Auf- und Abbrüche in der Stadtgeschichte Charkiws

Guido Hausmann

I.
Die erste Reise in die Ukraine führt in der Regel nicht nach Charkiw, sondern nach Kiew/Kyiv, Lemberg/Lviv oder Odessa/Odesa. Möchte man die Ukraine dann näher kennen lernen, taucht irgendwann die Frage nach Charkiw auf, die große Stadt, die sich im Nordosten der Ukraine verborgen hält. Die Frage nach Charkiw wird so häufig zur Frage nach den Unterschieden und Beziehungen zwischen den genannten anderen Städten, vor allem zwischen Charkiw und Kiew. Diese Meinung teilen wohl auch viele Ukrainer, denn sie spiegelt sich in der sprachlichen Wendung: „Charkiw ist nicht die erste, aber auch nicht die zweite“, die den Charkiwern zugeschrieben wird.
Charkiw ist eine anziehende Stadt, aber sie in historischer Perspektive vorzustellen oder zu erklären (lässt sich eine Stadt erklären?), ist schwierig. Doch ohne Charkiw lässt sich die Ukraine nicht verstehen. Für Odesa, Lviv und Kiew gibt es, historisch gesehen, weiter zurückliegende goldene Zeiten, die angerufen und beschworen, imaginiert und wachgerufen oder ironisiert und dekonstruiert werden können. Für Charkiw gilt das weniger, die Stadt hat keine eindeutige Prägung (ein Vorteil oder ein Nachteil?), und sie hat diese auch bis heute nicht von sich entworfen. Dafür gibt es Gründe. Positiver formuliert: es gibt nicht eine Grundmelodie der Stadt, sondern mehrere – und gehört diese Vielfalt und Heterogenität nicht zum Verständnis von Stadt? Das spiegelt sich im nationalen ukrainischen Kontext in besonderer Weise in Aufbrüchen und jähen Abbrüchen.
Beide Besonderheiten bieten Zugänge zur Stadtgeschichte, die ich Ihnen an zwei Beispielen darstellen möchte.

II.
Aufbrüche und Abbrüche
Charkiw ist zwar keine mittelalterliche Stadtgründung wie Kiew, aber ihre Gründung reicht doch in das für die Ukraine so wichtige Kosakenzeitalter in der frühen Neuzeit zurück, als die ‚freien Krieger‘ (Kosaken) beiderseits des Dnipro gegen Polen-Litauen, Moskau und das Krimkhanat im Süden eine eigene politische Ordnung schufen, das Hetmanat (Kosakenstaat). Von den umkämpften ukrainischen Kosakengebieten im Zentrum um Kiew zogen sich bereits im frühen 17. Jh. Kosaken und Bauern weiter nach Osten zurück, gründeten Charkiw als Festung zur Abwehr krimtatarischer Einfälle von Süden, und Kosaken prägten so den neuen Ort und die ganze Region. Hinzu kamen dann Bauern aus dem Norden, mehrheitlich russische Bauern, die nach Süden in die fruchtbaren Steppengebiete um Charkiw drängten. Das kosakische Sonderbewusstsein erhielt sich in dieser Region im 18. und frühen 19. Jahrhundert, als die Kosakengebiete längst von Russland erobert und in den Zarenstaat integriert war. Als Russland zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein erstes Netz von Universitäten gründete, gehörte auch Charkiw zu den ausgewählten Standorten, da es hier zuvor bereits ein Kollegium gegeben hatte, also eine institutionelle Basis vorhanden war. Auch zahlreiche Deutsche unterrichteten an der neuen Universität. Der Philosoph Schelling hatte bereits seine Koffer gepackt, um nach Charkiw aufzubrechen, entschied sich in letzter Minute aber doch für den Verbleib in Deutschland. Im Umkreis der neuen Universität sammelten sich Gelehrte und Intellektuelle, die im typischen zeitgenössischen romantischen Geist – und in Anknüpfung an das regionale Sonderbewusstsein – auf der Basis populärkultureller literarischer Denkmäler frühnationale ukrainische Gedanken entwickelten: die Ukrainer versus die Russen. Die Narration der modernen nationalen Geschichte, über die nach 1991 so viel nachgedacht und gestritten wurde und bis heute wird, ist also eng mit Charkiw verbunden – und mit einer ihrer stolzen, alten, im Zentrum gelegenen Einrichtungen – der Universität. Wenige Jahrzehnte später, im Jahr 1834 (ein Aufstand der Polen war gerade unterdrückt worden), eröffnete der Zarenstaat dann die zweite Universität in der Ukraine – in Kiew, und sie wurde bald zum neuen Zentrum nationalen Denkens. Das meine ich mit Aufbruch und Abbruch und der Rivalität zwischen Charkiw und Kiew. Der Staat hatte in einer spezifischen historischen Situation eine entscheidende Rolle gespielt.
