LEKTÜRE

Lithographien aus dem alten Stanislau

Serafini

 

Dass roher Pöbel glücklich lacht,
so brav wie duldsam, schier,
musst ihm einfach jede Nacht
in den Rachen kippen Bier,

 

biet ihm Gas und Lichterglimmer,
flackernd hinter blinder Scheibe,
gib ihm Obdach, Häuser, Zimmer —
in Kneipen, Grotten eine Bleibe,

 

Nachtasyle, Bäder und Bordelle,
wo’s stinkt nach Schwefel und nach Kalk,
Orchestrien und Karusselle —
im düstern Alltag schöner Schalk,

 

bring auch Fortschritt aufs Tapet:
Briketts aus unserm Ruhrgebiet!
(Herr Serafini war Prophet
von Karbidgeleucht und Stollentrieb…)

 

Er verlegte Pflaster zwischen Binsen,
hier starb man ohne Epitaphen!
(sechs Arme hatte Serafini,
wie die Flügel der Seraphen…)

 

Und wir suchen uns die Ketten,
uns sucht der dichte Nebel heim,
den groben Jahrmarktslehm zu glätten
im Garten seiner Gaukelei’n.

 

Auf ewig nah am Grabe
auf abgenutzten Bahren zieh’n,
dieses Wohlstands kranke Gabe
im Verband aus nassem Musselin,
so fallen wir in bleichen Reihen
zerschlag’nes Glas — im welken Grün…

 

Die aus den erhitzten Ziegeleien
in denen schon die Funken glüh’n…”

 

 

Das Begräbnis des Gymnasiasten S. Hoszowski

 

1848

 

Am Himmel Geister. Darunter schwarze Schwären:
Ein Trauermarsch zieht stockend aus.
Freiheit war wohl nur Chimäre —
Büchsen und Gendarmen zwischen jedem Haus.

 

Es steht der Katafalk. Unfassbar schmerzlich —
ungeküsst sie in ihr Grab zu legen.
So spießig, bockig, störrisch, ruthenisch:
Hunde heulen, Heuchler allerwegen.

 

Ein Kranz vom Magistrat. Vom Gymnasium.
Verschlossen im Holz, im Finstern.
Welcher Despot, aus welchem Asien
opfert so schuldlose Kinder?!

 

(Das Weinen der Verlobten. Es fliegt, gleich wie
rote Daunen, der Zunder einer Litanei:)
„Er entschwebte auf göttlichen Flügeln,
es sprossen Rosen aus der blutigen Rohheit…”
„Diese Kugeln in den Bauch von Schülern—
erledigen die nackte Hoheit!”

 

„Wir ersehnten Rechte uns, Revolution —
zu zertrümmern Urteil, Welt und diesen Albtraum!”
„Da liegt er, erschossen wie zum Hohn,
vertreibt die Fliegen von des Gequälten Brau’n…”

 

„Und wer ist ihm Sirene und Helena?—
Schwester? Freiheit? Tod? oder Braut?”
„Freiheit oder Tod! Es ist Zeit!”
(Infanteristen betreten drüben die Arena).

 

„Dem jungfräulichen Mund ein Bittgebet!
dass unversehrt sie aufersteh’n, die Toten!..”
(Es zielen Bajonette in scharfen Linien.
Die Prozession platzt auf wie ein Knoten).

 

Sie. Gefor’ne Flüsse mag’rer Schultern,
in jeder Kehle Unrecht schneidend ätzt.
… die Kugel, die ihn auf ewig niederstreckte,
ist ausgekühlt schon, stumpf, hat sich zersetzt…

 

 

Katzenkonzert

 

Guten Abend, Dir, Herr Professor!
Dem Herrn Kreditor, traurige Ergebung!
Wenn der gelbe Mond den Himmel zerpflügt,
gischten wir aus den Livreen der Seele wie das Meer…

 

Wir hängen in den Bäumen — wir nächtigen Katzen,
im kreischenden Gekrös wiegen wir den Dämmer,
geformt aus Schwärze und Trübsal,
sind grünäugig wir, wie Mesmer…

 

Wir rufen von den Zweigen wie von schwarzen Türmen,
wir trommeln auf Laternen — aufjault die Posaune:
Nimm das für die Gnade, die du da nennst
Züchtigung und Knechtung von unserm Leib und Geist,
für die Brüder,
die erblinden in den Kerkern ohne Feuer,
für die Schwestern,
die an lasterhaften Toren ihre zarte Tugend lassen,
für Entsagung und für Liebe und für Lüge,
und auch dafür, was du bist: ein Patriot! —

 

Verehrte Fledermäuse, Käuze und fliegende Frösche!
Mit uns zusammen hüpft aus den Wipfeln
und jodelt Koloraturen und modelt Zäsuren
und krächzt und zischt und heult…

 

Herrschaften Haushexen und Erdschrate!
Fliegt auf aus Kaminen und Särgen,
träufelt in unsre Kehlen Sorgen und Freuden,
er möge doch umkehr’n, der Hurensohn —

 

Mißgeburten und Makaken,
Akademiker, Demikaker,
Kakadu!
Schneckenschleim im Schlafrock
das Monokel im Lokus
statt im Fokus
Hundsfott du…
garstige, verranzte Fliege
widerlicher Spitzel, mach die Biege!..

 

So hängen wir an den Zweigen — wir nächtigen Katzen,
unser Geschrei grausig und bös
Wir — die tiefsten Funken im Maul der Dunkelheit,
für uns hat noch kein Hahn drei Mal gekräht.

 

Ragt hoch auf, gold’ne kaiserliche Säulen!
(Kasernen, Kerker und Kakerlakenknäste.)
Und, gedenkt ihr auch der Hiebe auf den Rücken
der zerschlagenen Scheiben, der Worte an den Wänden?

 

Worte mit Kreide geschrieben: „Liebe” und „Friede”

 

 

Monolog einer Schaufensterpuppe aus der Gartenberg-Passage

 

Spitzen und Bordüren, Talmi und Buketts,
Mieder für die Damen, Schleier für die Witwen —
traurig ist es, Bruder, zu schimmern hier im Licht,
käme doch nur einer, der die Scheibe bricht…

 

Fräcke und Manschetten, Leder chagriniert,
rote Schminke, Bleiche, Buntes auf die Lippen —
traurig ist es, Schwester, mein Nacken nickt — scharniert,
ohne die Scharniere wären wir ein Paar…

 

Und hätt‘ ich Lungenflügel in der Brust aus Holz,
brüllt ich: Wollüst’ge Weiber— erzittert doch und heult!
Was steht ihr hier und glotzt? Flaneure seid ihr stolz!
Von uns ist wer die Puppe? Ihr doch wohl nicht!

 

Aber ich bin still. Mit gradem Rücken wein‘ ich,
umwölkt von Pudermief und Melodramen —
traurig, Leute, zuzusehen: wie eine alte Mähre
betatschen sie, mit Scheinen wedelnd, gierig unsern Laden.

 

Kameen für den Busen, Kamelien für die Schläfen,
man schnüffelt an den Seelen wie an Stoff,
und den Liebreiz schleppt man verschnürt fort im Karton,
finster, wie im Walde, alle Blicke schroff.

 

Und es fliegt auf den Platz, wie Blütenstaub aus Ruß,
papierenes Geschwärm schwarzer Lotterien —
wie traurig, Gott, zu sehn — die Paradiespassage
hauch ein dem toten Holz einen neuen Menschengeist!..

 

 

Das Kaiserpanorama im Hotel zur Rose

 

Ehrenwerte Herr’n und Damen, Schleier züchtig auf den Köpfen,
haben Schwächen fürs Spektakel und für Jux,
schon sind sie nicht mehr zufrieden, mit dem Blick in fremde Töpfe,
durchs Binokel dem Fräulein Marta auf die Bux,

 

ihnen fehlt es jetzt an allem, eng der Himmel, klein die Plätze
hektisch späht man von nicht umwölkten Schanzen,
ist man doch bereits belesen, greift hinaus nach andern Schätzen
das „ Kaiserpanorama” verschob die Grenzen,

 

dort dreh’n sich auf weißen Schirmen Griechenland und Ozeane,
da — eine Gondel, da — Golgotha, da — Ganoven,
Matadore und Flagellanten, Pelikane und Vulkane,
schauderhafte Havarien und Katastrophen,

 

kultivierte Stadtbewohner, rüpelhafte Bauernrotten
und raffiniert inszenierte Lebensart:
Chinas Kaiser schlürft aus Tassen feinen Tee mit Bergamotten,
den Autokraten aller Russen juckt der Bart,

 

das ist billigstes Vergnügen: Geld und Laster, immer Drama,
niemand nimmt hier des Erlösers Leib und Seele —
auf der Welt lebst du nur einmal — blick sie an im Panorama,
und das Leben streu, wie Asche, auf die Dielen!..

 

Glaub doch nicht, es paradieren Eruptionen, Kanonaden,
Marseillaisen, Warschawjankas nur hinterm Glas.
Zeit des Aufstands, der Missachtung? So baut sie sich Barrikaden:
In Nachtasylen rüttelt sie die Vergess’nen wach !..

 

Bomben könnten explodieren, mitten in Komfort und Glanz,
in den Suiten, den Passagen, den Manegen—
und zerhau’n in tausend Scherben Schwelgerei im Mummenschanz,
und am Morgen weh’n die Fahnen auf der Schanz.

 

 

Unteriridisches Lied der Hauslosen

 

Steinernes Hemd der Welt. Wie bist du kalt!
Da gehen sie hin, wie in eine Klause.
Die Hauslosen haben geheime Korridore und Salons:
Es glimmt ein Strahl, wie ein feuchter Stalaktit.
Er ist ihnen Himmel und Erde und Abweg —
im Leben unter Knochen und leeren Flaschen.

 

Oh erlesene Gesellschaft — dunkle Welt des Gesindels:
Spinner, Scharlatane und Spieler.
Und die gefallene Weiblichkeit, diese Trottoir-Astern,
die ihr Los im Morgendämmer aufzieh’n sah’n.
Und überall die Dämmerseelen vogelfreier Bankerte,
und die elenden Selbstgedrehten, glimmend in den Mündern.

 

Nur — höher, höher, höher — sind Abende gepflegt gedämpft
mit Elektrik, Fräuleins und Foxtrott,
sind Konzerte für gute Zwecke und trunken der Abgrund des Markts,
da quellen vor Fülle die Auslagen schier über.
Und blaues Gas flammt da auf heißen Herden,
und ganz andere Kinder fliegen —

mit Flügeln auf den Schultern.

 

Nur — tiefer, tiefer, tiefer — Schutt und Asche,
Schatten von Krügen, modrige Lumpen, geronnene Zeit.
Uralt ist der Weg, keinesfalls doch der nächste —
du dringst nicht durch, wie auch die Kehle schreit.
Die Stimme tönt, wie in Watte, nur in der ziegelsteinernen Brust,
und das kalte Totenglöckchen der Wässer verhallt in der Tiefe.

 

Nur die Kinder hören mehr: Da sprießt das Grün,
es bricht sich Bahn in die Stadt von unter der Erde.
Es geht das Leben in den Frühling, krank und irr,
mit Tauben und Greifen im Hintergrund.
Der Tag ersehnt das Licht, wie ein gespannter Bogen,
und es ersteh’n die künftigen Posaunen

aus unterirdischen Armen…

 

 

Die Eisenbahn Stanislau – Rachiv 1894

 

Hier sprudeln keine Quellen, hier wachsen keine Erdbeeren an,
wir rackern hier und auf uns rast die Eisenbahn.

 

Hier wuchern aller Orten Verwünschungen und Hohn,
welcher Luzifer verfügte, dass wir diesen Felsen drohn?

 

Wälder fallen hinter uns, der dünnste Halm zerbricht,
die eiserne Jungfrau raubte uns, vertilgte unser Augenlicht.

 

Kneipenwirte kriechen nach, anhänglich wie Geschmeiß,
auf unsern Lidern Blütenstaub und salzig krustend Schweiß.

 

Am Horizont das Paradies — darauf vertrauen wir wacker,
auf jeder Meile hinter uns ein kleiner Gottesacker.

 

Hinein nur in die Erde, heißt’s, sonst droht das Bajonett,
und bezwingen das Gebirge als sei es nur Skelett.

 

Dort kappen unsere Adern Schluchten, Höhn und Grenzen,
in den Weibern stirbt das Licht, die sich für uns bekränzen.

 

Der Felsen Leiber bersten, die Sonne schwimmt in Bächen,
als wir mit Ellenbogen aus dem ew’gen Tunnel brechen,

 

wenn wir die Hände legen auf die noch warmen Zacken,
spielen für uns aus den Himmeln Pauken auf und Hacken:

 

Vielleicht schwebt als freier Vogel — die grüne Lokomotive
..über zerschlag’ne Knochen, über Muskeln und Bergmassive! 

 

 

Aus dem Ukrainischen
von Beatrix Kersten

Mannerheimlinie

Serhij Zhadan – Gesang
Eugene Turchinov – Gitarre
Oleg Kadanov – Gitarre


Fünfzehn ist sie

 

Fünfzehn ist sie und verkauft Blumen vorm Bahnhof.

Die Luft bei den Schächten ist süß von Sonne und Beeren.

Die Züge machen kurz halt und rollen weiter.

Soldaten fahren nach Osten, fahren nach Westen.

 

Keiner bleibt in der Stadt.

Keiner nimmt sie mit.

Wenn sie morgens wie immer vorm Bahnhof steht, merkt sie,

dass eigentlich auch dieser Ort wertvoll und gefragt ist.

 

Dass sie hier eigentlich nicht für lange weg will,

dass sie sich hier festkrallen will,

dass der alte Bahnhof und das leere Sommerpanorama

für die Liebe reichen.

 

Keiner sagt ihr, was der Grund ist.

