Auszug aus dem Buch „ATO. Geschichten von Ost nach West“, 2014

Margaryta Surzhenko

Anhelina
Es war beinahe ein Tag wie jeder andere. Das Einzige, was ihn besonders machte, war das Loch in meiner Wohnung. Ich weiß nicht, wer daran schuld war, die „Terroristen“ oder die Armee, die klugerweise versucht hatte, erstere aus der Stadt zu vertreiben. Als ich sah, dass meine Wohnung sich in einen Trümmerhaufen verwandelt hatte, begriff ich kaum etwas, registrierte nicht einmal die Möglichkeit, mich jetzt im Sommer einfach in meinem Bett zu sonnen und im Winter ganz romantisch Schneeflocken mit dem Mund aufzufangen… Nein, mein Kopf war leer. Ich war weder wütend noch freute ich mich darüber, dass ich noch lebte. Alles war wie in einem Film. Einfach ein Schock, und ich war nicht im Bild. Von irgendwoher kam ein Mensch und begann zu brüllen, dass ich mich verstecken solle, denn der Beschuss könne gleich wieder losgehen. Ich rannte ihm nach, irgendwohin. Wir saßen in einem Treppenhaus, und dann versuchten wir uns bei irgendwem im Keller zu verstecken. Da saßen schon ein paar Familien, die sich über unser Auftauchen nicht sonderlich freuten, und deshalb machten wir uns rasch vom Acker. Erst am Bahnhof blieben wir dann stehen.
Ich erinnere mich nicht einmal daran, wie ich es in den Zug geschafft habe. Die ganze Nacht saß ich einer Frau zu Füßen, die nicht sonderlich begeistert davon war, dass ich sie beim Schlafen störte. Gleichzeitig war ich nicht gerade hingerissen vom Geruch ihrer Socken. Harmonie in der gegenseitigen Unzufriedenheit. Wirklich, dieser Geruch war derart drogenhaft berauschend, dass mich ein Tag mehr mit ihr sicher ins Nirwana befördert hätte. Ich erinnere mich daran, dass ich mich intensiv fragte, warum jemand im Sommer Socken anhatte und sie im Zug nicht auszog.
Irgendwann gegen ein Uhr nachts wurden die Fragen in meinem Kopf weniger philosophisch. Die Frage tauchte auf, wohin ich da überhaupt fuhr. Ich hatte schließlich der Schaffnerin meine goldenen Ohrringe geschenkt, nur damit sie mich in den Zug ließ, und die hatten ein paar Tausend Hrywnja gekostet. Wie es wohl den Kleidern in meinem Schrank ging? Ob meine Katze noch lebte? Was man auf meiner Arbeit sagen würde, wenn ich dort nicht auftauchte? Würde sich jemand wegen mir Sorgen machen, in der Annahme, dass ich beim Einschlag des Geschosses im Haus gewesen war?
Man hatte mich oft gefragt, warum ich so lange in Luhansk geblieben war. Die Hälfte der Stadt war in andere Teile der Ukraine oder nach Russland gegangen. Jeden Tag hörten wir Explosionen, Schießereien, es starben immer mehr Stadtbewohner. Aber ich ging immer weiter zur Arbeit, kam danach nach Hause, kochte mir etwas zu essen. Immer öfter begann das Licht bei uns auszusetzen, auch das Wasser… Aber ich wollte einfach kein Risiko eingehen. So komisch das klingen mag. Ich wollte kein Risiko eingehen, deshalb blieb ich in einer Stadt, in der ein echter Krieg, die echte Hölle ausgebrochen war. Das lag vor allem daran, dass ich wie jeder andere meine Abhängigkeiten habe: Für manche ist es das Smartphone, für manche der Partner, für manche Zigaretten… Ich aber bin abhängig von meiner Komfortzone und habe mich mein ganzes Leben davor gefürchtet, sie zu verlassen. In eine andere Stadt zu fahren, im Zug auf Bettwäsche zu schlafen, auf der vor mir schon jemand anderes geschlafen hat, durch eine Stadt zu laufen, wo ich niemanden kenne – nein, das war nichts für mich! Wenn ein Mensch vor allem aus seinen Erfahrungen besteht, dann bestand ich aus meiner Stadt und meinen langweiligen Gewohnheiten, schließlich hatte ich in meinem gesamten Leben nur Luhansk gesehen, meine Wohnung und meine Arbeit. In mir war die Stabilität am Überkochen, meine Komfortzone bereitete mir Orgasmen. Mein Geld gab ich für eine Wohnungsrenovierung aus, für eine grüne Einbauküche, teure Toilettenfliesen und schöne Vorhänge von einer amerikanischen Website. Ich fühlte mich sehr wohl in meiner Wohnung. Ich vergötterte meinen weichen Teppich. Ich ging so gerne mit frisch pedikürten Füßen über ihn. Außerdem gefiel es mir sehr, wenn ich Gäste hatte und die dann meine schöne Wohnung sahen, meinen guten Geschmack lobten, wie gut doch die Farbe der Schränke zur Farbe der Tapete passte.