Auch im Revolutionsjahr 1917-18 ist die Rivalität zwischen Kiew wieder deutlich zu erkennen. Es ist nicht nur das Jahr der einen, der Oktoberrevolution, sondern mehrerer Revolutionen, unter anderem einer Revolution in Kiew. Hier erklärten Ukrainer nach dem Petrograder Oktoberumsturz die staatliche Unabhängigkeit der Ukraine, gründeten ein ukrainisches Vorparlament (die Zentralrada) und bildeten eine sozialistische, aber nicht bolschewistische Regierung. Charkiw mit seinen inzwischen knapp 400.000 Einwohnern (382.000) war zu dieser Zeit stärker als Kiew industriell geprägt, hatte eine Reihe großer metallverarbeitender Betriebe, die zum kleineren Teil während des Krieges hierhin mitsamt ihren Arbeitern aus den frontnahen lettischen Gebieten evakuiert worden waren. Es lag geographisch näher an Russland und Moskau, die Stadt war russischsprachig, die ländliche Bevölkerung der umliegenden Region sprach dagegen mehrheitlich ukrainisch. Zunächst scheiterten die Versuche der lokalen Bolschewiki im Bündnis mit Roten Garden (im Spätherbst 1917) die Macht in der Stadt an sich zu reißen und von hier aus bolschewistische Herrschaft in der ganzen Ukraine durchzusetzen. Ein Militär-Revolutionäres Komitee war sozialistisch zusammengesetzt, aber nicht bolschewistisch. Es hatte einen größeren Anteil ukrainischer Parteimitglieder und strebte eine föderale Ordnung Russlands an, zu der auch eine autonome Ukraine gehören sollte. Wenig später, am 8.-9. Dezember 1917, übernahmen dann die Bolschewiki erstmals gewaltsam die Herrschaft in der Stadt, und erklärten später hier die Gründung einer sowjetischen Ukraine. Charkiw und Kiew standen sich wieder rivalisierend gegenüber. Auch wenn in den folgenden Jahren politische Herrschaft in Kiew und Charkiw noch mehrfach wechselten, so stand am Ende doch eine sowjetukrainische Hauptstadt Charkiw – bis sie 1934 nach Kiew verlegt wurde.
Die Spannung Charkiw-Kiew führte seit der Revolutionszeit 1917-1921 in Charkiw immer wieder zu Forderungen nach Föderalisierung und Autonomie, so 1991, 2004 und 2014. Föderalismus klingt im deutschen Denken gut, aber im ukrainischen politischen Denken heute gibt es angesichts der genannten historischen Erfahrungen den berechtigten Verdacht, dass die Forderung nach Föderalismus eigentlich ein politischer Versuch der Nachbarn der Ukraine ist, die territoriale Integrität der Ukraine zu bedrohen. Charkiw sollte 2014 auch Teil eines so genannten Neurusslands werden, das aus Russland geschickte Kämpfer in Donezk und Luhansk ausgerufen hatten.