Keiner legt ihrem großen Bruder Blumen aufs Grab.

Schlafend spürt sie, wie sich im Dunkeln das Vaterland formt

wie das Rückgrat eines Halbwüchsigen in der Sonderschule.

 

Licht und Dunkel trifft zusammen und formt sich.

Die Sommersonne strömt in die Winter.

Was da gerade mit ihnen passiert, das heißt Zeit.

Das alles passiert mit ihnen, das muss man verstehen.

 

Es formt sich ihre Erinnerung, ihre Freude.

Alle, die sie kennt, wurden in dieser Stadt geboren.

Vorm Einschlafen geht sie alle durch, die weggegangen ist.

Kommt ihr keiner mehr in den Sinn, schläft sie ein.

 

 

Süd-West-Bahn

 

Süd-West-Linie.

Drei Uhr morgens, fast noch Nacht.

Eine Schaffnerin für zwei Wagen,

sie betreut die Fahrt.

 

Läuft wie Mutter Theresa,

launisch wie das Wetter im Herbst,

taumelnd – dunkel und trunken –

verscheucht sie die Träume.

 

Ich liege ganz in der Mitte,

eingekeilt wie der Kumpel in der Sohle,

Pythons Kopf in der Tasche,

der schwarze Chemiker aus Losowa.

 

Früher war er der große Hydraulikmacker,

mit Lieferanten im Ausland

er lebte lässig und kontrollierte die Ströme

zwischen Tiraspol und Krasnodon.

 

Mit seinem scharfen Surrogat

hat er die Moldawier und Usbeken erledigt

und war sogar Abgeordneter

mit einem Direktmandat für die Sozen.

 

Ich kann nicht schlafen, obwohl es spät ist

ich träume dreimal

und höre, wie Barthaare an seinem Kopf

weiterwachsen.

 

„Na, Alter, wie isses?“, frage ich, „bisschen geschlafen?

Soll ich dir vielleicht ‚ne Kippe schnorren?“

„Ach, was“, sagt er, „mach dich locker,

rauchen, bei meinen Problemen.“

 

„Und, ist es gruselig, da drüben?“, frage ich ihn.

„Nö“, sagt er, „einfach ungewohnt.

„Gruselig war’s letztes Jahr,

in Rostow, als die Schaschlykbude brannte.

 

Hier ist es, als hätten sie dir was vorenthalten,

die Erinnerung saust wie ein Fallschirm.

Du läufst und vergisst die Vergangenheit.

Versuchst zu vergessen, doch es klappt nicht.

 

Du fühlst mit dem letzten Nerv,

mit Zähnen und Fettpolstern

den schmalen Grat, der am Himmel

Lebende und Nichtlebende trennt.

 

Also bring mich heim, Kumpel,

in diesem liedleisen Waggon,

mit meiner ganzen unendlichen Erschöpfung

und den schwerelosen Erinnerungen.

 

Gib mich bei meinen Waffenbrüdern ab,

sollen diese traurigen betrunkenen Banditen

unter sich ausmachen,

was sie mit meinem Kopf anstellen.

 

Sollen sie an meine Gewohnheiten denken,

an die tiefen eiskalten Stimmenseen

und an die handschuhschwarze Lunge

eines heillos geschlagenen Boxers.

 

Sag dieser Frau, die lieben konnte,

sie soll nicht mehr trauern.

Alles was ich für sie tun konnte, war,

möglichst fern von ihr zu sterben.

 

Das ist jetzt der Unterschied zwischen uns beiden.

Schieb mir mal die Kippe in den Mund.

Der Tod, er ist so wie unsere Schaffnerin –

für sie ist das nur ehrliche Arbeit.

 

Warme Träume, zufällige Tage.

Alles, was du dir gemerkt hast,

alles, was du mit ansehen musstest,

lebt nach dem Tod weiter wie die Haare.

 

Sprich mit mir, Alter.

Ein verkohlter Sneaker, ein altes Palästinenser-Tuch.

Die Nacht fließt, das Dunkel schwankt,

die Luft atmet ein

und aus.“

 

 

Mein Alter

 

Mein Alter, der seine Lunge in Brocken ausgespuckt hat und verreckt ist,

hat bis zum Schluss nicht kapiert, was mit seinem Land passiert ist,

was die Finanzhaie mit ihm angestellt haben,

die es jetzt ungeniert Stück um Stück verscherbeln.

 

Meine Mutter, die seine ganzen Sachen irgendwann verkauft hat

und mit einem Typen in wilder Ehe lebt,

hält ihre Erinnerungen und Altfrauenseufzer vor mir geheim,

schließt sich nachts ein, damit ich sie ja nicht belausche.

 

Noch immer trifft er mich mit seinem Husten wie mit Dornen.

Erscheint mir im Traum, sein schwarzes Auge fixiert mich.

Und ich weiß: das Schwerste, das wir haben, ist unsere Erinnerung.

Und das Schlimmste ist, dass sie von Jahr zu Jahr schwerer wird.

 

Er nennt mir die Namen der Ärzte, die ihn auf dem Gewissen haben.

Setzt sich aufs Nachbarbett und fordert Rache.

„Mein Junge“, sagt er zu mir, „du hast keine Wut und keine Kraft.

Du hast ihnen deine Wut gegeben wie dem Schaffner das Bettzeug.

 

Du hast kein Erbe, mein Junge, und kein Land,

und deine ganzen Freunde, mein Junge, verglühen wie Kometen.

Ihr verirrt euch wie die Zigeuner und verschwindet wie die Karaäer.

Wenn sowieso alles hin ist, versuch doch wenigstens anständig zu sterben.

 

Wie lange willst du noch diese Stimmen auf der Treppe,

die Wecker und Brillen, die warmen Alltagsdinge ertragen!

Reiß ihnen das Herz raus und halt endlich die Luft an!

Verbrenn den ganzen Kram im Bett wie Makulatur!“

 

Also hole ich Benzin und schwere Schiffstaue

und lege im Zimmer einen Brand, der uns alle erfasst,

Ich weiß: nichts hat mehr Gewalt über uns

als die Stimme des Blutes, die in der Kehle aufsteigt.

 

Gut, wenn du von Untergrundkämpfern und Helden träumst.

Schlecht, wenn ihr Erscheinen dich bedrängt.

Diese Machthaber verstärken meine Liebe zu kalten Waffen.

Dieser Staat raubt mir das Gefühl fürs Vaterland.

 

Dieses Land, in dem Überleben als Kunst gilt,

in dem deine ganze Biografie eine endlose Liste von Schulden und Toten ist,

nennt mich jetzt gehässig Mörder und Simulant,

ruft Zeugen auf, die entkommen sind, und sucht Spuren von Gift.

 

Soll mir die Staatsanwaltschaft ruhig ihren ganzen Spam schicken.

Soll die steinige Straße ruhig im steigenden Wasser untergehen.

Sollen die Blauhelme ruhig kommen und die heißen

Kraftwerke meiner rastlosen Stadt mit schwarzem Napalm vernichten.

 

Sollen sie das doch alles ohne uns wieder zusammenfügen.

Sollen sie doch auf die traurigen Himmelsschwankungen reagieren.

Das heilige Feuer der Sonne flutet die Räume.

Helden sterben nicht von einem Aufenthalt im Krankenhaus.

 

 

Roma-Mädchen

 

Tastenhandy. Familienbande.

Wie findest du eigentlich mein Vaterland?

In der Sommerluft schwinden die zähen Spinnfäden.

Du drückst warme Lumpen gegen die Brust wie den Sohn des Höchsten.

 

Was siehst du aus deinem Vorhang heraus?

Die Stimme zum Stängel und das Herz zur Krone.

Erschossene Staffeln sprengen aus der Nacht.

Die Totengräber schaufeln. Und bringen sich in Stellung.

 

Es wird Herbst, und du wirst anders werden.

Außer mir wird keiner nach dir weinen.

Die Menschen besitzen mehr und mehr Waffen.

Wenn ich könnte, fände ich neue Helden.

 

Es wird Winter, und die Kinder werden singen.

Der Horizont färbt sich ockerbraun und oliv.

Grün ist der Nebel und rot aller Regen.

In den Hymnen höeren wir Zigeunermotive.

 

Zwanzig Jahre suchen wir an der Donau nach der Mündung.

Ich durchquere das Delta und halte mich zu den anderen.

Siehst du, vom Sinai fliegen Schwalben heran.

Glaub mir, es gibt weder

Anfang noch Ende.

 

Alles wird so wie beim ersten Mal, alles bleibt für immer.

Ein junger Mond über den goldenen Ähren.

Juni-Dämmerungen mit Engelsakkorden.

Bequeme Familienmöbel, voll von deinen Haaren.

 

Du trägst dein Herz, deine Leiden.

Du reihst dich ein in das nächtliche Laufen.

Auch du würdest das Dunkel gern durchschreiten,

Der Tod kommt,

ganz gleich, von welcher Seite.

 

 

Wo ist deine Linie?

 

  1. Strophe

Unsere Ketzerei speist sich aus Glauben.

Die Säuberungen werden live übertragen.

Die ersten Pogrome, verbrannte Boote.

Die Verteidigungslinie wird gezogen.

 

Dir bleibt nichts weiter

als ein brüchiges Gelände für Kampf und Liebe.

Der Himmel verwandelt sich in einen Schlagring.

Der kalte Krieg beginnt von neuem.

 

Die Hitze versengt Balkons und Terrassen.

Dämonen ziehen von den nächtlichen Trassen.

Sie legen einen Brand in deiner alten Schule,

und schieben ein Kruzifix aufs Tanzparkett.

 

Der Dämon erwächst dem Gemetzel unter Freunden.

Die Bewegungen des Dämons sind geübt und träge,

Das Herz des Dämons ist warm und blutig.

Der Dämon heult auf und wendet sich an dich:

 

Refrain:

 

Wo ist deine Mannerheim-Linie?

Wo ist deine Mannerheim-Linie?

Beutebeutel, Monatsquote.

Auf Gleis eins tummeln sich die Boten.

 

Trennungslinie, Leidenslinie,

Linie, die dich permanent peinigt.

Das Himmlische Palästina, das innere Libyen.

Wo ist deine Linie, wo ist deine Linie?

 

  1. Strophe

Die Welt verläuft dort, wo du grade stehst.

Die Welt reicht tiefer als tief.

Die Welt formt sich aus Licht und Dunkel.

Die wahre Geschichte entfalten Kinder.

 

Luft besteht aus Wasser und Licht.

Weiter zurück können wir nicht.

Vierzig Stimmen birgt die Luft.

Die Zeit bricht ein, reißt ab und fällt aus.

 

Die Zeit ist erschöpft und geht keinen Schritt.

Wie ein beschossenes Schlachtschiff stoppt sie ihren Lauf.

Wo ist deine Schicksalslinie, wo?

Wem bestelle ich einen Gruß von dir?

 

Hingabe braucht das gebrochene Herz,

auf einer Feldtrompete bläst der Dämon.

Der Mond steigt auf, kalt wie ein Leichnam.

Er leuchtet dir und begleitet dein Lied.

 

Julihitze prasselt vom Himmel.

Wo läuft deine Himmelslinie,

Linie der Erinnerung, Linie der Entwurzelung,

die Linie, die Wolken in Eis kehrt?

 

Die Vögel über dir sehen aus wie Steine,

die Strahlen der Sonne versengen die Dämonen.

Gras und Aluminium formen die Sonne.

Gott wagt nicht, die Linie zu queren.

 

Wo ist deine Mannerheim-Linie?

Wo ist deine Mannerheim-Linie?

Beutebeutel, Monatsquote.

Nahtwärts entzwei reißt die Landseruniform.

 

Trennungslinie, Leidenslinie,

Linie, die dir permanent nachgeht.

Schwarze, ausgebrannte Zeitgenossen,

wo ist deine Linie, wo ist deine Linie?

 

Wo ist deine Mannerheim-Linie?

Wo ist deine Mannerheim-Linie?

Beutebeutel, Monatsquote.

Auf Gleis eins tummeln sich Boten.

 

Trennungslinie, Leidenslinie,

Linie, die dich permanent peinigt.

Das Himmlische Palästina, das innere Libyen.

Wo ist deine Linie, wo ist deine Linie?

 

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe

Mariupol Dreams

0. Das Bild habe ich vor meiner Reise nach Mariupol gemacht. Auf Russisch heißt Wellenbrecher wörtlich „Wellenschneider“ – wenn man also das bekannte Finger-Messer-Spiel spielte und die Wellen des Meeres bräche, könnte man sich die Finger wund schneiden. Wahrscheinlich hat sich in diesem Bild eine Art Unruhe vor der Fahrt widergespiegelt, vielleicht die beunruhigenden Nachrichten über die Möglichkeit von Kriegshandlungen im Meeresgebiet der Stadt Mariupol, jetzt weiß ich nicht mehr genau, was es war … jedenfalls ist mein Bild so geworden wie es ist, ich habe es „Concrete Dream“ betitelt.