Einmal lud mich eine Freundin ein, mit ihr in die Türkei zu fahren. Für den durchschnittlichen Luhansker war sogar eine Reise auf die Krim schon ein Luxus. Aber wie hätte ich Geld für einen Flug ans Meer ausgeben können, wenn doch meine Klamotten nicht mehr in meinen Schrank passten und ich dringend eine neue Möbelgarnitur anschaffen musste? Woher die Zeit für eine Reise nehmen, wenn ich mich doch meinen gesamten Urlaub mit dem Großreinemachen in meiner Wohnung beschäftigen musste? Vor die Auswahl zwischen Reisen und Komfort gestellt, wählte ich immer letzteres. Jetzt lag mein Komfort unter Bergen von Ziegelsteinen begraben.
Ich lebte allein, wenn man meine Katze Musja nicht mitzählte. Ich weiß bis heute nicht, ob sie noch am Leben ist oder auf ewig unter den Trümmern schläft… Lasst uns also einfach annehmen, dass Musja überlebt und unsere Wohnung gerächt hat, dass sie den Terroristen ihre Allerwertesten zerkratzt hat… Ihr versteht, wie sehr ich mit meinem stabilen Leben verwachsen war, dass es nur einer Bombe gelingen konnte, mich da herauszureißen.
Irgendwann gegen drei Uhr morgens begann ich mir im Zug ernsthaft Gedanken über meine Situation zu machen. Der Zug ging nach Kyjiw. Ich hatte weder Geld noch Kleidung bei mir. Um den Hals trug ich eine Goldkette, am Finger einen Ring. In meiner Tasche lagen Parfümflaschen, Feuchttücher, ein Notizbuch mit Stift und noch ein bisschen anderer Kram. Außerdem noch das Handy, dass ich eine Woche vorher einem Mann abgekauft hatte, der gerade aus der Stadt floh. Mein Handy hatte man mir zuvor im Bus geklaut. Der Großteil der gespeicherten Nummern war verloren, und meine neue Nummer kannten ausschließlich ein paar Leute in der Arbeit.
Gegen sechs bemerkte ich, dass unsere Schaffnerin in ihrem Trainingsanzug in den Nachbarwaggon gegangen war, und ich beschloss, mich dieser Situation zu bedienen. Schnell ging ich zu ihrem Abteil. An einem Kleiderhaken hing ihre Uniform. Ich durchsuchte die Vordertasche und fand dort meine Ohrringe. Obwohl ich mich die ganze Zugfahrt in einem Schockzustand befunden hatte, hatte ich mir gemerkt, dass sie die Ohrringe genau dort verstaut hatte. Zum Glück waren sie immer noch dort untergebracht. Entschuldigen Sie bitte, Frau Zugbegleiterin, aber so ein Platz bei den stinkenden Socken kann gar nicht so viel kosten wie meine goldenen Ohrringe.