Es gibt aber trotz abrupter Brüche in der Geschichte Charkiws auch Kontinuitäten, und ich möchte hier drei Kontinuitäten hervorheben: zum einen die Ukraineorientierung in entscheidenden historischen Zeiten: Was für eine Ukraine das jeweils sein sollte, war allerdings unterschiedlich. Eine zweite Kontinuität ist ein regionales Sonderbewusstsein, das im späten 19. und frühen 20. Jh. in regionalen Geschichtswerken Ausdruck fand (D. Bahalei: Geschichte der Slobidska Ukraine). Drittens war Charkiw – ebenfalls vom 19. bis zum frühen 21. Jh. – ein Ort wirtschaftlicher und technischer Modernität. Moderne Fabriken mit hochqualifizierten Technikern, Ingenieuren und Physikern in Forschungslabors prägten seit dem späten 19. Jh. und durch das gesamte 20. Jh. hindurch ein urbanes Selbstbewusstsein, das auf einem technischen Fortschrittsverständnis basiert. Das ältere Handelszentrum (im 19. Jahrhundert gab es hier einen großen Jahrmarkt) war im späten 19. Jahrhundert zu einem Verkehrsknotenpunkt (Eisenbahn) zwischen Moskau, dem Kaukasus, der Krim und Kiew geworden, vor 1917 entstand eine Art civil society (D. Bahalei war vor 1917 Bürgermeister der Stadt), Charkiw war das Finanz- und Verwaltungszentrum der neuen Industrieregion Donbas.
In den 15 Jahren als Hauptstadt der sowjetischen Ukraine boomte die Stadt. Die Bevölkerung wuchs schnell an, Stadtplanung und ein avantgardistischer ukrainischer Architekturstil (im weiteren Sinn geprägt durch Gartenstadtvorstellungen und das Bauhaus) schufen das neue sowjetukrainische Charkiw. 1923-24 entstanden Pläne für die Ansiedlung neuer, großer Fabriken 20-30 km entfernt von der Stadt, im nördlichen Teil des früheren Stadtzentrums wurde ein neues Regierungszentrum geplant, getrennt davon neue Wohnbezirke. Davon wurden einige Pläne seit 1925, vor allem Ende der 1920er Jahre, zu Beginn der 1930er Jahre auch verwirklicht – etwa Gebäude des gigantischen neuen Regierungskomplexes, des größten sowjetukrainischen Bauvorhabens seiner Zeit in Verbindung mit dem größten offenen Platz seiner Zeit. Gleichzeitig entstand das ‚neue Charkiw‘, ein riesiges Areal für neue Industriewerke etwa acht Kilometer entfernt vom Stadtzentrum, mit dem berühmten, 1931 eröffneten Traktorenwerk, das bis in die 1980er Jahre mehr als zwei Millionen Traktoren baute. Eine der letzten Errungenschaften dieser Hauptstadtzeit war das 1935 fertig gestellte Denkmal des Nationaldichters Taras Schewtschenko. Danach brach diese Entwicklung ab. Die große Politik hatte wieder entscheidend das Schicksal der Stadt bestimmt.

III.
Stadt des Todes
Mit Charkiw verbinde ich mehr als mit anderen Großstädten der sowjetischen Ukraine der Zwischenkriegszeit den Tod, zumal den Hungertod von 1932/33. Seit der europäischen frühen Neuzeit, seitdem sich moderne Staatlichkeit entwickelte, waren sich die Herrschenden der Notwendigkeit bewusst, Hauptstädte in Krisenzeiten mit Lebensmitteln zu versorgen. Sonst entstand ein politisches Risiko wie die Aufruhre in Paris im 18. Jahrhundert gezeigt hatten. Charkiw und Kiew waren 1931-33 nicht gut mit Lebensmitteln versorgt, aber es reichte zum Überleben, im Unterschied zum umliegenden Land. Stalinistische Zwangskollektivierung und ein Antiukrainismus führten zum millionenfachen Tod in der Ukraine, in der Charkiwer Provinz so stark wie in kaum einer anderen Provinz der Ukraine. Offiziell gab es keinen Hunger, internationale Hilfe war deshalb (im Unterschied zum Hunger von 1921-23) genau so unnötig und unerwünscht wie eine Presseberichterstattung. Deshalb gibt es keine Bilder dieses Todes und dieser Toten. Ein in Moskau lebender Österreicher, Alexander Wienersberger, der in den 1920er Jahren als Kleinunternehmer (NEPman) zu Wohlstand gekommen war, fuhr im Frühjahr 1933 mit dem Auto von Moskau auf die Krim und fotografierte den Tod in Charkiw. Die Landbevölkerung flüchtete aus den hungernden Dörfern nach Charkiw, obwohl dies verboten wurde, und mit ihr fraß sich der Tod vom Stadtrand bis ins neue sozialistische Stadtzentrum hinein. Die etwa 20 Fotografien erschienen erstmals 1935 in einem deutschsprachigen Buch über die Sowjetunion, einem raren Zeugnis.