1. Am Mariupoler Strand zog ich mich um, ohne die Umkleidekabine benutzen zu müssen, indem ich ein Handtuch um die Hüften legte, einmal aber habe ich mein Handtuch im Hotelzimmer vergessen und habe das erst als ich aus dem Meer stieg begriffen, es war früher Morgen, das Meer lag in hundert Meter Entfernung von unserem Hotel, der Morgen war ziemlich kühl, der Wind scharf, so dass man sofort den Wunsch hatte, trockene Sachen anzuziehen, der Strand war schon voller Menschen, alles abgehärtete Liebhaber des frühen Badens, höchstwahrscheinlich Einheimische; ich begab mich in Richtung rechteckiger Kabine in genau dieser Farbe, habe keine, aber wirklich keine Zutrittsmöglichkeit entdeckt, umkreiste die Kabine, machte noch einen Kreis, betastete die eisernen rauen Wände, habe an einer Stelle etwas wie eine Narbe, hermetisch geschweißt, entdeckt … so musste ich an das Bild, das ich nicht in Mariupol, sondern in Pjatipol gemacht hatte, denken … folglich gab es in Mariupol eine passende Installation, noch knapper im Ausdruck als mein Bild, ich habe sie „ Mahnmal für den Eisernen Vorhang “ betitelt und wollte auch mein Bild so nennen … all das kam mir erst später in den Sinn, als ich die Treppe hochstieg, die zum Hotel „Poseidon“ führt, vorher, als ich am windigen düsteren Strand stand, als ich begriff, dass es keinen Eingang gibt – als ob es in Wirklichkeit keinen Ausgang gäbe, als ob ich auf der anderen Seite stünde … ich wähnte mich in diesem Augenblick in einem Traum und beschloss, den Bilderzyklus „Mariupol Dreams“ zu schaffen.

2. Das Reißzeug. Das Erste, was ich im Zug nach dem Erwachen sah, waren die Umrisse von Zeichengeräten vor dem Hintergrund des roten Morgenhimmels, sie schienen mir so irreal, dass ich sie für einen Traum im Traum hielt. Erst später verstand ich, dass Mariupol auf diese Weise seine Besucher willkommen heißt, indem es den Reisenden die gigantischen Monster von Asowstal vor Augen führt. Der Zufall wollte es, dass ich an dem Tag, als die meisten von unserer Gruppe den älteren Bruder von Asowstal, das Werk Iljitsch, besuchten, in ganz anderer Richtung unterwegs war, ich traf mich mit Freunden, die nur für einen Tag in Mariupol waren, auf dem Weg nach Pestschanoje. Durch das Autofenster wurden uns die Reste der Schützengräben gezeigt, die im Strandsand ausgehoben worden waren.

3. Dieses Bild hatte ich ursprünglich auf Papier mit Acrylfarben begonnen, etwas ging aber schief, und ich legte das angefangene Bild zur Seite. Vielleicht rette ich das Bild später noch, dachte ich mir, vorläufig aber werde ich es mit der Maus auf dem Bildschirm festhalten … vielleicht findet sich mal jemand, der die Choralsynagoge retten könnte, die allerdings auch so, ohne Dach, mit Himmel und Dschungeldickicht gefüllt, einen starken Eindruck macht. Der Kommentar „Der Eindruck des Aufeinanderlegens unterschiedlicher Welten“ klingt zwar banal, aber es sieht cool aus, auf Facebook habe ich unter dem Bild einen Link auf das entsprechende Foto gesetzt … nach ein paar Tagen verwandelte sich meine Synagogenskizze unvermutet in eine Darstellung der Häuser in der Münchener Galeriestraße, in jenen Winkel des Hofgartens, den de Chirico sein ganzes Leben lang darstellte, bei mir hat er sich zu einem auf dem Kopf stehenden wirren Labyrinth erweitert, danach blieb mir nur noch, de Chirico auf diesem Hintergrund zu zeichnen, ein Manichini in einer eisernen Kugel und den anderen in den hohlen Mond einzuschreiben sowie darunter die Unterschrift zu setzen: „Petanque mit de Chirico“. Da mein Album aber Mariupol gewidmet ist, und de Chirico wie es scheint nie in Mariupol gewesen ist, habe ich das Bild dem Zyklus nicht hinzugefügt. Dafür gibt es hier eine Hommage an einen anderen Künstler – den in Mariupol geborenen Archip Kuindschi.

4. „Endlich die Kaiserstadt!“ – rief der Schriftsteller und Radiojournalist Hans Pleschinski aus, der im Flugzeug neben mir saß, sein Aufschrei ließ mich die Augen öffnen und ich sah durch das Flugzeugfenster das schief liegende Asowsche Meer. Es stellte sich aber heraus, dass es in Wirklichkeit der Attersee war und dass wir bald in Wien landen sollten.

5. „Was ist das für ein Ungeheuer?“ – rief im Brief mein israelischer Freund, der Künstler, aus. – So stellen sich wahrscheinlich die Deutschen Juden vor!“ Wieso denn Ungeheuer? war meine Antwort. Das bin doch ich, nicht, dass ich dachte, ich wäre ein Apoll, aber für ein Ungeheuer würde ich mich nicht halten, ich fühlte mich gekränkt. In Mariupol erwähnte ich in einem Gespräch, dass ich in der Schule einmal eine 45-minütige Klassenarbeit in Gasmaske schreiben sollte. Ich habe zwar keinen Masterhut, dafür aber immerhin ein rotes Diplom mit Auszeichnung der Fakultät für Mechanik und Mathematik … damals wurde uns noch ein rautenförmiges Abzeichen ausgehändigt, eine Art Zwergenmütze … auch die Tefillin, einmal getragen, schon verinnerlicht … man weiß ja – wie außen so innen … so war das zumindest früher, vor der virtuellen Realität … tja, der VR-Helm ist eher einer Tauchermaske ähnlich, ist aber keine Maske, die tauchte erst gestern auf einem anderen Bild dieses Albums auf.

6. Im Kulturpalast „Jugend“ las Anja Kampmann einen Auszug aus ihrem Roman „Wie hoch die Wasser steigen“, in der Passage wurden Tümmler erwähnt bzw. Schweinswale, eine Art Delphin, ich dachte, sie leben nur in Ozeanen, nach dem Googeln erfuhr ich, dass es sie auch im Asowschen Meer gibt, und dass sie dort auch entsprechend heißen – Asowka. Nach der Lesung waren wir alle in der Mariupoler Disko, auf dem Rückweg ins Hotel sah ich unter einem Baum am Gehsteig eine Asowka liegen. Im Unterschied zu dem Mann, den ich am Vorabend nach der Lesung im Palast der „Jugend“ gesehen hatte, bei der ich den Anfang meines Romans „Serpentine“ vorlas, in dem auf der Straße ein Mann liegt, stellte sich der Mann in Mariupol als lebendiger Mensch heraus … die Asowka hingegen ist nicht wieder lebendig geworden, und am nächsten Abend sah ich dieses gruselige Bild wieder, als ich denselben Weg ins Hotel ging. Warum aber nicht den Versuch unternehmen, die Asowka wenigstens auf dem Papier wiederzubeleben, ein kindlicher Versuch … sie gehören ja auch zu den Delphinen, die ich in meiner Kindheit so gerne im Meer treffen wollte, nach denen ich rief, indem ich mit meiner kleinen flachen Hand gegen die Meeresfläche schlug (ich hatte nämlich irgendwo gelesen, dass man sie auf diese Weise herbeirufen kann), die Delphine kamen aber erst, als ich mit meinem eigenen Sohn im Meer badete.

7. Ich habe letztendlich keine Nixen im Asowschen Meer gesehen, die auf dem Bild also ist wohl aus dem Roman von Wladimir Rafejenko „Descartes’ Dämon“ aufgetaucht, in meinem Bewusstsein hat sich der Titel in den „Laplaсеschen Dämon“ verwandelt, weil für Voraussagen der Laplacesche Dämon, nicht der von Descartes, verantwortlich sei, und Rafejenkos Roman ist ja eine Roman-Vorhersage. Zu welchem Zweck auch immer, teilte ich das dem Autor mit, der zuckte mit den Schultern.

8. Vom Archip-Kuindschi-Denkmal in seiner Heimatstadt inspiriert. Dabei sieht der in Stein gemeißelte Künstler viel jünger aus und hält nur einen Pinsel in der Hand.

9. Bei Weitem, es ist nicht der Traum des Serienmörders Tschikatilo (der sowjetische Haarmann), wie jemand in einem Kommentar auf Facebook vermutete, ich denke, er wird durch die Wassermelone die Stufen zu ihr hauen und hat nicht vor, sie, die Prinzessin, mit der Axt totzuschlagen … überflüssig zu erwähnen, dass es reine Fiktion ist, obwohl mir die mündliche Erzählung der Schriftstellerin Sofia Andruchowytsch den Anstoß zur Idee gab, die mir auch vorgeschlagen hat, die Geschichte bildhaft darzustellen, ich hingegen schlug ihr vor, ihre Geschichte schriftlich festzuhalten, ob sie das gemacht hat, weiß ich nicht, ich meinerseits habe das Bild jedenfalls gemacht, habe zwar etwas völlig anderes gemalt, aber immerhin).

Aus dem Russischen übersetzt von Chrystyna Nazarkewitsch

DIE STADT MARIENS

Hell leuchten am Meer ihre Lichter,

darüber wölbt sich die Himmelskuppel:

Die Stadt Mariens. Die Stadt der Würde.

Das unglaubliche Mariupol.

 

Dieser Name, ein kostbares Kleinod,
berührt uns seit Urzeiten, schön und erhaben.
Dass jene Maria aus Galizien stammt,

das wissen nur jene, die es zu wissen haben.

 

Sie finden sich mitten im einfachen Volk
(und nicht in literarischen Werken!).

Die Burschen fahren von ihren Posten in die Stadt,

den Staub abzuwischen, sich mit Speisen zu stärken.

 

Ihr Gehör erkennt ganz gekonnt,

wessen Schüsse hinter dem Horizont ertönen.

Ein inniger Segen wird ihnen zuteil

von Maria und der Stadt Mariens.

 

Ich bin nicht der einzige Kluge,

doch wenn Sie gestatten, will ich ergänzen:

Von hier an die Front ist’s eine halbe Stunde,

nach Kyiv hingegen sind’s ganze zwanzig…

 

Dass diese Stadt auch wahrlich besteht,

das konnte ich definitiv auskundschaften,

als ich „Die kleine Vera“ sah

mit all den industriellen Landschaften.

 

Ich sage es maximal offenherzig:
Der Stadt fällt die Wiedergeburt leichter infolge

dessen, dass hier Dmytro Chichera lebt,

er ist Fotograf, er ist Zeitzeuge.

 

Ich will nicht für alle Ukrainer sprechen,

ich mag ja nur jene, die ich zu verstehen wähne –
unter ihnen ist auch Оleh Ukraintsev
sowie Olena und ihre zwei Söhne.

 

Die Anmut der Stadt erfüllt mein Erinnern,

sie ist einfach außergewöhnlich!

Dort lebt die Dichterin Oksana Stomina,

zart, feinfühlig und zierlich.

 

Träumerisch leuchtet sie über dem Meer,

Sonnenumwoben mag sie weiterhin blühen,

meine heitere, herrliche Stadt!

Mariupol. Die Stadt Mariens.

Aus dem Ukrainischen von Stefaniya Ptashnyk

 

„Die kleine Vera“ (Originaltitel: Маленькая Вера) ist ein sowjetischer Spielfilm unter der Regie von Vassilij Pitschul (1961-2015), der im Jahre 1988 gedreht wurde. Sein Regisseur war gebürtiger Mariupoler.

Wiesenstein

Die Wagenkavalkade näherte sich ihrem Ziel.

 

Dreck klebte nach zweitägiger Reise an den Felgen und Karosserien. Am Ende der Kolonne fuhr ein amerikanischer Dodge mit rotem Stern. Er gehörte wohl zu den Lieferungen der USA an die Sowjetunion während des Krieges. Auf seiner Ladefläche hockten Rotarmisten neben Reservefässern mit Treibstoff, Ersatzreifen, Proviantkisten und Zelten für Übernachtungen unter freiem Himmel.

 

Dem Dodge voraus schob sich ein grüner Wanderer die Bergstrecke hinauf. An seinem Steuer saß Hauptmann Weiss. Neben ihm hielt Leutnant Chanov seine empfindliche LOMO­Kamera auf dem Schoß. Der Besuch beim Nobelpreisträger, falls er noch lebte, sollte vom Fotokorrespondenten dokumentiert werden. Dank der Schleichfahrt konnten ein asiatischer Rotarmist und ein holländischer Kommunist mit Maschinenpistole im Anschlag auf den breiten Trittbrettern stehen. Allen voran kroch ein Horch, den der oberste deutsche Kulturbeauftragte in der sowjetisch besetzten Zone, westlich von Oder und Neiße, selbst lenkte. Zigarettenrauch wehte aus den beiden offenen Fenstern des Horch. Neben dem Lyriker und nunmehrigen Präsidenten des Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands Johannes R. Becher rauchte auf dem Bei­fahrersitz auch der Journalist Gustav Leuteritz Kette.

«Schlimmer, als ich vermutete. Ich kann kaum hinschauen», sagte Becher, als sie in Hermsdorf/Sobieszów eine Reihe geplünderter Gehöfte passierten: «Grausame Quittung.»

 

(…)

 

«In diesem ganzen Osten», bemerkte Johannes R. Becher, «wird ein deutscher Gehäuserest bleiben, in dem neues Leben stattfinden wird, aber lange wird ein Jammer über dem Land liegen. Vergessen wir nie, dass der Brand bei einem Fackelzug in Berlin 1933 gelegt wurde.»

 

(…)

 

«Auf Sie, Genosse Becher, wurde ich durch Ihr Gedicht Verbrüderung aufmerksam: Der Dichter meidet strahlende Akkorde. Er stößt durch Tuben, peitscht die Trommel schrill. Er reißt das Volk auf mit gehackten Sätzen.»

Der Fünfzigjährige am Lenkrad rauchte geschmeichelt. Bechers Stirn war frei, sein akkurat frisiertes Haar war stark gelichtet, die runde Brille ließ das weiche Gesicht noch melancholischer erscheinen. Seinen Anzug hatte der Präsident des Kulturbunds während der Reise mehrmals abgebürstet. Auch Hemd und Krawatte des bewährten Kommunisten wirkten tadellos.