Das war mein erster Diebstahl. Er gab das Startsignal für einen Staffellauf der Lebensveränderungen. Heute kann ich unbeschwert und mit einem Lächeln auf den Lippen an meinen Gang ins Dienstabteil zurückdenken. Damals war es noch eine Heldentat für mich. Einerseits quälten mich Zweifel, andererseits verstand ich aber auch, dass ich jetzt wohnungslos war und noch essen werden müsste. Außerdem war die Schaffnerin schlicht zu geringschätzig und ungerecht mir gegenüber gewesen. Hatte mich von oben herab angeschaut, als hätte sie mir jetzt einen Gefallen getan. Da war die Rückholung meines Schmucks eine Art von Gerechtigkeit. Aber ab diesem Moment und bis ein Uhr nachts war meine Zugfahrt von der ständigen Angst begleitet, dass gleich die Miliz kommen und mich verhaften würde. Außerdem hatte ich Angst, dass die Schaffnerin vielleicht ein paar mit ihr befreundete, bewaffnete Pumperseperatisten im Nachbarwaggon hatte, die zufällig zu einem Städtetrip nach Kyjiw unterwegs waren. Jedes Mal, wenn sie an mir vorbeiging, um die Toilette abzusperren oder meinen Mitfahrern Tee zu bringen, erstarrte ich und bekam Magenkrämpfe. Als Dieb war ich eine Null.
Es gab aber auch Schönes im Zug. Vor allem im Fenster. Der Sonnenaufgang. Der rote Himmel. Das Erwachen der Natur vor unseren Augen. Die unendlichen ukrainischen Felder. Die Wiesenblumen. Als Kyjiw sich näherte, erschienen auf dem Fensterglas kleine Regentropfen. Langsam liefen sie das Glas hinab. Meine Augen waren ebenfalls nahe daran, sich mit Tropfen zu füllen. Der große und weite Dnipro wollte mich mit seinen Wellen beruhigen: „Hier bist du in Sicherheit.“ Die große Frauenstatue mit dem Schwert unterstrich das noch einmal. Ich verschwamm mit der Landschaft vor dem Fenster, in mir Leichtigkeit und Ruhe. Und musste dann in einer Realität zu mir kommen, die von unglücklichen und verschreckten Flüchtlingen überfüllt war.
Die Sockenfrau hatte zwei Stunden vor Ankunft ihre Kekse mit mir geteilt. Sie dufteten. Eine Art Entschädigung für meine Geruchsrezeptoren. Sie erfuhr, dass man meine Wohnung zerbombt hatte, und bemitleidete mich. Meinte, dass sie zu ihrem Sohn fuhr.
Auf den Gesichtern der Menschen las ich vor allem Angst, Beunruhigung und eine furchtbare Müdigkeit, aber Mitleid hatte ich keins mit ihnen. Was konnte ich dafür, dass sie als Versager geboren waren, unfähig, demonstrieren zu gehen und für ihre Positionen einzustehen? Ich hatte im Zug eine Menge Gespräche darüber gehört, dass die ukrainische Regierung an unserem Unglück schuld sei. Ich musste da gleich an die Bücher über Psychologie denken, wo einem geraten wird, selbst Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, nichts auf andere abzuwälzen. Wenn ein Mann seine Frau schlug, wer außer ihr selbst war daran schuld? Schließlich hatte sie ihm im Standesamt das Jawort gegeben. Also gab auch ich stillschweigend mir selbst die Schuld an meinem Unglück und fing an, mir Gedanken über eine andere Zukunft zu machen.
Nachdem ich aus dem Waggon herausgeklettert war, stand ich verloren am Gleis. Wohin gehen, was tun? Ich war zum ersten Mal in der Hauptstadt. Ich weiß nicht, worauf ich gehofft hatte. Ich hatte gedacht, dass auf dem Bahnsteig Stände stehen würden, wo man die Flüchtlinge registrieren, ihnen Hilfe anbieten würde. Aber alle hatten wie Ameisen den Waggon verlassen und sich irgendwohin verzogen. Alle wussten, wohin mit sich. Nur ich blieb verloren zurück. Warum hatte ich nicht daran gedacht, mich im Zug mit jemandem anzufreunden, ein paar Details darüber zu erfahren, wie es weitergehen sollte? Wobei, ich hatte mich wohl einfach geschämt, dass ich mich in einer derart ausweglosen Situation befand. Vielleicht wäre ich noch lange auf dem Bahnsteig herumgestanden, wenn die Schaffnerin nicht hinter mir aufgetaucht wäre. Sie schien mir etwas sagen zu wollen. Ich dachte gleich an die Ohrringe und tat, als würde ich sie nicht hören. Schnell machte ich mich auf in Richtung der Fußgängerunterführung.