Hitler nahm in einer Rede im Frühjahr 1933 auf den ukrainischen Hunger Bezug – mit der Folge, dass sozialistisch gesinnte Journalisten und Politiker aus Frankreich, England und den USA den massenhaften Hunger in der Ukraine abstritten. Die Ukraine wurde so „im Westen“ ein eher „rechtes“ Thema, mit Folgen bis heute. Eine Ausnahme war der junge walisische Journalist Gareth Jones, ein Held seiner Zeit. Er war innerlich so bewegt von den Hungergerüchten, dass er in diplomatischer Mission nach Moskau reiste, sich dort absetzte, eigenständig mit der Eisenbahn nach Süden aufbrach und dabei den sowjetischen Geheimdienst erfolgreich in die Irre führte. Vom russischen Belgorod aus ging er zu Fuß nach Charkiw, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen und aufzuklären, und er berichtete nach seiner Rückkehr im März 1933 in Berlin und London in Presseerklärungen und Artikeln über die ukrainische Hungertragödie: „Since March it has got so much worse that it is horrible to be in Kharkoff. So many die, ( so many ) ill and beggars.“ Was macht die Hungererfahrung mit Menschen, die ihn überlebt haben, aber über ihn jahrzehntelang nicht öffentlich sprechen dürfen? In Berichten aus der zweiten Hälfte der 1930er Jahre wird der Blick immer wieder auf Schlangen vor Brotläden gerichtet und man fühlt die Angst, der Hunger könnte zurückkehren. Er kehrte bald zurück, mit der Hungerpolitik der Nationalsozialisten, und dann noch einmal 1946-47.
Wenn ich den Todesbegriff metaphorisch verwende, was ich als Historiker nicht tun sollte, dann lässt sich auch von einem Tod der Kultur in den 1930er Jahren sprechen. George Bosse, Sohn eines früheren Maschinenbauunternehmers, erinnerte sich im Alter, wie er als Jugendlicher im Frühjahr 1937 im Stadtzentrum von Charkiw für seinen Vater eine Zeitung kaufen sollte:
„Zunächst mußte man vor dem Kiosk warten, bis „Prawda“ und „Izwestia“ mit dem Lastauto gebracht wurden. Diese Zeitungen erreichten uns mit 24-stündiger Verspätung, denn Moskau war weit von uns entfernt. Es gab allerdings eine lokale Zeitung die „Sozialistische Ukraine“. Sie berichtete aber nur über Ernten, Vorbereitungen zur Weizenaussaat, riesige Fortschritte in der Industrie und Interviews mit den Spitzenarbeitern und Angestellten der lokalen Betriebe. Über die Ereignisse in der Welt berichtete die „Sozialistische Ukraine“ nichts.“ (S. 69)
Zum kulturellen Tod kam der physische Tod durch den stalinistischen Terror. Das Stadtbild Charkiws prägten in den 1930er Jahren mehr und mehr Bäume und öffentliche Blumenbeete, während sich unter den Einwohnern Angst und Gewalt ausbreiteten. Bosse bemerkte den Wandel der Stadt, als er seinen Weg ins Stadtzentrum beschreibt: „Ich ging die von Bäumen bepflanzte Liebknecht-Straße [die Hauptstraße der Stadt, vor 1917 Sumskaja], hinunter ins Stadtzentrum. Rechts sah ich den gigantischen Dzerzinski – Platz, der für Militärparaden und Aufmärsche der Werktätigen angelegt worden war. Vor einigen Jahren waren an dieser Stelle Tag und Nacht Häuserblocks abgerissen und mit „sozialistischen Schockmethoden“ beseitigt worden; so ist dieser Riesenplatz entstanden.“ (S.24-25)
Als Stalin und seine Helfershelfer Zwangskollektivierung, Industrialisierung und Kulturrevolution überlebt hatten, und das wurde 1934 auf dem 17. Parteitag deutlich, verlegten sie die Hauptstadt in das zwar vom imperialen Zentrum Moskau peripherer gelegene, aber alte kulturelle und politische Zentrum der Ukraine – nach Kiew.