«Und Ihr Aufschrei, Genosse, gegen das Kapital, Kapitalisten und ihre Helfershelfer hat sich nicht nur mir eingeprägt. Augen zu: Lasst Guillotinen spielen! Menschenknäuel übern Platz gefegt – Dass die Strahlen euerer Finger zielen durch den Raum, ins Herz der Kaiser schräg!! – Wir müssen das neue Deutschland stark machen. Gegen Nazis, Mitläufer. Auch die waren gnadenlos.»

Johannes R. Becher nahm kurz die Hand vom Steuer und schien die eigenen frühen Verse dämpfen zu wollen. «Wir tun alles, Leuteritz», sagte er leise, «für eine frische Welt, auferstanden aus Ruinen, dieselben Rechte und Möglichkeiten für alle. Kein Untertanengeist mehr, nicht Oben und Unten, sondern erhobenen Hauptes ein jeder der Zukunft zugewandt. In Frieden und in Völkerverbrüderung. Auf dass die Sonne über Deutschland wieder scheine.»

Der Kollege von der Rundschau nickte. Leuteritz behielt, was Becher nicht mochte, auch im Auto seinen Hut auf. Der Journalist wusste es offenbar nicht besser. Das Legere, ja ein wenig Bürgerliche, fehlte Leuteritz voll und ganz.

«Also persönlich bin ich Hauptmann nicht begegnet.» Johannes R. Becher packte wieder mit beiden Händen den Lenker. «Doch 1925, als ich wegen meines Appells an die Arbeiter: Streik, Bajonett, Terror, Bombe … verhaftet wurde und mir der Prozess gemacht werden sollte, da unterzeichnete neben Döblin, Hermann Hesse, beiden Brüdern Mann, auch Gerhart Hauptmann das Protestschreiben gegen die Zensur.»

«Vermutlich das übliche Mitleid statt Empörung und Wille zum Umsturz», befand Gustav Leuteritz.

«So gängig ist Mitgefühl nicht, Genosse», vernahm er vom berühmten Parteimitglied der KPD, das nach allem Dafürhalten dazu auserkoren war, ein Kulturministerium der deutschen sozialistischen Republik auf dem Boden der Sowjetzone zu begründen. «Und sein Wort bleibt gewichtig: Kunst ist immer nur freie Kunst. Kunst, durch Gesetze geknebelt, ist keine.»

«Hm, Genosse Becher, das kommt doch auf die Umstände an.» Becher blickte fragend.
«Der Bürgerschund ist vorbei. Die proletarische Kunst bringt uns voran. Und so muss das in der Zukunft auch geregelt werden. Statt Schnörkel und Gefühlsgedusel das Lied der Bauarbeiter und der revolutionären Mütter.»

«Gewiss, Genosse», Becher sann kurz nach, «trotzdem brauchen auch Kommunisten gute Komponisten.»

Leuteritz wusste nicht, ob er über das Wortspiel lachen sollte. Meistens war es ratsam, wie in Russland, nicht zu lachen. Und Becher war eine heikle Persönlichkeit mit heikler Vergangenheit. Der Journalist lenkte ab: «Bei den Genossen in Moskau haben Sie einen Stein im Brett.»

«Eigentlich ein merkwürdiger Ausdruck: im Brett», meinte der Funktionär beim Schalten.

«Ihr Hymnus auf Lenin war der eindringlichste Text in der Juli­Rundschau: Er rührte an den Schlaf der Welt/Mit Worten, die wurden Maschinen …»

«Der Mensch muss hoffen», sagte Becher, «auf den Fortschritt.»

«Jetzt fehlt noch Ihr Lobpreis Stalins», Leuteritz schob mit der Fingerspitze den Hut nach hinten. «Stalin hat hier alles befreit von der braunen Pest. Noch zwei Fünfjahrespläne, und wir stecken den Westen in die Tasche. Gegen den Willen und gegen die Kraft des Volkes kommt keiner an. Volksherrschaft plus Elektrifizierung gleich Glück.»

«Ja, Genosse Stalin, ein Titan.» Becher spähte kurz durchs Seitenfenster auf das Pflaster und wich einem Schlagloch aus. «Hat seine Völker wie ein Vater geeint. Ist wachsam, wenn die Verräter in den eigenen Reihen mit dem Feind liebäugeln, wenn sie Bequem­ lichkeit und privaten Profit einer Reinigung der Welt vom Unrecht vorziehen.»

«Sie haben die Moskauer Schauprozesse an Ort und Stelle erlebt, Genosse Becher.»

«Die Hauptverschwörer, Leuteritz, lasen ihre Geständnisse vom Blatt ab. An den Übrigen wurde die Todesstrafe nach meiner Einschätzung nicht vollstreckt.»

«Ah, dann ab ins Arbeitslager. Das ist ja human. Insgesamt Millionen Opfer der Säuberungen, krakeelen einige im Westen. Ich meine, Abtrünnige.»

Becher äußerte sich nicht und wischte sich einen Tabakkrümel vom Jackettärmel. Die Manschettenknöpfe des Kulturkaders waren wohl nicht bloß vergoldet.

«Aus dem Pakt, den Genosse Stalin mit Hitler zur Teilung Polens schloss», sinnierte der Journalist, «bin ich nie ganz schlau geworden. Schulterschluss mit dem Erzfeind. Der Pakt sah 1939 nach vereinbartem Landraub aus.»

«Die Stunde, Leuteritz, war bitter und schwer verständlich für jeden Kommunisten. Aber das Bündnis musste sein. Die Nachwelt könnte erfahren, warum. Stalin ist in der Seele des Volkes verankert. Ihm unterlaufen keine Irrtümer.»

«Natürlich nicht, Genosse Becher.»

 

(…)

 

Gewiss hatten höchste Zirkel den schillernden Künstlerfunktionär Becher – hier seine Guillotine für den Klassenfeind, dort der Spielraum für das Individuum – bewusst auf seinen Posten gesetzt. Becher erschien alles in allem linientreu, er hatte einen Namen, und er verunsicherte nachgeordnete Genossen durch Härte und Melancholie. Und Verunsicherung darüber, wie weit man sich jemandem offenbaren durfte, galt als wirksames Mittel, um die Parteidisziplin zu wahren. Der Mitarbeiter der Täglichen Rundschau traute keinem Genossen.

Das neue Schlesien – Śląsk – würde jedenfalls zum Kosmos des revolutionären Aufbruchs, der brüderlichen Gleichheit und des siegreichen Lichts gehören. Dafür hatten Unterdrückte gekämpft und würden sich die Millionen der Opfer lohnen.

 

(…)

 

Becher wischte sich mit zwei Fingern über die Stirn.

Er blickte ins Talrund, dessen Ortschaften und Wälder im Abenddunst verschwammen. (…) Reifen am Lastwagen und am luxuriösen Wanderer der sowjetischen Offiziere hatten insgesamt nur drei Mal gewechselt werden müssen. Anstatt in den Militärzelten zu nächtigen, hatte der Tross Unterkunft in umfunktionierten Wehrmachtskasernen der Roten Armee gefunden.

Eine aufwendige Mission.

 

(…)

 

«Oh, wir sind nicht vergessen. Wir sind nicht vergessen! Gütiger Gott. Es gibt einen Gott im Himmel.»

Eine kleine Weißhaarige, die kaum ihren Weg über den Schotter zu finden schien, eilte auf die Delegation zu. Schluchzend warf sich Margarete Hauptmann an die Brust Johannes Robert Bechers: «Die Ersten seit Monaten. Wie sind Sie durchgekommen? … Wurde niemand angeschossen? … Hatten Sie zu essen? … Aus Berlin. Wie ist Berlin? … Haben Sie Strom im Reich? … (…) Das mit dem Potsdamer Beschluss kann doch nicht stimmen. – Sie denken an meinen Mann, an mich und an uns! Seien Sie gesegnet … Wir sind so verloren hier. (…)»

Ihre spindeldürren Finger krampften sich durch den Anzugstoff um Bechers Arme.

«Aber kommen Sie doch», sie zog ihn mit sich. «Seit Ihrem Anruf warten wir. Kommen Sie aus dem Dunkel, das ist gefährlich. Ah, Sie haben Soldaten dabei. (…) – Pietsch hat Feuer im Kamin gemacht. Ich glaube, heute darf Rauch aufsteigen. Haben Sie daheim Arzneien?»

Johannes R. Becher folgte den kraftlosen Anstrengungen der Hausherrin. «Erzählen Sie doch. – Haben Sie die Breslauer Autobahn genommen? Für den Winter hat uns der Starost von Hirschberg, das ist der Landrat, Koks zugesagt. – Den Namen des neuen amerikanischen Präsidenten können wir uns nicht merken.»

«Harry S. Truman», sagte Becher.

«Er hat Bomben über Japan abgeworfen?»

«Atombomben», präzisierte Becher, «ohne die Kapitulation hätten sie Deutschland verheert und verstrahlt.»

«Noch mehr verheert?» Sie lachte bitter auf. «Wir waren noch bei Präsident Hoover zu Gast.» (…)

Becher stützte mit seinem Arm die Dame und musste selbst auf den Pfad achtgeben. Dem Kulturbeauftragten folgten Kapitan Grigorij Weiss, der Fotokorrespondent Leutnant Chanov und Gustav Leuteritz. Die Rotarmisten und ihr Fahrer rauchten am Dodge. Neben dem Eingangslöwen des Kastells harrten einige Leute aus, darunter ein Dienstmädchen mit Haube. Leuteritz und auch die sowjetischen Offiziere mutmaßten, dass es sich um die letzte Zofe zwischen Eisernem Vorhang und Wladiwostok handelte. Ein dürrer Butler verbeugte sich.

«Dass man sich über Russen so freut, hätte keiner gedacht», Margarete Hauptmann lächelte zu den Uniformen, «meistens hört man nichts Förderliches aus Russland. Nun bringt es, unter einem energischen Staatsmann, Herrn von Becher zu uns. Russland wirkt stark, wenn dort nur einer das Sagen hat.»

(…) «Becher. Einfach Becher», korrigierte der Besucher. «Natürlich», Margarete Hauptmann ertastete die erste Stufe, «mein Mann hat damals gegen Ihre Inhaftierung protestiert. Wie doch alles verwoben ist.»

 

(…)

 

Am Personal vorbei zwängte sich die Delegation in die Halle. Die verfehlte ihre Wirkung nicht. Im Schein des flackernden Kaminfeuers pulsierten die Farben, die Lustengel und Blumen noch heftiger. Adam und Eva schienen sich Hand in Hand von der Wand lösen zu wollen, eine gemalte Geigerin musizierte geradezu hörbar. «Wärmen Sie sich erst einmal auf», empfahl Margarete Hauptmann, «das ist Fräulein Pollak, die Sekretärin meines Gatten. Lassen Sie Ihre Soldaten doch auch eintreten. Es sind gewiss schmucke Kerle.»

«Künstlerhaushalt», erklärte Becher dem Kapitan, welcher von sich aus gut verstand. Sämtliche Menschen rundum, bis auf den ostzonalen Kulturpräsidenten, registrierte Grigorij Weiss erneut: skeletthaft und in schlotternder Kleidung. «Mein Mann wird Sie im Biedermeierzimmer empfangen, das ist für ihn nicht so weit», kündigte Margarete Hauptmann an. «Wir sind höchst besorgt.» – Auf der Treppe erschien Gerhart Pohl. «Jonny!», rief er nach unten. «Du?», fragte Becher nach, aber er erkannte den früheren Kollegen schnell. Gemeinsam hatten beide Ende der Zwanzigerjahre in der Redaktion der Neuen Bücherschau Neuerscheinungen besprochen. Sie fielen sich in die Arme.

«Viel zu berichten», sagte Pohl.

«Wohl wahr, alter Geselle», Johannes R. Becher befreite sich aus der Umarmung. Pohl hatte sich damals nicht zum Eintritt in die Partei Ernst Thälmanns bewegen lassen. Und wer, wie Pohl, im Lande geblieben war, musste erst einmal erklären, wieso er ohne sichtlichen Schaden das Dritte Reich überstanden hatte. Der Wiesenstein war bekanntermaßen ein Sammelbecken für vielerlei Geister und Ungeister gewesen.

«Junge», Gerhart Pohl klopfte dem Lyriker auf die Schulter: «Am Leben. Du bei uns. Mit Eskorte. Das waren doch viele Jahre in Moskau.»

«Nicht nur, Gert, manchmal ging es fast bis an die Front, um unsere Flugblätter für die deutschen Stellungen vorzubereiten. Folgt einem Wahnsinnigen nicht in den Tod! Ihr werdet verheizt! Werft die Waffen weg! Lauft über!»

«Diese Zeit werden wir nie verkraften, Jonny. Gut, dich zu sehen. Gut.»

«Wir tauschen uns aus», nickte Becher, «die, die noch die Sonne sehen, müssen zusammenhalten. Wir haben Mehl, Konserven, Zucker mitgebracht.»

«Zucker!», rief es in der Halle durcheinander. Becher war entgeistert über die Wirkung seiner Mitteilung. (…)

Pietsch geleitete die Gäste ins Biedermeierzimmer. Vor dem Porträt Joseph von Eichendorffs im Kerzenschein zitierte Becher, wie viele Besucher vor ihm, die Verse Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus … nicht laut.

Becher hob beim Platznehmen die Bügelfalten seines Zweireihers, zog die Krawatte zurecht. Der müde Mann wischte sich über die Stirn. Die Offiziere deponierten ihre mehr als tellergroßen Schirmmützen neben ihnen auf dem Tisch. (…)

Ein Klumpen?

Was nahte da?

Eine Monstranz?

Die Ostherren stemmten sich aus den Fauteuils, Chanov offenen Mundes.

Unter dem Ächzen seiner Helfer erschien Gerhart Hauptmann. Er musste es sein. Zwei Männer trugen die Last aus Kopf, dunkle Hausmantel, baumelnden Beinen auf ihren Armen, eine Krankenschwester stützte sie von hinten ab. Das schlohweiße Haar hing strähnig.

