aus dem Urlaub zurück, Studierende schleppen schwere Taschen in ihre Wohnheime und Mietwohnungen. Überall sind Hektik und Rastlosigkeit zu spüren. Die Straßenbahnen bimmeln, die Autos hupen. Etwas Wundersames, ein Zauber liegt in der Luft. Es ist wie vor Weihnachten oder Silvester, nur dass diesmal keine Adventskalender, Geschenke und Sekt gekauft werden, sondern Schulranzen, Bleistifte und Hefte. Am letzten Sommertag explodieren die Preise für einen Blumenstrauß wie für eine Taxifahrt beim Sturzregen. Am nächsten Morgen steht die ganze Stadt im Stau. Der Kollaps hat einen Namen: Schulbeginn.
Der deutsch-spanische Journalist Juan Moreno hat einmal in einer Kolumne behauptet, dass Karl Marx nie auf die Idee gekommen wäre, den Kommunismus zu erfinden, wenn er im Zeitalter des Automobils gelebt hätte. Denn das oft extrem individualistische Verhalten der Autofahrer widerspreche grundsätzlich der Idee einer glücklichen Zukunft ohne Privateigentum. Ich vermute sogar, dass die Autofahrer beziehungsweise der unausrottbare Wunsch des Menschen, eine kleine „Mobilie“ auf vier Rädern zu besitzen, einen wesentlichen Beitrag zum Untergang aller Arbeiter-und-Bauern-Staaten dieser Welt geleistet haben.
Etwas Ähnliches wie über den Urvater der kommunistischen Ideologie könnte man auch über den Mann sagen, der lange Sommerferien für Schüler und einen einheitlichen Schulanfang am 1. September erfunden hat. Dass es eine Frau hätte sein können, ist im Hinblick auf die historische Epoche eher unwahrscheinlich. Schade eigentlich, denn so wäre die Regel womöglich etwas flexibler ausgefallen.
Als in den meisten europäischen Ländern im Laufe des 19. Jahrhunderts die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde, waren die langen Sommerferien eher als eine Notlösung gedacht. Sonst wären die Bauernkinder, die im Sommer den Eltern bei den landwirtschaftlichen Arbeiten helfen mussten, dem Unterricht ferngeblieben. In der Sowjetunion hat sich diese Tradition als äußerst lebendig erwiesen. Sie hat nicht nur Lenin und Stalin, sondern auch alle nachfolgenden Parteisekretäre und sogar den Zerfall des sowjetischen Imperiums überlebt.
Drei Monate Schulferien waren für junge Eltern ein Horror. Wohin mit dem Kind im Grundschulalter? Wer Verwandte auf dem Lande hatte, konnte das Mädel oder den Bub dorthin verfrachten. Ansonsten hatte man ein Problem. Damals wusste noch niemand, dass es Corona gibt. Manchmal halfen die Großeltern aus, wenn sie nicht mehr arbeiteten. Oft mussten der Papa und die Mama den Urlaub zeitversetzt nehmen. So konnte das Kind die Ferien einen Monat mit der Oma, den zweiten mit dem Vater und den dritten schließlich mit der Mutter genießen. Ansonsten gab es nicht viele Alternativen. Die Glücklicheren hatten ältere Geschwister. Die Unglücklicheren mussten ins Pionierlager. Oder umgekehrt. Dann sahen sich alle am 1. September in der Schule wieder.
In diesem Jahr ist es anders. Nicht alle Kinder werden wieder zusammenkommen. Hunderte sind von russischen Raketen getötet worden. Hunderttausende sind geflüchtet und in der Westukraine gelandet. Andere sind mit ihren Familien über ganz Europa verstreut. Manche Schulen sind zerbombt worden. In anderen ist der Präsenzunterricht aus Sicherheitsgründen gar nicht möglich. In den besetzten Gebieten fangen die Okkupanten indessen an, ukrainische Schulbücher zu beschlagnahmen und die „Putinsche“ Geschichte zu unterrichten. In Mariupol haben die Schulen am ersten Schultag gar nicht geöffnet. Sonst hätte man dort den Kindern eingebläut, dass es keine ukrainische Nation gibt.
Dass am 1. September nicht nur das Schuljahr beginnt, sondern auch der Zweite Weltkrieg angefangen hat, mag ein Zufall sein. Trotzdem begegnen sich beide Fakten immer wieder. Aber das ist eine neue Geschichte, die bei einer anderen Gelegenheit erzählt werden muss.

Seit dem ersten Kriegsmorgen hält uns der preisgekrönte Übersetzer Juri Durkot aus Lemberg über die Lage in der Ukraine aus seinem Kriegstagebuch in Die Welt  auf dem Laufenden. 
Am 7. November beschreibt er hier die besondere Atmosphäre des ukrainisch-deutschen Schriftsteller:innentreffens in der Bibliothek von Weimar.