Wenige Jahre später brachte die deutsche Okkupation zwischen Oktober 1941 und August 1943 Hunger und Tod in die Stadt. Mehrfach wechselte hier die Herrschaft zwischen Wehrmacht und Roter Armee, die Kämpfe vor allem des Jahres 1943 führten zur Zerstörung großer Teile, so dass die Stadt noch stärker litt als Kiew, durch das die deutschen Truppen im September 1941 nach Osten durchmarschiert waren. Zehntausende sowjetische Kriegsgefangene fanden den Tod durch die deutsche Hungerpolitik, Arbeiterbaracken des Traktorenwerkes wurden jetzt zum Ghetto für die jüdische Bevölkerung, die massenhaft in einer Schlucht im Osten der Stadt (‚Dobryckyi Yar‘) erschossen wurde. Besatzung und Gewaltherrschaft in der Ukraine werden erst seit einigen Jahren von deutschen Historikern detaillierter erforscht, es gibt auch für Charkiw bisher nur wenige Studien. Das Interesse bei jüngeren ukrainischen Historikern an dem Thema ist deutlich gestiegen, auch am Holocaust, die Archive sind offen und zu den schwierigen Erkenntnissen gehört, dass die zivile Bevölkerung vor Ort in mancher Hinsicht kaum zwischen der Gewaltherrschaft der 1930er Jahre, der Kriegszeit und der spätstalinistischen Zeit nach 1945 unterscheiden konnte.

IV.
Geschichte ist meiner Meinung nach kontingent und aus ihr lassen sich keine eindeutigen Schlüsse für die Gegenwart oder Zukunft ziehen. Aber Menschen drücken ihre Meinungen und Interessen doch häufig in der Weise aus, dass sie sich auf vergangene kulturelle Optionen beziehen, zumal wenn diese Wirkung entfalten konnten. Welche kulturellen Optionen reüssierten in Charkiw nach 1991? Es scheint, als hätten die Charkiwer nach 1991 keine eindeutige Entscheidung getroffen bzw. treffen müssen, denn der schwache ukrainische Staat zwang der Stadt keine radikale Wahl auf.
Der ukrainisch-kanadische Historiker Volodymyr Kravčenko hat kürzlich auf verschiedene Traditionen hingewiesen: Traditionen aus der späten Sowjetunion wirkten weiter, viele Politikernamen in Charkiw blieben die gleichen (A.S. Masel’skij 1985-96 Gouverneur, E.P. Kushnarev in der Stadt). Aber über die spezifische spätsowjetische Urbanität Charkiws wissen wir wenig mehr als das es ähnliche Entwicklungen wie in anderen (sowjetischen (-ukrainischen) Städten gab, zumal den Durchbruch der Verstädterung mit dem Bau großer Mikrorayone in den 1960er und 1970er Jahren. Wir wissen nichts darüber, ob und wie sich eine spezifische sowjetukrainische Identität in Charkiw ausprägte.
Es gibt immerhin Hinweise auf die Bedeutung früherer kultureller Optionen für die Stadtentwicklung nach 1991. Kravčenko hat darauf aufmerksam gemacht, dass regionale kulturelle Bezüge (Kosaken, Slobidska Ukraine), die Stadt und Region innerhalb der Ukraine positionierten, seit den späten 1980er Jahren und in den 1990er Jahren in der Stadt neu diskutiert und populärer wurden. Nur selten sprachen Autoren mit Bezug auf Charkiw und die Region von einem eigenen ukrainisch-russischen Ethnos.