Becher war verstört. Möglicherweise war es bereits zu spät, den Patriarchen aufzusuchen. Die Offiziere wirkten gefasster; sie hatten den blutigsten aller Kriege durchlebt.

Die Helfer platzierten den Greis auf dem Polster eines Sessels, zwischen dessen Lehnen der Moribunde fast versank.

«Danke, Metzkow,», sagte die Schwester leise. Die Träger zogen sich zurück. Die Schwester nahm auf einem Stuhl neben der Kommode Platz. Ein Anflug von Panik und Erinnerungen an die russische Soldateska schienen sie zu überkommen. Aber diese Sow­ jets trugen Orden.

Gerhart Hauptmanns Kopf hing schief. Über dem edlen Schal schimmerte Speichel in seinem Mundwinkel. Die Augen waren blutunterlaufen. Ihm war das Gebiss eingesetzt worden. Becher blickte die Schwester fragend an. «Nur zu», beschied sie, «er freut sich sehr. Besuch baut ihn auf. Das Fieber ist weg. Dr. Schmidt hofft, dass er den Höhepunkt der Krisis überwunden hat. Es war eine schlimme Entzündung.»

Becher war medizinisch nicht firm. Doch vom Erscheinungsbild einer eingedämmten Erkrankung hatte der Laie andere Vorstellungen. (…) Johannes R. Becher richtete sich auf: «Großer Dichter, ich entbiete Ihnen die herzlichen Grüße und Wünsche der Genossen Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl. Unter ihrer Führung wird ein neues Deutschland erstehen.»

Die Grußadresse zeitigte keinerlei Reaktion. Wie sollte der Wiesensteiner die Führungsriege bisheriger deutscher Exilkommunisten – zwei gelernte Tischler und ein Buchdrucker – auch kennen und einschätzen können?

«Sie, Be-Becher … « Der Angesprochene horchte, der weiße Finger deutete gekrümmt auf ihn, «Sie, hoffnungsvoll. Einiges In­Ingenium …»

Der Präsident und Lyriker dankte mit einer Verbeugung. Hauptmann verstand und sprach. Er rutschte sogar in eine bequemere Sitzposition. Die sowjetischen Offiziere beobachteten den Vorgang gespannt. Becher musste nach der beschwerlichen Anreise seinen Vorstoß wagen: «Ich stehe, großer Gerhart Hauptmann, als Vorsitzender des Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands vor Ihnen.»

«Nur … zu.»

«Voller Gram erfuhren und erleben wir, wie die Jahre und Gebrechen, die damit verbunden sind, und wie Not Ihnen zusetzen. Umso froher stimmt es, dass Sie den schlimmsten Anfeindungen weiterhin Ihre Kraft entgegensetzen.» Es war nicht zu deuten, wie es um diese Energie im Moment bestellt war; die Hände des alten Mannes ruhten fahl auf den Lehnen. Becher setzte sich; er musste keine Volksrede halten. «Denken wir an die Zukunft», sagte er.

«Ja, ja.»

«Für ein neues Deutschland habe ich es mir zur Pflicht gemacht, sämtliche Emigranten, die guten Willens sind, in der derzeitigen Ostzone zusammenzurufen. Bevor das vereinte Deutschland wiederersteht – was mir, wie jedem Patrioten, ein Herzensanliegen ist –, wird Mitteldeutschland, beziehungsweise nun Ostdeutschland, unter dem Schutze unserer sowjetischen Freunde zur Pflanzstätte einer friedvollen und sozialistischen Kultur werden.

 

(…)

 

In nicht ferner Zukunft, Gerhart Hauptmann, wird sich der Wunsch erfüllen, den Sie in Ihren sozialen Dramen auf der ganzen Welt verkündet haben. Die Weber werden nicht mehr hungern müssen. Das entrechtete Mädchen Hannele wird nicht mehr elend und fiebernd gen Himmel fahren müssen.»

Hauptmann hob den Blick und richtete sich leidlich auf.

«Zu viel Eigentum von Wenigen wird bei uns in Allgemeinbesitz überführt werden. (…) Nationale Überheblichkeit und Rassenwahn werden wir mit Stumpf und Stiel … beseitigen. Entscheidend dafür, Gerhart Hauptmann, sind Bildung, Erziehung und Kultur. (…) »

Der Greis nickte anerkennend.

«Ich plane Kulturhäuser im ganzen Land. Mobile Leihbüchereien werden die Bevölkerung mit anspruchsvoller Unterhaltung und Werken des Humanismus versorgen. Vornehmlich Kinder von Arbeitern und Bauern – bisher und noch weltweit Fußabtreter sogenannter Eliten – werden Zugang zu Universitäten erhalten. Die klassenlose Gesellschaft kann nur von unten her aufgebaut werden. Die Truppen der sozialistischen Völkergemeinschaft, die sich soeben bildet –»

«Dies schrecklichste der Jahrhunderte», vernahm man Gerhart Hauptmann. Er saß beinahe aufrecht und tupfte sich mit dem Einstecktuch aus seinem orientalisch anmutenden Hausgewand die Lippe trocken.

«– die Söhne des Volkes werden auf Friedenswacht stehen. Von unserem Land wird kein Krieg mehr ausgehen. Nie und nimmer!», rief Becher so laut, dass fast das Kerzenlicht flackerte. Hauptmann Weiss stimmte klärend zu: «Keine Zwille bekommt ihr in die Hand.»

(…) Gerhart Pohl trat leise ein, schlich zum Kanapee. (…)

Johannes R. Becher beugte sich vor. Seine Stimme klang freundlich­kultiviert. «Sie befinden sich auf dem Weg der Gesundung.»

Niemand widersprach.
«Sie, Poeta Laureatus, sofort mitzunehmen, ist heikel.» «Gewiss», pflichtete der Fotoleutnant besorgt bei.

«Die Strecke ist strapaziös. Sie bedürfen noch der Ruhe. Sie wollen vielleicht das eine oder andere Erinnerungsstück mitnehmen. Ihre Frau und nächste Menschen.»

Hauptmann war sichtlich wacher geworden, was in diesem Fall hieß, dass seine Augen heller und größer geworden waren.

«Ich erwähnte», fuhr der Gast fort, «dass ich fortschrittliche und bedeutende Emigranten in Ostdeutschland versammeln möchte. Bertolt Brecht, Anna Seghers, Arnold Zweig, Hanns Eisler sind meinem Ruf gefolgt. Lion Feuchtwanger überlegt noch. (…)

Sie haben Anfechtungen nicht vollends widerstanden, Herr Hauptmann. Wer in diesem Haus verkehrte, will ich nicht wissen. Doch wer in unserem Land nach reinen Seelen sucht, müsste es zuvor entleeren. Leider. Wir müssen gerade trübes Wasser abkochen.»

Gerhart Pohl stimmte mit einem Nicken zu.

«Sie sind eine geistige Großmacht. Weltweit steht Ihr Name», Becher schüttelte lächelnd den Kopf, «für Menschlichkeit. Kommen Sie nach Berlin! Werden Sie Schirmherr meiner Akademie. Stehen Sie mit uns für die humanistische Tradition und eine lichte, friedvolle Zukunft.»

Der Kerzendocht verbrannte knisternd.
«Ostberlin?» Gerhart Pohl erhob sich.
«Falls die Bürde des Amtes eines Akademiepräsidenten zu schwer ist», Becher wog jedes Wort ab, «dann bieten wir, mit dem nötigen Komfort, Dresden als Bleibe für Gerhart Hauptmann an. Generalfeldmarschall Paulus, der Totengräber der 6. Armee bei Stalingrad, befindet sich bereits auf dem Weg nach Dresden. Aus dem preußischen Militaristen ist in der Gefangenschaft ein Antifaschist geworden.»

«Es geht doch», flocht Kapitan Weiss ein, «aber Paulus als Nachbar? Nur noch ein Nervenbündel.»

«Seine Träume möchte keiner haben», sagte Chanov.

 

(…)

 

«Ausreise? Mein, mein Bruder ruht hier.» Der Hausherr zeigte sich nach Kräften geistesgegenwärtig. Leutnant Chanov blickte ihn aufmunternd an. «Meine Ahnen ruhen hier. E­egal, da sie ruhen, könnte man natürlich auch fort. Länder bleiben, Menschen entschwinden.“ (…)

In dem Halbdunkel um den Mahagonitisch (…) sortierte der Hausherr seine Gedanken: «Sie dürfen es übermitteln … wem Sie wollen, geschätzter Herr Becher, es ist meine Grußadresse: Es gibt keinen Augenblick, in dem ich nicht Deutschlands gedenke, obgleich mein Teil leider nicht, nicht mehr die Kraft besitzt, so zu wirken, wie ich möchte.» Er schnappte nach Luft. «Ich begrüße das Bestreben Ihres Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung», die Stimme sackte bei längeren Wörtern manchmal ab, «und ich hoffe, dass sie gelingen wird. Meine Wünsche sind in diesem Sinne … bei ihm.»

«Dürfte ich das in diesem Sinne veröffentlichen?»

«Das dürfen Sie.»

 

(…)

 

«Pohl», wandte sich der Hausherr an den Vertrauten: «Welches Gedicht von Herrn Becher schätzen wir, wir besonders?»

«Zu wenig, Herr Doktor, haben wir geliebt

«Genau», sagte Hauptmann, «habe vorhin das Bändchen holen lassen. War mit meiner Bibliothek auf dem neuesten Stand. Für, für die Bücher bräuchten Sie Güterwaggons.»

Während Becher sich neben den Offizieren erhob, begann Pohl etwas verlegen:

 

«Aus weiter Ferne die Gespräche führen,

Die unterlassenen. Fremd ging ich vorbei

Mit meinem Wissen, und an mir vorüber

Ging wieder einer mit noch besserem Wissen.

O überall war besseres Wissen, jeder

Besaß die Weisheit ganz. Doch die Liebe fehlte

Und die Geduld. Und das Beisammensitzen.

Aussprache alles dessen bis ins kleinste,

Was nottat und was marterte die Seele.»

S. 450 bis 469 der Buchausgabe (gekürzt)

Auszug aus: Hans Pleschinski, „Wiesenstein“

Copyright © 2018 Verlag C.H. Beck, München

Gedichte

Im Nachtzug nach Mariupol

Taktloses
Rattern
im DDR-Luxusabteil.

 

Die verdreckten Fenster lassen sich nicht öffnen
wegen der Klimaanlage,
die ist
außer Funktion.
Wir
wälzen uns
schwitzend
auf unseren weichen Pritschen
und balancieren
Pappbecher in der Hand,
billige Zigaretten im Maul
zwischen den Wagons
hin und her.
Zerdeppern die Weinflasche
aus Versehen
werfen die Kippen
durch den Luftspalt
auf die
Gleise
schwanken zurück ins Abteil
schaukeln durch die Steppe
600 Kilometer in 12 Stunden
und trinken
schwarzen Tee aus Gläsern

 

im Sonnenaufgang.

Mariupol

Im Meer soll man nicht baden.
Die Luft besser nicht einatmen.
Platanen rauschen im sauren Regen.
Die Vögel sind fort.
Im Stahlwerk fliegen Funken.
Was tun?
Gedichte in den Sand spucken.
Und auf bessere Zeiten hoffen.

Dichtertreffen I

Nach Worten suchen
verwerfen
weiter suchen.
Weiter werfen.

Dichtertreffen II

Am Boden klebt Blut.
Vor zwei Wochen gab es hier
einen Überfall.
Vor der Tür halten
Polizisten Wache.
Was machen wir hier?
Gedichte lesen.
Davon werden die Schlaglöcher nicht weniger,
die Luft nicht besser,
die Zigaretten nicht billiger,
hört der Krieg nicht auf.

 

Ja, aber

Was macht der Krieg?

Der Krieg
macht
was
mit
den
Menschen.

Am Strand

tun wir so
als ob
wir in Odessa wären.
Der Professor
zieht die Schuhe aus
krempelt die
Leinenhose hoch
und teilt die silbernen Fluten.