***
Noch nie hatte ich so viele Menschen gesehen. Am Anfang schien mir Kyjiw wie ein Ameisenhaufen. Intuitiv fand ich die U-Bahn. Wartete in der Schlange vor den Drehkreuzen. Verstand da, dass ich kein Ticket hatte. Begann mich zurückzudrängeln, um eines zu kaufen. War zum ersten Mal froh, dass ich keinen Koffer dabeihatte. Ich verstehe nicht, wie Leute mit einem Berg aus Koffern und Kindern durch diese furchtbaren Drehkreuze kommen. Der zweite Drehversuch gelang besser. Der Menschenstrom trägt mich auf die Stufen einer Rolltreppe, die sich nach unten bewegt. Ich hole Luft und freue mich, dass ich noch am Leben bin. Setze mich in die Bahn Richtung „Chreschtschatyk“. Weiß nicht warum. Es ist schlicht die einzige Straße, die ich hier kenne. Ich dachte, da wäre sicher irgendein Laden, wo man mir das Gold abkaufen würde. Unterwege begann ich mir Sorgen zu machen, dass es auf dem Chreschtschatyk vor Nationalisten wimmeln würde, die mir meinen Schmuck wegnehmen würden, wenn sie mich Russisch sprechen hören. Begann mich an den Ukrainischunterricht in der Schule zu erinnern. Ich hatte die Sprache wie eine Fremdsprache gelernt.
Warum ich Angst vor den Nationalisten hatte? Ganz einfach. Beim Nägellackieren oder Kochen hatte ich hin und wieder russisches Fernsehen geschaut. Und beim Schlafenlegen konnte ich hören, wie meine Nachbarn die Nachrichten unseres Brudervolkes guckten. Meine Zombifizierung setzte sich also auch im Schlaf fort. Ich verstand eigentlich, dass die Nachrichten Lügen verbreiteten, aber trotzdem zitterten meine Hände vor lauter Angst, hier einem bösen Faschisten zu begegnen, mit dem abgehackten Kopf eines Donbasbewohners in seinen Händen. Ich verstand schon, dass wohl nicht aller Kyjiwer vom Tod aller Ostukrainer träumten. Die Mittelklasse träumt normalerweise von Erfolg im Beruf, von Reisen, von guter Bildung für die eigenen Kinder. Aber ich ließ den Gedanken zu, dass die russischen Fernsehkanäle die Wahrheit erzählten und jeder Kyjiwer irgendwo tief in seinem Herzen davon träumte, mir für jedes russische Wort einen Finger abzuschneiden. Zu meinem Erstaunen hörte ich in Kyjiw fast kein Ukrainisch.
Im Zentrum sah ich die Instytutska-Straße mit eigenen Augen. Sie war ganz von Blumen bedeckt, obwohl doch schon so viel Zeit vergangen war. Die Ukraine tat mir so leid. Gott nahm ihr die Besten. Es musste für sie eine bessere Welt geben. Eine gerechtere. Sonnigere. Wärmere. In echt sah das alles nicht so aus wie im Fernsehen. Mir hatten die Leute, die hier in den Kugelhagel geraten waren, immer so leidgetan. Obwohl unsere Ansichten so unterschiedlich waren, hatte ich sie immer für echte Männer und Helden gehalten. Und als ich hier entlangging, wo sie gestorben waren, kam es mir so vor, als würde ich durch ihre Knochen stapfen. Und da spürte ich meine Schuld. Wie ich ihnen nicht geholfen hatte. Nicht mit Taten, noch nicht einmal mit einem Wort. Und jetzt kroch ich aus meinem zerbombten Nest in diese Stadt, wo sie ihr Leben gelassen hatten. Für mich. Also: Wahrscheinlich hatte ich das alles verdient.
