Live-Stream

Aus den Live-Streams der zwei Tage des „Paperbridge Circle 2020“ in Iwano-Frankiwsk und Berlin wurden zwei Videos geschnitten, die hier nun, auf Deutsch und auf Ukrainisch, jederzeit für alle abrufbar sind. Sie können hineinhören und -schauen in die Lesungen, Vorträge und Gespräche. Die vier Exkursionen, zwei in jeder Stadt, sind filmisch festgehalten und in die Videos der Live-Streams integriert. Schön war es, dass sich Menschen, wenn auch auf Abstand, begegnen konnten. Der literarische Zirkel und eine gleichermaßen kreative technisch-gestalterische Crew fanden in diesem Experiment auf jeder Seite des Kreises zusammen. Aber sehen Sie selbst:

Das Programm dazu finden Sie hier.

 

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Deutsch-ukrainisches Schrift­steller­treffen im virtuellen Raum
10.–11.09.2020

Das sechste deutsch-ukrainische Schriftstellertreffen der »Brücke aus Papier« sollte die Schriftsteller*innen beider Länder nach Iwano-Frankiwsk in den Westen der Ukraine führen. Die Stadt wird zwar seltener besucht als ihr prominenteres und größeres städtisches Gegenüber Lwiw/Lemberg. Doch ist Iwano-Frankiwsk mit einer Viertelmillion Einwohner*innen neben dem knapp einhundertfünfzig Kilometer entfernten Czernowitz ein kulturelles Zentrum am Fuße der mythenstiftenden Karpaten.

 

Paperbridge Circle

Zwei Halbkreise im Livestream

2020 wollte die inzwischen bekannte Karawane der Literaturbrücke in Iwano-Frankiwsk Halt machen, die Beteiligten wollten das Karpatendorf Kriworiwnja aufsuchen und Geschichte und Gegenwart dieses Teils der Ukraine erkunden. Doch die Corona-Pandemie erforderte ein komplettes Umdenken. Weder grenzüberschreitendes Reisen noch Versammlungen zu Lesung und Gespräch sind auf absehbare Zeit in Europa möglich. Ein Projekt allerdings, das sich als „Brücke“ versteht, ist angesichts einer solchen Situation gefordert, auf neuen Wegen zusammenzukommen. So entstand die Idee der virtuellen Veranstaltung »Paperbridge Circle«: Ein Halbkreis in Iwano-Frankiwsk mit ukrainischen und ein Halbkreis in Berlin mit deutschen Autor*innen werden im Livestream zu einem simultan gedolmetschten ukrainisch-deutschen Kreis zusammengefügt. So war es gedacht. Doch wir lebten nicht im Corona-Jahr 2020, wenn die Planungen nicht durchkreuzt würden.

 

Insbesondere ist Iwano-Frankiwsk betroffen. Die Ukraine teilt ihr Hoheitsgebiet in Corona-Zonen ein: grün, gelb, orange und rot. Seit 31. August gehört Iwano-Frankiwsk zur problematischen roten Zone. Der Bahnhof ist geschlossen, ebenso die Restaurants. Niemand darf aus dem Ausland die Landesgrenzen der Ukraine passieren.

Da wir die Zusammenkunft der Schriftsteller*innen von vorneherein ohne anwesendes Publikum geplant und genügend Abstand zwischen den agierenden Autor*innen vorgesehen haben, werden wir im Vagabundo in Iwano-Frankiwsk über Livestream vier von ihnen und zwei Vortragende antreffen.

Zwei ukrainische Schriftstellerinnen leben im deutschsprachigen Ausland. Ihnen war die Einreise in die Ukraine nicht mehr möglich. Deshalb sind sie in Berlin dabei, wo sich der »deutsche« Halbkreis im Literaturhaus bildet. So werden sich doch zwei Halbkreise zum Kreis fügen können.

 

Das Publikum laden wir ein, im digitalen Raum – auf den Websites www.paperbridge.de und www.literaturhaus-berlin.de – zu partizipieren. So können wir mehr literaturbegeisterte Menschen in beiden Ländern und darüberhinaus erreichen, als dies bei Präsenzveranstaltungen möglich wäre. Eine Chance, die wir gemeinsam mit den Partnern Literaturhaus Berlin, Vagabundo Iwano-Frankiwsk und anderen wahrnehmen wollen.

Rückblick auf das Projekt

in analoger Zeit

Nachdem die Papierbrücke 2015 im westukrainischen Lwiw, dem ehemaligen ostgalizischen Lemberg, ihr erstes Treffen veranstaltet hatte, kam man in den Folgejahren in Städten der östlichen Ukraine zusammen. In Dnipro, Charkiw und Mariupol haben wir den Austausch zwischen den ukrainischen und deutschsprachigen Schriftsteller*innen und Künstler*innen mit dem dortigen Publikum geteilt. Wir haben uns mit dem Alltag der Städte vertraut gemacht und viel über die Lebensbedingungen der Zivilbevölkerung in der Nähe des noch immer anhaltenden Krieges erfahren. 2019 brachte einen Perspektivenwechsel – das Projekt präsentierte sich mit Lesungen, Konzerten, Kunstaktionen in München und Berlin einem enthusiastischen Publikum.