Überleben in Mariupol

Erschienen am 27. September 2018 in Die Welt

 

Kostenpflichtig nachzulesen bei WeltPlus unter
https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus181671600/Ukraine-Nur-die-Haertesten-ueberleben-Mariupol.html

Besuch der Teilnehmenden an „Eine Brücke aus Papier“ im Stahlwerk Iljitsch, Mariupol 3.9.2018

Besuch der Teilnehmenden an „Eine Brücke aus Papier“ im Stahlwerk Iljitsch, Mariupol 3.9.2018
Foto: © Wanja Nolte, München

Kiew in Verwirrung

Sie sah echt verzweifelt aus, so dass ich mich erst mal gar nicht traute, überhaupt irgendwas zu sagen. Schweigend nahm sie meine Hand und wir bewegten uns entschlossen auf ein Café an der Bessarabka zu. Ohne irgendwelche Fragen zu stellen, kaufte ich ihr ein Stück „Prager Torte“ und einen großen Cappuccino. Sascha aß die „Prager“ und spülte sie mit Cappuccino runter, kurz davor, jeden Moment in Tränen auszubrechen. „Was ist denn passiert?“, fragte ich endlich in einem passenden Moment. „Er hat nicht unterschrieben“, antwortete sie mit Verzweiflung in der Stimme. „Wer hat nicht unterschrieben?“ – „Janukowytsch.“
Ich ertrug die Pause, denn gleich zu fragen „Was hat er nicht unterschrieben?“ schien mir etwas taktlos. Gelinde gesagt, war ich nicht gerade bis ins letzte Detail über das Gipfeltreffen zur Östlichen Partnerschaft informiert, das gerade in Vilnius stattfand. Herman Van Rompuy äußerte sich besorgt, Štefan Füle betonte, Barroso akzentuierte …
„Wir bekommen kein Assoziierungsabkommen mit der EU“, presste Sascha endlich hervor und brach sofort in Tränen aus, als sie ihre Worte hörte. Ich wusste immer noch nicht, was ich sagen sollte. Mein Vorrat angemessenen Schweigens ging eindeutig zur Neige und ich begriff selbst nicht, wie ich mich noch so gut halten konnte.
Mir war schon klar, dass ich hier und jetzt das größtmögliche Maß an Anteilnahme bekunden sollte, aber diese ganze Absage an das Assoziierungsabkommen war für mich ein dermaßen abstraktes Ereignis, dass ich beim besten Willen nicht in der Lage war, auch nur die allerkleinste emotionale Verbindung dazu herzustellen.Hätte Sascha in diesem schicksalhaften Moment mein hilfloses und erschrockenes Gesicht gesehen, so wäre sie über das Maß an Egoismus und emotionaler Armseligkeit sicher entsetzt gewesen. Entweder haben das die Tränen in ihren Augen verhindert, oder meine ehrlichen Bemühungen da durchzublicken haben die unvermeidlich erscheinende Katastrophe abgewendet …Wie dem auch sei, gerade als meine Panik ähnlich groß war wie ihr Kummer, rutschte sie über das graue Kunstledersofa zu mir heran und warf sich in meine Arme wie ein Schutz suchendes Kind. Ein paar Sekunden verbrachte sie damit, ihre Tränen an meinen Wangen abzuwischen, dann trafen sich unsere Lippen, aber nicht so wie beim Abschied an der Metrostation Wydubytschi vor zwei Tagen, als sie sie geschlossen hielt, streng darauf bedacht, die Regeln des entsprechenden Annäherungsstadiums einzuhalten.In Analogie zu dem aktuellen historischen Augenblick hätte ich das, was da gerade passierte, als „vollständige Ratifizierung“ bezeichnet. Ich schloss die Augen und gab mich dem besten Kuss meines Lebens hin, während meine rechte Hand zwischen ihre Beine wanderte, die in warmen, für ein langes Stehen auf der Demonstration vorgesehenen Leggings steckten.

 

***

 

In den Zeiten meines Lebens, wo mich niemand liebt, hasse ich jeden Mann auf der Straße, der eine hübsche Frau küsst. Und je hübscher sie ist, desto stärker mein Hass.
Die beiden fuhren vor mir auf der Rolltreppe hoch. Sie trug kurze Shorts, die ihren festen Po umspannten, und hatte lange, schlanke Beine. Er war so ein schlampiger Hipster mit fettigen Haaren im Nacken und natürlich einem Bart, der sogar hinter den Ohren vorguckte.Den ganzen Weg nach oben schlängelte sich die Tussi wie eine Eidechse an ihm entlang. Sie warf ihre langen blonden Haare zurück, lächelte ununterbrochen und versuchte, ihm ins Gesicht zu sehen. Ich spürte, wie die Wut in mir aufstieg.
Um mich irgendwie zu beherrschen, dachte ich an das Buch des 14. Dalai Lama, das ich immer morgens auf der Toilette las: „Denken Sie daran, dass jeder Mensch, dem Sie in ihrem Leben begegnen, genauso wie Sie danach strebt, Glück zu erreichen und Leiden zu vermeiden …“, gemahnte der Träger des Friedensnobelpreises 1989.
Ich wollte dieser These in Bezug auf den beschissenen Hipster vor mir schon fast zustimmen, da fingen die beiden an zu knutschen. Die Tussi hörte auf mit dem Hintern zu wackeln. Ihre Bewegungen verlangsamten sich stark, sie legte die rechte Hand auf seinen speckigen Hinterkopf und schloss die Augen …
„Du beschissener Wichser“, dachte ich boshaft über den Hipster, ohne mich groß um Argumente zu bemühen. „Was bist du doch für ein Scheißwichser. Scheißkerl mit Bart. Du mieses Arschloch.“
Eine halbe Stunde später stand ich in der Kabine einer kostenlosen Toilette unter dem Majdan und masturbierte wie wild. Ich hatte noch gut ihre Shorts vor Augen, so dass ich einen ordentlichen Ständer hatte. „Verrecken sollst du! Verrecken!“, schrie ich in Richtung Hipster, als ich kam.
Ich wischte mir das Glied ab und ging raus. Ein buckliger angetrunkener Typ in Tarnjacke und mit Dreizack auf dem Ärmel guckte mich an. Der hat ganz bestimmt keine ordentliche Freundin, dachte ich mit einem Anflug von Sympathie.
„Wer soll verrecken?“, fragte er mich plötzlich.
Das hatte gerade noch gefehlt.
„Keiner“, antwortete ich und wollte gehen.
„Jetzt wart mal“, entgegnete er und versperrte mir den Weg. „Wer soll verrecken“?
„Putin.“
„Putin?“
„Ja, genau der.“
„Ruhm der Nation!“, schrie er plötzlich.
„Tod den Feinden!“, brüllte ich als Antwort.

 

***

 

Also, ich wollte das endlich auch mal ausprobieren.
Wann würde sich noch mal so eine Gelegenheit ergeben?
Obwohl natürlich alles danach aussieht, dass es noch viele Fackelmärsche geben wird.
Und dass die noch viel größer und schöner sein werden.
Weil gerade niemand da ist, der die Nazis aufhalten könnte.
Die „Berkut“ hatten langjährige Erfahrung und eine instinktive Feindseligkeit gegenüber den Rechten und Ultras.
Unsere Polizisten jetzt sind die reinsten Waschlappen dagegen.
Kein höheres Ziel, nur Vollmachten.
Aber die da haben – die Nationale Idee. Die machen die fertig, wenn sie wollen.
Und die Liberalen gleich mit. Die denken gerade gar nicht an die Nazis. Die haben ihre Projekte. Die einen sind mit den Menschenrechten beschäftigt, die anderen mit einem Antikorruptionsbüro oder mit Englisch. Grasfresser, mal so gesagt.
Fackelmärsche werden wir also noch viele haben.
Höchstwahrscheinlich.
Aber wer weiß? Die bringen es doch immer wieder fertig, im entscheidenden Moment Mist zu bauen.
„Gehen Sie zu dem Auto, da werden die Fackeln ausgegeben“, tönte es durchs Mikro von der Bühne.
Na ja, ich bin da erst mal nur so aus Neugier hin.
Bin ein bisschen näher rangegangen – mal hören, was die da sagen.
„Bekommen nur die Fackeln, die in einer Formation sind?“, fragt ein Typ.
„Nein, nein, alle.“
Aha.
Hinter mir stehen schon welche.
Da bin ich wohl schon in der Schlange gelandet.
Und dann höre ich aus dem Mikro: „Keine Sorge, die Fackeln reichen für alle.“
Mal angenommen.
Und ich, ich ziehe jetzt mit so einer Fackel los?
Da kommen irgendwelche Tantchen an.
Sogar ein Mann mit einem Kind. Gibt dem Jungen die Fackel.
Das stachelt mich irgendwie an.
Scheiß drauf. Ich nehm’ eine.
Und auf einmal will ich so dringend eine Fackel, dass ich schon Angst kriege, dass die nicht reichen.
Ich stürze nach vorn.
Das Auto ist fast leer. Die schleppen die Dinger stapelweise weg.
Ich hab eine.
Echt irre.
Ich halte sie.
Meine Fresse. Wie so ein Nazi.
Na ja, so ein Stock von einem Meter. Vierkantschnitt.
Am Ende mit ein paar Schichten Sackleinen umwickelt.
Mit Eisendraht festgebunden. Darunter Stanniol, damit’s nicht Feuer fängt.
Ich dachte erst, mit Benzin getränkt. Rieche dran – von wegen.
Frage einen Typen: „Womit ist die getränkt?“
Der guckt sich das auch genauer an. Aber man merkt, dass der sich auskennt.
„Paraffin“, sagt er. Und zeigt auf eine Laufnase an der Seite.
Aha, interessant.
Dann brennt die also wie eine Kerze.
Da stellen sich alle am Anfang der Masepa-Straße auf.
Die Polizei sperrt die Straße für die Autos. Alles für die Menschen. Alles für die Titularnation.
„Verehrte Gemeinschaft, wir beginnen nun unseren Marsch“, tönt es von vorn. „Achtung …“
Jetzt müssen wir die also anzünden.
Das wird wahrscheinlich irgendwie zentral geregelt?
Nee, von wegen.
Die Leute rotten sich selber zusammen. Ratschen mit ihren Feuerzeugen.
„Zünden Sie sie oben an, dann brennen sie länger“, wird durch das Mikro empfohlen.
Alles klar. Ein echt nützlicher Life-Hack.
Mit den Feuerzeugen dauert’s.
Aber bei irgendwem scheint’s dann doch zu klappen.
An den Fackeln, die schon brennen, zünden die anderen ihre an.
Da werde ich unruhig.
Gleich geht’s los und meine Fackel brennt nicht, verdammte Scheiße.
Ich seh’ auch niemanden, von dem ich Feuer kriegen könnte.
Da nickt mir ein schnauzbärtiger Typ zu. Komm mal her. Kannst sie bei mir anzünden.
Gott sei Dank. Danke, du guter Mensch.
Ein Nazi lässt einen anderen in der Not nicht allein.
Ich schiebe das Teil ins Feuer.
Aber das Scheißding brennt einfach nicht.
Sollte es aber.
Ich hab die doch nicht selber gebastelt. Die ist aus dem Auto. Sollte ja wohl ’ne anständige Fackel sein.
Das Drecksteil will einfach nicht brennen.
Bei allen brennt’s schon, verdammte Scheiße, nur bei mir nicht.
Ist das vielleicht ätzend.
Ich dreh sie ein bisschen – vielleicht klappt’s von der anderen Seite besser.
Aha.
So.
Jetzt, endlich.
Yes!
Puh, bin richtig ins Schwitzen gekommen.
So was Ähnliches müssen wohl Männer im Bett empfinden, wenn er einfach nicht stehen will.
Ich hatte so was noch nie im Bett. Aber mit der Fackel, da hab ich das so richtig gespürt.
Na gut.
Vorne werden Trommeln geschlagen.
Wir setzen uns in Bewegung.
Meine Fresse.
Ich gehe. Mit einer Fackel, Mann.
Wer hätte das gedacht.
Ich hab hier in der Nähe mal bei einer Zeitschrift gearbeitet.
Über Kultur geschrieben. Über Kunst. Und jetzt laufe ich mit einer Fackel die Straße lang.
„Die brennen gut“, kommentiert ein Typ. „Jetzt haben sie’s gelernt.“
Stimmt. Meine brennt jetzt ganz ordentlich.
„Ruhm der Nation! Tod den Feinden!“, schreit da vorn so ein Ausrufer. „Den Helden von Kruty! Dreimal: Ruhm! Ruhm! Ruhm!“
Ich schreie auch.
Früher wäre mir das peinlich gewesen. Aber jetzt mit der Fackel geht’s.
Damit fühlt man sich überhaupt irgendwie viel wohler.
Früher bin ich immer nebenher gelaufen. Hab zugeguckt.
Jetzt bin ich mittendrin.
Die Leute lächeln mich an. Ich lächle auch.
Wir gehen.
Hinter der Kreuzung biegen wir in die Allee der Helden von Kruty ein.
Der Regen wird stärker.
Aber es brennt.
Ich passe auf, dass die Funken nicht auf irgendwen fliegen.
Vor mir Minderjährige in blauen Jacken.
Auf den Rücken die Aufschrift:
„Falke.
Wo Stärke ist, ist Freiheit.“
Was für ein Scheiß, mal ehrlich.
„Einer für alle“, schreit der Ausrufer.
Das kenne ich. Stimme ein: „Und alle für einen!“
„Eine! Sprache!“
Scheiße, daran kann ich mich nicht erinnern.
„Eine! Nation! Ein! Vaterland! Die! Ukraine!“
Beim zweiten Mal kann ich mich rehabilitieren.
„Wer Bengalos hat. Holt sie raus und dann auf Kommando …“
Jemand gibt das Kommando.
Wahnsinn. So hell. Wie das strahlt.
Also, die machen wir alle fertig, die feindlichen Mächte!
„Heute! Feiern wir! Ukrainer! Kiewer, Gäste der Hauptstadt! Die Heldentat, als dreihundert junge Herzen entflammten wie heute unsere Fackeln!“
Ja, und was macht meine da!
Fängt an zu flackern, das Scheißteil.
Die könnte noch so schön brennen.
Aber nein …
Da fühle ich mich gleich ganz schön unwohl.
Jetzt geht die aus und das war’s. Die Schutzglocke verschwindet und gleich gucken sie mich schief an, zeigen mit Fingern auf mich. Und der, der da so tierisch „Ruhm der Ukraine“ brüllt, packt mich …
Ich muss sie ganz vorsichtig drehen. Na ja, schon besser. Aber trotzdem. Bei allen brennt’s normal, nur meine verglimmt fast.
So wie das Feuer des Patriotismus in meiner Brust.
Sind wir bald da?
„Wem gehört Kiew?! Uns! Wem gehört die Ukraine?! Uns! Wem gehört der Donbass?! Den Ukrainern! Wem gehört Kuban? Den Ukrainern! Wem gehört die Krim?! Der Ukraine!“
„Putin hinter Gitter! Hinter Gitter!“
Brenn, du Scheißteil. Brenn.
„Achtung! Alle, deren Fackeln noch brennen, gehen zum Denkmal. Bei wem sie schon aus sind, die gehen zum Auto mit dem Lautsprecher …“
„Und was gibt’s da?“
„Wassereimer.“
Nun hab ich’s doch noch geschafft.
Ich gehe zu dem Auto.
Stecke meine nur noch glimmende Fackel in den Eimer.
Ja, du hast es geschafft, Kleiner.
Du hast es gemacht.
Alle Achtung, mein Lieber.