Lange spazierte ich durch die Straßen im Zentrum. Sah eine Kirche, und ein paar Meter weiter ein Juweliergeschäft. Im Schaufenster erblickte ich das Spiegelbild einer ungewaschenen jungen Frau mit fettigen Haaren, kaputten Nägeln, verschwitzt, erschöpft und verschreckt. Ich verstand, dass ich das war. Schämte mich plötzlich, hineinzugehen. Die Angestellten würden sicher denken, dass ich den Goldschmuck geklaut hatte. Aber ich musste lernen, meine Scham zu überwinden. Ich erinnerte mich wieder daran, dass ich ein armer, unglücklicher Flüchtling war und aufgrund dieses Status ein Recht hatte so auszusehen. Ich war obdachlos und entsprach nun einmal dem Dresscode meiner Klasse. Also alles okay.
In dem Geschäft verkaufte ich meine Ohrringe und die Kette. Ich wurde um zehntausend Hrywnja reicher. Dank sei meiner Mutter, dass sie mir so eine dicke Kette geschenkt hatte, wie sie Gangster in den Neunzigern getragen haben.
Draußen beschloss ich einen Supermarkt zu suchen und mir etwas zu essen zu kaufen. Innerhalb der letzten 24 Stunden hatte ich nichts gegessen außer die zwei Kekse im Zug.
Im Zentrum stieß ich einzig auf geschäftige Kyjiwer. Anstelle von Faschisten und Nationalisten waren das vor allem bärtige junge Männer. Kurz schoss mir sogar der Gedanke durch den Kopf, dass das hier so eine Art Haarvirus wüten könnte. Aber vielleicht sahen Nationalisten ja auch so aus? Hitler hatte schließlich einen Schnurrbart, und dank der Evolution könnte der sich bei den ukrainischen Faschisten vielleicht zu buschigen Vollbärten entwickelt haben.
Nach einer Stunde des Herumirrens fand ich einen McDonald’s. Natürlich setzte sich in dem Restaurant auch so ein Bärtiger an meinen Tisch. Ich bereute, dass ich mich nicht an einen Tisch gesetzt hatte, von dem aus man nach draußen hätte schauen können statt auf einen unbekannten Mann. Dabei hatte ich eigentlich gar nichts gegen den Bärtigen. Ich dachte nur, dass er mich laufend anstierte, wie ich den riesigen BigMac nicht in meinem Mund unterbringen konnte und wie mir dabei der Salat runterfiel. Mein Mund hat nun einmal bloß konventionelle Ausmaße, man möge es mir verzeihen. Dann hatte ich endlich alles aufgegessen, aber gehen wollte ich nirgendwohin. Außerdem hatte ich eine Steckdose gefunden und angefangen, mein Handy aufzuladen. Der Bärtige trank langsam seinen Kaffee und lächelte mir dabei sogar zu.
„Warum haben in Kyjiw so viele Männer einen langen Bart?“, fragte ich ihn zu meiner eigenen Verwunderung auf Russisch. Eigentlich bin ich kein sonderlich kommunikativer Mensch. Wahrscheinlich hatten die Socken im Zug meine Großhirnrinde beschädigt.
„Das sind Hipster. Wobei ich natürlich kein Hipster bin, aber mein Bart gefällt mir. Und Ihnen?“, so oder so ähnlich antworte mir der Bärtige.
„Mir gefällt er auch. Aber stört der Sie nicht beim Essen oder bei Küssen?“, zwei Sätze, und ich rede schon vom Küssen. So wird man also zum Flittchen.
„Der stört mich absolut nicht.“
Doch in diesem Moment rief jemand meinen Bärtigen an, und er nickte mir zum Abschied zu und entfernte sich mit seinem leeren Tablett. Einen Moment später hatte sich schon eine junge Frau neben mich gesetzt. Ohne Bart.
***
Bei McDonald’s googelte ich nach ein paar Hotlines für Flüchtlinge. Aber dann beschloss ich, für den Anfang in einem Hostel unterzukommen. Ich begab mich auf die Suche nach einem, das neben dem Juweliergeschäft gewesen war. Unterwegs fand ich ein anderes.