Iwano-Frankiwsk – Berlin 2020

Eine virtuelle Reise

Iwano-Frankiwsk können wir 2020 »nur« virtuell bereisen, doch wird es uns von den im Vagabundo real anwesenden Autorinnen und Autoren über Bild, Ton und Simultandolmetscher*Innen live vorgestellt. Das einstige Stanislau, 1962 in Verehrung des ukrainischen Schriftstellers Iwan Franko umbenannt, ist nicht nur in der Ukraine bekannt für seine besonderen literarischen Talente. So versammeln sich hier für »Eine Brücke aus Papier« die bedeutenden Schriftsteller*innen Juri Andruchowytsch, Tanja Maljartschuk, Taras Prochasko, Sofia Andruchowytsch, und Jurko Prochasko. Sie alle sind in Iwano-Frankiwsk geboren oder haben Kindheit und Jugend dort verbracht. Einige von ihnen leben immer noch in der Stadt oder sind zurückgekehrt. Auch der junge Schriftsteller Ostap Ukraijinez – für die »Brücke aus Papier« erstmals entdeckt – ist Iwano-Frankiwsker. In Romanen und Erzählungen holen diese Autor*innen die bewegte, oft blutige und unvorstellbar grausame Geschichte ihrer Stadt in die Gegenwart zurück, während Halyna Petrosanyak uns in ein Karpatendorf und seine Geschichte führt.

Das Theater in Iwano-Frankiwsk werden wir durch Jules Audry, den derzeitigen Intendanten, kennenlernen. Die Frankiwsker Historikerin Lubow Solowka, eine von zwei Autorinnen eines in der Ukraine viel diskutierten Buchs über die Vernichtung der Stanislauer Juden 1941 durch Gestapo und SS, hat auf der Grundlage dieser  Veröffentlichung einen Vortrag  für uns verfasst. Auch Juri Andruchowytsch schreibt in seinem neuesten Roman Die Lieblinge der Justiz (deutsch 2020) über den unvorstellbaren Holocaust in seiner Stadt, »durch keine Beschreibung, aber auch durch keine Analyse zu fassen« (ebenda Seite 201).

In einer von der Kamera aufgezeichneten Exkursion, zeigen uns die Frankiwsker Autor*innen, die für sie wichtigen Orte – all dies unter der kundigen Führung von Taras Prochasko, dem poetischen Chronisten Iwano-Frankiwsks. Bei einer weiteren Exkursion folgen wir Moyshe Leyb Kolesnyk, Hauptrabbi der Westukraine, bei seinem Gang mit den Paperbridge-Teilnehmenden über den Jüdischen Friedhof von Stanislau/Iwano-Frankiwsk.

 

Die deutschen Schriftsteller*innen, die im Berliner Literaturhaus zusammenkommen, werden mit Texten und im Gespräch einen Ausschnitt unserer Gegenwartsliteratur in die Ukraine vermitteln. Alexander Kratochvil spricht über die Karpaten in der ukrainischen Literatur, wie in den Texten von Iwan Franko und Olha Kobyljanska. Schon bei ihnen geht es nicht nur um die Schönheit dieser Natur, sondern auch um die Zerstörung der Wälder, zum Beispiel durch hemmungslose Abholzung. Der Münchner Schriftsteller Anatol Regnier hat im fernen Australien aus der nahe Stanislau gelegenen Stadt Bolechów (ukrainisch Bolechiw) gebürtige Überlebende des Holocaust kennengelernt. Von ihren Schreckenserfahrungen erzählt sein 1996 publiziertes Buch Damals in Bolechów. Eine jüdische Odyssee. Anatol Regnier wird im Paperbridge Circle 2020 daraus lesen. Die Schriftstellerin Daniela Danz aus Kranichstein, deren Großmutter aus dem Karpatenvorland stammt, stellt Werke aus ihrem neuen Lyrikband Wildniß vor. Zwei davon sind in Mariupol entstanden. Kerstin Preiwuß aus Leipzig wird Gedichte aus ihrem neuen Band Taupunkt in den Livestream schicken, Noemi Schneider aus München einen Vater-Text. Der Berliner Lyriker Tom Schulz wird die zwei Exkursionen in seiner Stadt literarisch begleiten und im Livestream Gedichte vortragen,  darunter sein Gedicht »Auf der Straße nach Iwano-Frankiwsk«.

 

EINE BRÜCKE AUS PAPIER steht für den Austausch mit Schriftsteller*innen und Künstler*innen in einem Land, von dem wir zu wenig wissen, das uns aber schnell vertraut werden kann. Das Projekt entstand, als die Ukraine 2013/14 den Euromaidan, ein kämpferisches Bekenntnis zu Europa und zur Unabhängigkeit durchlebte, dann 2014 in einen bis heute andauernden Krieg gezwungen wurde, von dem man hierzulande nur wenig spricht. Dank der Beziehungen zu ukrainischen Schriftsteller*innen und Übersetzer*innen entwickelte sich ein intensiver Literaturaustausch über Sprachgrenzen hinweg. In jährlichen Treffen erfand sich die „Brücke aus Papier“ immer wieder neu. Mehrheitlich suchte sie ostukrainische Städte auf –  eine von den Teilnehmenden selbst getroffene Wahl. Sie wünschten sich, mit Kultur den Alltag der Menschen, die in der Nähe des Krieges leben, zu durchbrechen und wollten erfahren, was sie bewegt.

 

2015 LWIW2016 DNIPRO \  2017 CHARKIW \ 2018 MARIUPOL2019 MÜNCHEN + BERLIN \ 2020 IWANO-FRANKIWSK + BERLIN

DER FILM »Nachtzug nach Mariupol«

DAS TREFFEN VON MARIUPOL 2018

Vimeo

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Plötzlich werde es eine
zweite Brücke geben,
nicht aus Eisen, nicht aus Stein,
nicht einmal aus Holz.
Nein aus Papier, jawohl:
aus Zigarettenpapier.

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MANÈS SPERBER

FÖRDERER

auswaertigesamt

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