Nach Charkiw selbst kehren in den 1990er Jahren die Namen ukrainischer Gelehrter und Intellektueller der vorsowjetischen und sowjetischen Zeit zurück, zunächst kaum eine ukrainisch-kosakische symbolische Geographie.
Entscheidender war jedoch, dass Charkiw 1991 zur Grenzstadt zwischen zwei unabhängigen Staaten wurde, dessen Grenzen nicht genau abgesteckt waren. Typisch für die auf Ausgleich mit Russland bedachte Kutschma-Zeit (vor allem Ende der 1990, frühe 2000er Jahre) waren Slogans von Charkiw als Mittler zwischen der Ukraine und Russland, als „Hauptstadt der ukrainisch-russischen Freundschaft“ oder als „Ort verschiedener Völker und Kulturen“ (Kravčenko S. 290), Vorstellungen, die sich durchaus noch mit historisch-regionalen Vorstellungen verbinden ließen. Dagegen waren die Bezüge aus den 1990er Jahren auf die „erste Hauptstadt“, also auf die sowjetukrainische Hauptstadt von 1919 bis 1934, vor allem gegen Kiew und das ukrainische Nationalstaatsprojekt gerichtet. Gegen Kiew war 2004 in der ‚Orangen Revolution‘ auch das Projekt einer südöstlichen Autonomie gerichtet, das auf einem Kongress in Charkiw beraten und proklamiert wurde.
Ältere kulturelle und politische Orientierungen und Prägungen gewannen also nach 1991 neue Relevanz, der Kiewer Euromajdan von 2013-14 erforderte dann eine radikalere Auseinandersetzung mit diesem kulturellen und politischen Erbe. Wird sie geführt, mit welchem Ergebnis? Als Historiker möchte ich nur ungern über die Gegenwart sprechen – und stoppe deshalb hier.

Literaturempfehlungen:
Bagalej, D., Miller, D.P.: Istorija goroda Char’kova za 250 let ego suščestvovanija (1655-1905). T. I-II. Char’kov 1993 (Reprintnoe izdanie Char’kov 1905).
Bosse, G.: Jene Zeit in Charkow 1936-1941. Eine Jugend unter Stalin. Berlin 1997.
Friedrich, G.: Kollaboration in der Ukraine im Zweiten Weltkrieg. Die Rolle der einheimischen Stadtverwaltung während der deutschen Besatzung Charkows 1941 bis 1943. Inauguraldissertation Ruhr Universität Bochum 2008.
Hausmann, G.: Lokale Öffentlichkeit und städtische Herrschaft im Zarenreich: Die ukrainische Stadt Charkiv. In: A.R. Hofmann, A.V. Wendland (Hrsg.): Stadt und Öffentlichkeit in Ostmitteleuropa 1800-1939. Stuttgart 2002, S. 213-234.
Hewryk, Titus D.: Planning of the Capital in Kharkiv. In: Harvard Ukrainian Studies (16) 1992, S. 325-359.
Kossior, S., Postyschew, P.: Der bolschewistische Sieg in der Ukraine. Moskau-Leningrad 1934.
Kopelew, L.: Und schuf mir einen Götzen. Lehrjahre eines Kommunisten.
Kravčenko, V.: Char’kov / Charkiv: stolica Pohranyč’ja. Vil’njus 2010, S. 280-331.
Schlögel, K.: Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen. München 2015, S. 159-181.
Skorobogatov, A.V.: Charkiv u časy nimec’koji okupaciji (1941-1943). Charkiv 2004.
Wade, R.: The Revolution in the Provinces: Khar’kov and the Varieties of Response to the October Revolution. In: Revolutionary Russia (4) 1991 No.1, S. 132-142.
Zhadan, S.: Revolution im Stellungskrieg. C. Dathe, A. Rostek (Hrsg.): In: Majdan! Ukraine, Europa. Berlin 2014, S. 108-116.
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