So kam ich für den Anfang in dem Hostel unter. Ich nahm den billigstmöglichen Platz in einem Achtbettzimmer. Ein Typ schlief gerade, meine anderen Zimmergenossen waren nicht da. In der Dusche fand ich ein Büschel Haare. Aber eingerichtet war das Hostel schön: stilvoll, kreativ, mit Geschmack. In der Küche gab es schöne Tassen, im Gemeinschaftsraum viele Bücher, einen weichen Teppich und Sitzsäcke. Es war so gemütlich, dass man gar nicht rausgehen wollte. Stattdessen wollte man auf dem Fensterbrett sitzen, darüber nachdenken, dass man obdachlos war, und weinen. Aber das Fensterbrett hatte irgendwer mit seiner Kosmetik vollgestellt, und ich war ja das erste Mal in Kyjiw, ich musste mir die Stadt ansehen und meinen kulturellen Horizont erweitern, worum ich mich früher nie gekümmert hatte. Dank des kostenlosen W-Lan konnte ich mir die Hotlines für Flüchtlinge notieren. Dort anrufen wollte ich vom Park aus, damit niemand meine Gespräche belauschen konnte. Ich wollte keinen patriotischen Hass auf Donbasbewohner auslösen und auch kein Mitleid. Und doch rief ich bei den Leuten in erster Linie diese beiden Emotionen hervor.
Wie sich herausstellte, lebte ich in einem Hostel direkt am Schewtschenko-Park. Es war nicht einfach, dort eine freie Bank zu finden. Ich folgte dem Beispiel der Kyjiwer und setzte mich unter einem Baum ins Gras. Wie friedlich es hier war! Menschen lachten. Jemand hier war glücklich. Jemand war in Eile. Jemand saß einfach herum, hetzte nirgendwohin. Mütter mit Babys machten ihre Wege. Und ich verstand, dass diesen Kindern eine prächtige Zukunft bevorstand. Damit unterschieden sie sich von den Säuglingen, die diesen Monat in Luhansk geboren wurden, und auch von den Flüchtlingen, die jene Stadt verlassen hatten.
Dann begann der interessanteste Teil. Ich fing an, die staatlichen Hotlines abzutelefonieren. Dort wurde ich entweder abgewimmelt, weiter verwiesen, oder man nahm bloß meine Daten auf. Bei einer Nummer fragte mich eine Frau fünf Minuten lang über meinen Nachnamen, meine Meldeadresse und erhaltene staatliche Zuwendungen aus, bevor sie mich aufforderte, bei meiner aktuellen Wohnanschrift in zwei Wochen die schriftliche Antwort zu erwarten. Sogar wenn ich in Luhansk geblieben wäre – wo hätte ich diesen Brief suchen sollen? Mein Briefkasten ruhte schließlich unter den Trümmern meines Hauses. Wollten sie mir den Brief per Taube nachschicken? Ich hatte auf kostenlose Unterbringung in einem Sanatorium gehofft, aber inzwischen verstand ich, dass ich mich hier bloß auf mich selbst verlassen konnte. Die hiesigen Gutmenschen hatten bereits Übersiedler von der Krim oder welche von den ersten Donbasflüchtlingen aufgenommen. Für uns war nichts mehr übrig. Außer leeren Worten.
Wahrscheinlich ging in diesem Moment etwas in meiner Seele zu Bruch. Es kam mir vor, als wären alle meine Träume zerstört. Mein Leben vorbei. Noch gestern hatte ich eine gute Arbeit, eine gemütliche Wohnung, Sicherheit darüber, was morgen passieren würde, und heute – heute hatte ich noch zehntausend Hrywnja, eine Jeans, ein T-Shirt und eine Tasche. Schade nur, dass da kein Strick und keine Seife drin waren. Die Leute in der Umgebung begannen mich wütend zu machen. Sie waren alle so unbekümmert und gleichgültig! Sie hatten viele Klamotten im Schrank, eine gute Arbeit, genug Geld, um in einem teuren Restaurant Essen zu gehen. Sie hatten Wohnungen und Autos. Und ich hatte nichts. NICHTS. Und ich musste mein Leben von vorne beginnen.