 

***

 

Wir laufen über den frischen Märzschnee. Im Zentrum stehen überall welche von der Nationalgarde mit Maschinengewehren. In Kiew ist es das erste Mal. Grünschnäbel in Uniform sind natürlich nicht zum ersten Mal da. Aber jetzt haben diese Jungs mit den fröhlichen Schulgesichtern, mit ihrer jugendlichen Dummheit verdoppelt durch den militärischen Idiotismus … jetzt haben diese rotbäckigen Milchbubis auch noch lange Schießeisen, die auf die Erde gerichtet sind. Und jeder auch noch ein paar Magazine mit Patronen.
„Guck mal“, sage ich.
„Ja, ja“, antwortet er zerstreut.
Mein Freund ist mit einem anderen Gedanken beschäftigt und möchte ihn mir mitteilen.
„Ich habe so langsam das Gefühl, dass das nicht mein Land ist“, sagt er.
„Dieses Gefühl habe ich schon lange“, bemerke ich.
Er schreibt auch ein Buch und ich will nicht, dass er mir da den Rang abläuft.
„Ja, ich weiß, du hast schon mal so was erwähnt“, stimmt er mir zu.
Das beruhigt mich. Aber wieso sollte ich überhaupt unruhig werden? Ich habe diesen Gedanken schon in einigen meiner Texte mit Kultstatus festgehalten. Also alles im grünen Bereich. Jetzt kann ich mich beruhigt zurücklehnen und zufrieden beobachten, wie die Gesellschaft allmählich den Riss in ihrer nationalen Identität erkennt, den ein bislang unbekannter Schriftstellerprophet schon längst bemerkt hat.
„Aber vor noch gar nicht allzu langer Zeit hätte ich mir so was gar nicht vorstellen können“, fährt mein Freund fort. Das scheint ihn wirklich zu beschäftigen. „Und meine Familie ist doch, wie soll ich sagen … Mein Vater hatte immer eine sehr positive Einstellung zum Ukrainischen. Also, so was hätte es nie gegeben, dass …“
„Dass die Ukraine jetzt nicht mehr ein Land für alle ist?“
„Nun ja. Also … Wenn jetzt jemand zu mir sagen würde, du hast die Wahl – du schreibst zwei Werke, mit denen du berühmt wirst, aber dafür musst du, sagen wir mal, nach Moskau ziehen, stell dir vor, ich würde zusagen. Aber nicht so ganz von Null. Also nur, wenn ich da schon irgendwas hätte …“
„Ich vielleicht auch.“
„Aber das sage ich natürlich niemandem so offen.“
„Ha! Weißt du, ich sage jetzt auch vieles nicht mehr so offen. Meine Facebook-Posts verberge ich vor der Hälfte meiner Freunde. Gewöhn dich schon mal dran.“
Zwei Werke. Nicht eins. Sehr gut. Ein richtiger Schriftsteller. Na und? Ich würde auch zwei sagen. Eins kann ja einfach nur Zufall sein, aber bei zweien sieht die Sache schon ganz anders aus. Das ist schon ein richtiger Meister. Der Mann denkt ganz richtig.
„Aber da ist die Kacke wirklich am Dampfen. In Moskau“, sinniert er.
„Stimmt. Bei uns auch, nur in anderer Form“, präzisiere ich. „Aber hier ist es vielleicht interessanter. Hier haben wir eine Identitätskrise.“
Ich sehe zu den fröhlichen Soldaten bei der Kaffeebude. Sie freuen sich bestimmt, dass sie in ihrer Uniform so schön aussehen. Die Identitätsfrage scheint für sie schon geklärt. Vielleicht geht es ja auch so und man muss dafür nicht unbedingt jemanden umbringen.
Wir fahren natürlich auch nirgendwohin. Solange wir nicht jeder zwei dicke Bücher geschrieben haben. Das sind zusammen immerhin vier. Eine große Aufgabe. Wir müssen bleiben.

 

Witalij Tschenskyj

Aus dem Russischen von Lydia Nagel

Sie kam aus Mariupol

Lesung in Mariupol

 

Über Mariupol wusste ich zu dieser Zeit so gut wie nichts. Auf der Suche nach meiner Mutter war es mir nie in den Sinn gekommen, mich über die Stadt kundig zu machen, aus der sie stammte. Mariupol, das vierzig Jahre lang Shdanow hieß und erst nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder seinen alten Namen erhielt, blieb ein innerer Ort für mich, den ich niemals dem Licht der Wirklichkeit aussetzte. Seit jeher war ich im Ungefähren zu Hause, in meinen eigenen Bildern und Vorstellungen von der Welt. Die äußere Wirklichkeit bedrohte dieses innere Zuhause, und deshalb wich ich ihr nach Möglichkeit aus.

 

Mein ursprüngliches Bild von Mariupol war davon geprägt, dass in meiner Kindheit niemand zwischen den einzelnen Staaten der Sowjetunion unterschied, alle Bewohner ihrer fünfzehn Republiken galten als Russen. Obwohl Russland im Mittelalter aus der Ukraine hervorgegangen war, aus der Kiewer Rus, die man die Wiege Russlands nannte, die Mutter aller russischen Städte, sprachen auch meine Eltern so über die Ukraine, als wäre sie ein Teil von Russland – dem größten Land der Welt, sagte mein Vater, ein gewaltiges Reich, das von Alaska bis nach Polen reichte und ein Sechstel der gesamten Erdoberfläche einnahm. Deutschland war dagegen nur ein Klecks auf der Landkarte.

 

Das Ukrainische ging für mich im Russischen auf, und wenn ich mir meine Mutter in ihrem früheren Leben in Mariupol vorstellte, sah ich sie immer im russischen Schnee. Sie ging in ihrem altmodischen grauen Mantel mit dem Samtkragen und den Samtstulpen, dem einzigen Mantel, den ich je an ihr gesehen hatte, durch dunkle, eisige Straßen in irgendeinem unermesslichen Raum, durch den seit Ewigkeiten der Schneesturm fegte. Der sibirische Schnee, der ganz Russland und auch Mariupol bedeckte, das unheimliche Reich der ewigen Kälte, in dem die Kommunisten herrschten.

 

Meine kindliche Vorstellung vom Herkunftsort meiner Mutter überdauerte Jahrzehnte in meinen inneren Dunkelkammern. Auch als ich längst wusste, dass Russland und die Ukraine zwei verschiedene Länder waren und die Ukraine rein gar nichts mit Sibirien zu tun hatte, berührte das mein Mariupol nicht – obwohl ich nicht einmal Gewissheit darüber besaß, ob meine Mutter wirklich aus dieser Stadt kam oder ob ich ihr Mariupol angedichtet hatte, weil mir der Name so gut gefiel. Manchmal war ich mir nicht einmal mehr sicher, ob es eine Stadt dieses Namens überhaupt gab oder ob sie eine Erfindung von mir war wie so vieles andere auch, das meine Herkunft betraf.

 

Eines Tages, als ich beim Blättern in einer Zeitung auf den Sportteil stieß und schon weiterblättern wollte, fiel mein Blick auf das Wort Mariupol. Eine deutsche Fußballmannschaft, so las ich, war in die Ukraine gereist, um gegen Iljitschewez Mariupol zu spielen. Allein die Tatsache, dass die Stadt eine Fußballmannschaft hatte, war so ernüchternd, dass mein inneres Mariupol sofort zerbröckelte wie ein modriger Pilz. Nichts auf der Welt interessierte mich weniger als Fußball, aber ausgerechnet der stieß mich zum ersten Mal auf das wirkliche Mariupol. Ich erfuhr, dass es sich um eine Stadt mit ausgesprochen mildem Klima handelte, eine Hafenstadt am Asowschen Meer, dem flachsten und wärmsten Meer der Welt. Es war von langen und weiten Sandstränden die Rede, von Weinhügeln, endlosen Sonnenblumenfeldern. Die deutschen Fußballer stöhnten unter den Sommertemperaturen, die sich der Vierzig-Grad-Marke näherten.

 

Die Wirklichkeit erschien mir viel unwirklicher als meine Vorstellung von ihr. Zum ersten Mal seit ihrem Tod wurde meine Mutter zu einer Person außerhalb von mir. Statt im Schnee sah ich sie plötzlich in einem leichten, hellen Sommerkleid auf einer Straße von Mariupol gehen, mit nackten Armen und Beinen, die Füße in Sandalen. Ein junges Mädchen, das nicht am kältesten und dunkelsten Ort der Welt aufgewachsen war, sondern in der Nähe der Krim, an einem warmen südlichen Meer, unter einem Himmel, der vielleicht dem über der italienischen Adria glich. Nichts erschien mir so unvereinbar wie meine Mutter und Süden, meine Mutter und Sonne und Meer. Ich musste alle meine Vorstellungen von ihrem Leben in eine andere Temperatur, in ein anderes Klima übertragen. Das alte Unbekannte, es hatte sich in ein neues Unbekanntes verwandelt.

 

S. 11 – S. 14 in der Buchausgabe

 

[…]

 

Die längste Zeit meines Lebens hatte ich gar nicht gewusst, dass ich ein Kind von Zwangsarbeitern bin. Niemand hatte es mir gesagt, nicht meine Eltern, nicht die deutsche Umwelt, in deren Erinnerungskultur das Massenphänomen der Zwangsarbeit nicht vorkam. Jahrzehntelang wusste ich nichts von meinem eigenen Leben. Ich hatte keine Ahnung, wer all die Leute waren, mit denen wir in verschiedenen Nachkriegsghettos zusammenwohnten, wie sie nach Deutschland gekommen waren: all die Rumänen, Tschechen, Polen, Bulgaren, Jugoslawen, Ungarn, Letten, Litauer, Aserbaidschaner und viele andere, die sich trotz babylonischer Sprachverwirrung irgendwie untereinander verständigten. Ich wusste nur, dass ich zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war. In der deutschen Schule hatte man uns beigebracht, dass die Russen Deutschland überfallen, alles zerstört und den Deutschen ihr halbes Land weggenommen hätten. Ich saß in der hintersten Reihe, neben Inge Krabbes, mit der auch niemand etwas zu tun haben wollte, obwohl sie eine Deutsche war, aber sie trug schmuddelige Kleider und roch schlecht, und die Lehrerin vorn am Pult erzählte, dass die Russen ihrem Verlobten die Augen mit glühenden Kohlen ausgebrannt und kleine Kinder mit ihren Stiefeln zertreten hätten. Alle Köpfe drehten sich nach mir um, selbst Inge Krabbes rückte ein Stück von mir ab, und ich wusste, nach Schulschluss würde wieder die Jagd beginnen.

 

Meine Lügen konnten mir längst nicht mehr helfen, ich zählte nicht nur zu den russischen Barbaren, sondern war längst als Hochstaplerin enttarnt. Um mich in den Augen der deutschen Kinder aufzuwerten, hatte ich ihnen erzählt, meine Eltern, für die ich mich so schämte, seien gar nicht meine wirklichen Eltern, sie hätten mich auf ihrer Flucht aus Russland im Straßengraben gefunden und mitgenommen, in Wirklichkeit würde ich aus einer reichen russischen Fürstenfamilie stammen, die Schlösser und Güter besaß, wobei ich zu erklären versäumte, wie ich als Fürstenkind in den Straßengraben geraten war, aber für einen Tag oder ein paar Stunden war ich ein verkanntes, geheimnisvolles Wesen, das die staunende Bewunderung der deutschen Kinder genoss. Irgendwann durchschauten sie mich natürlich, und dann jagten sie mich erst recht, die kleinen Rächer des untergegangenen Dritten Reiches, die Kinder der deutschen Kriegerwitwen und Naziväter, sie jagten sämtliche Russen in meiner Gestalt, ich war die Verkörperung der Kommunisten und Bolschewiken, der slawischen Untermenschen, ich war die Verkörperung des Weltfeindes, der sie im Krieg besiegt hatte, und ich rannte, rannte um mein Leben. Ich wollte nicht sterben wie Dschemila, die kleine Tochter der Jugoslawen, die die deutschen Kinder auch gejagt und eines Tages in die Regnitz gestoßen hatten, in der sie dann ertrunken war. Ich lief und zog eine Woge von Kriegsgeheul hinter mir her, aber ich war eine geübte Sprinterin, inzwischen hatte ich beim Laufen nicht einmal mehr Seitenstechen, sodass es mir meistens gelang, meine Verfolger abzuhängen. Nur bis zu den Kiesgruben musste ich kommen, wo die Grenze zwischen der deutschen Welt und der unseren verlief, hinter den Kiesgruben begann unser Hoheitsgebiet, unsere Terra incognita, auf die außer der Polizei und dem Briefträger noch nie ein Deutscher seinen Fuß gesetzt hatte, auch die deutschen Kinder trauten sich nicht dorthin. Vorn bei den Kiesgruben ging von der asphaltierten Straße ein Trampelpfad ab, der zu den «Häusern» führte. Ich wusste nicht, warum die Deutschen unsere steinernen Blocks so nannten, «Häuser», vielleicht war es die Unterscheidung zwischen uns und den Zigeunern, die noch weiter draußen in Holzbaracken wohnten. Sie standen noch eine Stufe unter uns und lösten in mir ein ähnliches Grausen aus wie wir wahrscheinlich in den Deutschen.