Ich beschloss, in der Stadt herumzuwandern und einen Supermarkt zu suchen. In diesem verdammten Kyjiw schien es keine großen Läden zu geben. Wo kauften die Menschen hier ihr Essen ein? Meine Füße trugen mich in den schönen botanischen Garten nahe der U-Bahn-Station „Universität“. Aber ich hatte solchen Hunger, dass ich seine Schönheit gar nicht wahrnahm. Ich kaufte mir in einer Unterführung einen furchtbar teuren Donut und einen Kaffee. Schmierte mir dabei Schokoladenglasur auf meine einzige Jeans. Ich war eine Versagerin und eine Sau. Nachdem ich aufgegessen hatte, schlich ich weiter, irgendwohin bergab, bis schließlich das große Einkaufszentrum „Ukrajina“ und daneben die Filiale von „Welika Kischenja“ in meinen Blick kamen. In dem Supermarkt deckte ich mich mit Hygieneprodukten ein, mit Brötchen, Keksen und zwei Litern Bier. Und außerdem mit Buchweizen. Eine meiner Kolleginnen hatte mal eine Buchweizendiät gemacht. Mir täten fünf bis zehn Kilogramm weniger auch nicht schlecht. Ich beschloss: Die ATO ist eine famose Gelegenheit abzunehmen. So eine Buchweizengrütze ist fast die einzige sinnvolle Ernährung, die keine Chemie enthält. Sie stillt wunderbar deinen Hunger, entlastet den Organismus und bringt den Nährstoffhaushalt in Ausgleich. Das Bier passte natürlich nicht zu so einer Diät, aber heute würde ich eine Ausnahme machen.
Der Rückweg war so anstrengend, dass ich einen Taxifahrer fragte, für wie viel er mich zum Hostel zurückbringen würde. Als ich etwas von hundert Hrywnja hörte, hatte ich jedoch gleich genug Kraft für den bergauf führenden Weg. Für hundert Hrywnja hätte ich noch jemanden getragen. Der Wind schien mir das Geld buchstäblich aus den Taschen zu pusten. Ich hatte noch gar nichts gekauft, aber trotzdem schon viel weniger Geld. Wie sollte man für zehntausend Hrywnja in Kyjiw überleben? Das ging nicht. Sogar für eine Unterkunft würde das nicht lange reichen.
Ich musste die Hauptstadt verlassen. Aber erst einmal musste ich mich betrinken, duschen und ausschlafen.
***
Die Dusche war das Beste, was mir an diesem Tag widerfahren war. Sie reinigte meine Gedanken wie meinen Körper. Wasser ist etwas Wunderbares. Aber über meinen sauberen Körper musste ich dann wieder die dreckige Jeans und das T-Shirt ziehen, die mich daran erinnerten, dass alles ganz und gar nicht wunderbar war. In meinem Zimmer gab es schon ein paar Leute mehr. Sie waren meist schweigsam und beschäftigt. Schauten irgendetwas in ihren Laptops oder Tablets nach. Eine junge Frau drückte sich Pickel aus. Mein Bier stand einsam in seiner Tüte. Allein zu trinken war für mich so ungewohnt, dass ich die Zweiliterflasche lange hypnotisierte und zu überzeugen versuchte, dass ich keine Alkoholikerin war und mit meinem Leben alles in bester Ordnung. Dann ging ich in die Küche und beschloss, mir einen grünen Tee zu machen. Der war hier zum Glück umsonst. Im Fernsehen liefen die ukrainischen Nachrichten. Wie ich die vermisst hatte! In Luhansk gab es schon seit drei Monaten nur noch russisches Fernsehen. Und ich hatte es immer so genossen, die neuen Anzüge der Moderatoren auf TSN zu begutachten. Die ukrainischen Designer hatten guten Geschmack. Auf 1+1 erzählten sie gerade vom Osten und von den Erfolgen der Anti-Terror-Operation. Hier bezeichnete man die warum auch immer nicht als Strafoperation. Gerade als mein Tee fertig war und ich mich an den Tisch gesetzt hatte, zeigten sie mein Haus. Mein Haus, mein Loch in der Wand, meine Straße. Fast hätte ich mich an dem Tee verschluckt. Na also – ich war berühmt. Wann sonst hätte man meine Behausung im landesweiten Fernsehen gezeigt? Dank des Lochs in der Wand konnte man sogar ein Stück meiner grünen Küche und die Waschmaschine sehen, auf die ich noch Garantie hatte. Irgendwo da stand meine Lieblingstasse. Und die hatte ich mit einer anderen betrogen – mit einer Kyjiwerin. Von dem Anblick wurde ich so traurig, dass ich das Bier aus dem Zimmer holen ging. Jetzt war mir schon gleich, was die anderen von mir denken würden.
In der Küche saß neben mir eine junge Frau, ungefähr 25 Jahre alt. Sie aß ein Sandwich.
„Wollen Sie mir Gesellschaft leisten?“, fragte ich sie höflich.
„Bei einem Bier? Gerne. Leiste ich“, sagte sie und schob mir ihr Glas hin. Ich freute mich, denn anscheinend machte ich keinen so erbärmlichen Eindruck, wie ich gedacht hatte. Und gleichzeitig war ich mit einem Mal angespannt – sie hatte mir auf Ukrainisch geantwortet. Gut, dass sie ihr Sandwich mit den Händen aß, nicht Kartoffeln oder Fleisch, für die sie eine Gabel gebraucht hätte. Sonst hätte sie mir damit noch ein Auge ausgestochen.
„Die haben gerade mein Haus gezeigt. Das in Luhansk. Haben Sie das gesehen?“
„Im Ernst? Das war ihr Haus? Das darf doch nicht wahr sein! Wie furchtbar! Wie geht es Ihnen? Sind Sie verletzt?“, zeigte sie sich als eine von den Menschen, die mich bemitleideten.
„Ja, schon. Ich bin nicht verletzt. Aber mir geht es furchtbar. Das alles wirkt wie ein schlimmer Traum.“
„Nehmen Sie sich ein Sandwich“, damit schob sie mir ihren Teller hin und begann, im Kühlschrank herumzukramen. „Hier ist noch Wurst, Tomaten, Brot. Wie furchtbar! Wann hat das nur alles ein Ende?“
„Danke“, sagte ich, während mir das Wasser im Munde zusammenlief. Das war es dann mit meiner Diät. Nun ja, besser so.
Wir saßen dann lange und innig beisammen, sie und ich. Sie hieß Olja. Dauernd wiederholte sie das Wort „furchtbar“, als ich ihr von der Situation in meiner Heimatstadt erzählte. Endlich verstand ich, dass die Leute in Wahrheit gar nicht gleichgültig waren. Man durfte bloß nicht schweigen, sondern musste das Erlebte mit ihnen teilen.
Olja war aus Lwiw nach Kyjiw gekommen, denn hier fand ein Tanzwettbewerb statt, an dem ihre Schwester teilnahm. Eine Stunde später setzten sich noch zwei weitere Frauen zu uns, die aus Belarus auf Urlaub hierhergekommen waren. Olja ging in den nächstgelegenen Laden, um noch ein Bier zu holen. Die beiden bemitleideten mich ebenfalls, und ich wunderte mich so, denn ich hatte gedacht, dass man uns Bewohner des Ostens hassen und sich freuen würde, dass wir immer weniger wurden. Aber natürlich, die Menschen erwiesen sich als Menschen, sie waren keine Kreaturen, wie man sie im Fernsehen zeigt. Die „Faschistin“ Olja brachte aus dem Laden eine ganze Tüte Essen mit und gab sie mir. Da gab es Wurst, Käse, Konserven, Kekse, Süßigkeiten. Sie meinte, dass sie morgen wegfahren würde, und ich müsste ja hierbleiben. Ich würde das brauchen. Es war mir so unangenehm, dass ich richtig errötete.
Ich musste mich nur auf das Bett legen und schon war ich eingeschlafen. Ich wachte morgens um acht auf. Im Flur traf ich auf Olja, die mir vorschlug, zusammen in einen Secondhand-Laden zu fahren. Zu sagen, dass das eine schlagende Idee war, wäre eine Untertreibung. Ich hatte noch nie in so einem Laden Klamotten gekauft. Die ATO ist eine famose Gelegenheit, etwas zum ersten Mal zu tun.

Übersetzung: Jakob Wunderwald