 

Sobald ich die magische Grenze passiert hatte, war ich in Sicherheit. Hinter der Kurve, wo meine Verfolger mich nicht mehr sehen konnten, ließ ich mich ins Gras fallen und wartete, bis mein rasendes Herz sich beruhigt hatte, bis ich wieder atmen konnte. Für diesen Tag hatte ich es geschafft, an den nächsten dachte ich jetzt noch nicht. Ich trödelte so lange wie möglich, trieb mich an den Flussauen herum, ließ flache Steine über das Wasser der Regnitz springen, stopfte mir Sauerampfer in den Mund, nagte die rohen Futtermaiskolben ab, die ich von den Feldern stahl. Ich wollte nie nach Hause. Ich wollte weg, immer nur weg, seit ich denken konnte, meine ganze Kindheit wartete ich nur aufs Erwachsenwerden, damit ich endlich wegkonnte. Ich wollte weg aus der deutschen Schule, weg aus den «Häusern», weg von meinen Eltern, weg von allem, das mich ausmachte und mir vorkam wie ein Versehen, in dem ich gefangen war. Selbst wenn ich hätte wissen können, wer meine Eltern und all die anderen waren, zu denen ich gehörte, ich hätte es nicht wissen wollen, es interessierte mich nicht, nichts weniger als das, ich hatte damit nichts zu tun. Ich wollte nur weg, nichts wie weg, alles für immer hinter mir lassen, mich endlich losreißen in mein eigenes und eigentliches Leben, das mich irgendwo draußen in der Welt erwartete.

 

S. 24 bis S. 27 der Buchausgabe

 

[…]

 

Es gibt Arbeitskolonnen, die selbständig gehen dürfen, und es gibt solche, die von Wachpersonal begleitet, durch Beschimpfungen und Prügel angetrieben werden. In den Straßen klappern die Holzschuhe, die die Frauen an den Füßen tragen. Die gefürchteten Holzschuhe, zu denen es keine Alternative gibt, wenn die eigenen, von zu Hause mitgebrachten Schuhe abgetragen sind. Dann bleiben nur die Holzschuhe, die man teuer bei der Betriebsleitung kaufen muss, die schiffchenartigen, harten Pantinen, die die Füße deformieren, bei jedem Schritt schmerzen und scheuern. Wenn man Pech hat, bilden sich an den Füßen Entzündungen und Geschwüre, und wer seinen Weg zum Arbeitsplatz nicht mehr schafft, wer krank wird, läuft schnell Gefahr, ausgesondert zu werden und zu sterben. Einige Frauen nehmen die Schuhe in die Hand und gehen barfuß, weil sie sonst das Tempo nicht halten könnten. Manchmal singen sie leise beim Gehen, das Singen sind sie gewohnt von zu Hause, dort singt man fast immer, auf den Feldern, in den Wohnungen, auf den Straßen. Auch meine Mutter singt, mit ihrer schönen, hellen Sopranstimme, mit der ich sie später noch so oft werde singen hören, jetzt ist es wohl mehr ein Summen, wie Franz Fühmann es hörte auf dem ukrainischen Bahnhof, bevor die Frauen in die Viehwaggons verladen wurden. Sie trägt ein Kopftuch wie alle Frauen, vielleicht noch ein eigenes, aus Mariupol mitgebrachtes Kleid. Aber vielleicht sind ihre Sachen auch schon durchgescheuert, zerrissen, und an ihrem mageren, halb verhungerten Körper schlottert ein Arbeitsanzug aus dunklem Drillich, an den Füßen das starre, scheuernde Holz. Werden die deutschen Anwohner der Straßen, durch die sich die Kolonnen der Zwangsarbeiter auf dem Weg zur Arbeit bewegen, nicht Morgen für Morgen geweckt von dem Geklapper der vielen Holzschuhe draußen auf dem Pflaster?

 

In der Werkhalle erwartet sie ein zwölfstündiger Arbeitstag. Ich erinnere mich an den ständigen Streit zwischen ihr und meinem Vater, der verlangte, dass sie arbeiten gehen sollte, um Geld dazuzuverdienen wie die meisten anderen Frauen in den «Häusern». Sie weinte, weil sie sich dazu nicht in der Lage fühlte. Wahrscheinlich hatte das Arbeitslager ihre Gesundheit und ihre Nerven für immer ruiniert, allein das Wort Fabrik löste bei ihr Panik aus. Einmal versuchte sie es trotzdem, sie ließ sich in einer Rollladenfabrik anstellen, aber nach einer Woche brach sie zusammen.

 

S. 267 bis S. 268 der Buchausgabe

Auszug aus: Natascha Wodin, „Sie kam aus Mariupol“ 

Copyright © 2017 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Mariupol: Neuinterpretation der Identität (Politik, Gesellschaft, Erinnerung)

Nicht Ukraine und nicht Rus,

ich habe Angst vor dir, Donbas

 

Diese Zeilen, die der Donezker Literaturwissenschaftler Alexander Korablew zitiert, sind lange vor dem Krieg entstanden. Sie spiegeln sehr plastisch die Wahrnehmung dieser Region durch ukrainische Intellektuelle wider. In diesen Zeilen werden drei kulturelle, territoriale, identitätsbezogene Realitäten ausgedrückt – Ukraine, Russland, Donbas. Der Donbas steht hier als etwas Drittes da. Etwas Anderes, Unverständliches, Bedrohliches.

 

Findet sich in diesen drei Realitäten auch ein Platz für Mariupol? Das Paradoxe daran ist, dass Mariupol in verschiedenen Perioden seiner Geschichte ein Teil von diesen drei Identitäten war, ihre Eigenschaften verinnerlicht hatte, aber mit keiner von den dreien vollständig verschmolz. Deswegen muss diese Triade meiner Meinung nach um ein viertes Element ergänzen werden. Das vierte Element ist Mariupol, aber seine Selbstwahrnehmung ist unscharf, verschwommen zwischen den drei Identitäten, nicht endgültig herausgebildet. Es bildet keinen Gegenpol zu der Triade als etwas Anderes, es schaut wie ein Schatten hinter dem „Rücken“ jeder dieser Identitäten hervor – der ukrainischen, der russischen und der sogenannten „Donbasser“.

 

In der Politikwissenschaft und in der Geopolitik gibt es den Begriff „borderland“ – ein Grenzgebiet, ein spezifisches Territorium, das mit den Nachbarn eng verbunden ist und von ihnen einige wirtschaftliche und kulturelle Eigenschaften übernimmt.

 

Wenn man den Donbas als Grenzgebiet zwischen der Ukraine und Russland betrachten kann, so kann man Mariupol als „borderland“ im „borderland“ bezeichnen, als Grenzgebiet zwischen der Ukraine, Russland und dem Donbas. Die Identität des Grenzlandes ist beweglich. Auf den ersten Blick kann man sie leichter steuern, tatsächlich aber wird ein Grenzland nie auf seine Eigenschaften verzichten. Wie es schon Napoleon formuliert hat: „Geografie ist Schicksal.“

 

Um zu verstehen, wie sich Mariupols Geografie mit kulturellen Inhalten und Symbolen füllte, sollten wir uns der Geschichte dieser Stadt zuwenden. Man kann einige Zeitperioden markieren, die das besondere „Gesicht“ der Stadt geprägt haben.

 

Die erste Periode: „griechisch“ (Ende des 18. bis Anfang des 19. Jahrhunderts). Bis heute streitet man über das Datum der Stadtgründung. Laut der offiziellen Sichtweise wurde Mariupol 1778 gegründet. Die alternative, sogenannte „griechische“ Version lautet: Die Stadt wurde von Griechen 1780 gegründet. Jedenfalls war die Rolle der Griechen bei der anfänglichen Herausbildung des Stadtraums entscheidend.

Charakteristisch für diese Periode sind folgende Merkmale:

1. Kirchliche und in einem gewissen Maße territoriale Autonomie.

2. Überwiegender Anteil von ethnischen Griechen an der Gesamtbevölkerung.

3. Enge Bindung an das bäuerliche Umland und das Meer im wirtschaftlichen Leben, die Anfänge der Kaufmannschaft.

4. Entstehen von „Mythen“ und „Helden“. „Russland hat seine Glaubensbrüder – christliche Griechen – vom Tatarenjoch gerettet“, ihr geistlicher und politischer Führer Metropolit Ignatius, der die Umsiedlung von der Krim organisiert hat, gilt als „Moses“ der Griechen von Mariupol.

 

Die „griechische“ Periode der Stadtgeschichte unterscheidet Mariupol stark von anderen Städten im Donbas, die auf eine ganz andere Entstehungsgeschichte zurückblicken. Andererseits soll ihr Stellenwert in der heutigen Erinnerungskultur der Stadt nicht überbewertet werden. Ihre Symbole und „Mythen“ sind vor allem in der griechischen Gemeinde aktuell.

 

Die zweite Periode: „imperial“ (die erste Industrialisierungswelle, Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1917)

Wichtige Merkmale:

1. Abschaffung der „griechischen Autonomie“ und Russifizierung.

2. Bau der Hüttenwerke „Nikopol“ und „Providence“.

3. Änderung der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung, Zuwanderung der Fabrikarbeiter aus russischen Gouvernements (Ukrainer zogen weniger gerne in die Städte um und blieben lieber der Landwirtschaft verbunden).

 

In dieser Zeit werden die Grundzüge des modernen Stadtbilds gelegt: Russisch als dominante Sprache, industrieller Charakter der Wirtschaft und „proletarischer“ Charakter von Alltag und Freizeit eines Großteils der Stadtbevölkerung, enge wirtschaftliche Bindung an den Donbas. Die geschichtliche Erinnerung und Symbole aus dieser Zeit, die heute betont werden, sind der Wasserturm als Stadtzeichen oder die Architektur im Stadtzentrum. Die Mitarbeiter des Landeskundemuseums legen besonderen Wert vor allem auf die „imperiale“ Periode.

 

Die dritte Periode: Revolutionszeit (1917-1920)

Charakteristische Merkmale:

1. Wiederholte Machtwechsel (gilt auch für das gesamte ehemalige Russische Reich).

2. Starker Einfluss der Bolschewiken (Kommunisten) wegen des hohen Anteils des Proletariats.

3. Eine sehr starke Machno-Bewegung (Nestor Machno, Anarchist, Anführer der Bauernaufstände in der Revolutionszeit).

 

Da sich die Sowjetmacht am Ende dieser Periode durchsetzen konnte, wurde anschließend eine kommunistische Mythologie für diesen Abschnitt der Stadtgeschichte geschaffen – mit Akteuren der revolutionären bolschewistischen Bewegung als Helden (Kusma Apatow, Warganow, Petrowskij). Man gestaltete den Stadtraum im Einklang mit der kommunistischen Ideologie. Als Beispiel dafür lässt sich der Gedenkstein für Mitglieder eines „Prodotrjad“ im Theaterpark anführen (“Prodotrjads” waren die von den Bolschewiken 1918-1920 ins Leben gerufenen paramilitärischen Trupps, die mit Zwangsrequirierungen der Lebensmittel bei Bauern beauftragt wurden).

Die sehr starke Machno-Bewegung wurde dagegen aus der offiziellen Geschichtsschreibung und geschichtlichen Erinnerung gestrichen und wird heute im Grunde genommen nicht mehr mit Mariupol assoziiert.

 

Die vierte Periode: sowjetisch (1921-1991, mit Unterbrechung durch die deutsche Besatzung 1941-1943)

Besondere Merkmale:

1. Zweite Industrialisierungswelle in den 1930er-Jahren, der Bau von „Asowstal“ trägt zur weiteren Betonung des „proletarischen Stadtbilds“ bei.

2. Herrschaft der kommunistischen Ideologie; die Stadt wird in Schdanow umbenannt (1948). Andrej Schdanow war kommunistischer Funktionär, Mitstreiter von Stalin, geboren in Mariupol.

3. Soziale und kulturelle Aspekte des städtischen Lebens werden vernachlässigt.

4. Russifizierung unter dem Motto des „Internationalismus“ und Ignorieren (nach einer kurzen Periode der „Korenizazija“) der ethnischen (griechischen) Wurzeln der Stadt.

 

Diese Zeit hat das heutige Mariupol am stärksten geprägt, und die Nostalgie nach der sowjetischen Vergangenheit wurde zu einem wichtigen Bestandteil der spekulativen Rhetorik in der unabhängigen Ukraine.

 

Die fünfte Periode: in der unabhängigen Ukraine bis zur Revolution der Würde (1991-2014)

Spezielle Merkmale:

1. Die formelle Zugehörigkeit zur Ukraine führte nicht zur Ukrainisierung des kulturellen und öffentlichen Raumes.

2. Das ideologische und identitätsbezogene Vakuum nach der Abkehr von der kommunistischen Ideologie wurde aus mehreren Richtungen gefüllt:

A. Aktualisierung der griechischen Komponente in der Stadtentwicklung dank der aktiven Tätigkeit der griechischen Gemeinde und Unterstützung aus Griechenland (in den 1990er-Jahren). Das passte zur Tendenz der sogenannten „pluralistischen Kultur“ der Stadt, tatsächlich war es aber ein neues ideologisches „Abwehrinstrument“ gegen die Ukrainisierung.

B. Mit dem Aufstieg einer starken regionalen Elite (finanziell-industrielle Gruppe von Rinat Achmetow und lokale Politiker) wurde das Konzept der „Donbasser regionalen Identität“ und des „Donbasser Patriotismus“ entwickelt. Kennzeichnend für diese Identität sind eine doppelte ethnische Zugehörigkeit (die Mehrheit der Bevölkerung hat gemischte russisch-ukrainische Wurzeln); ein äußerst niedriger Stellenwert der ethnischen Identität in der Hierarchie unterschiedlicher Identitäten; Priorität für territoriale und soziale Identität; Russischsprachigkeit; komplementäres Verhältnis zur sowjetischen Vergangenheit; industrielle Kultur; patriarchales Bewusstsein; hohe Loyalität zu lokalen Eliten („Bandit, aber unser Bandit“)

 

Die regionalen politischen Eliten haben aus diesen Merkmalen ein einheitliches Konzept für eine „Donbasser Identität“ konstruiert und dabei zwei Ziele verfolgt: eine ideologische Begründung für die bedingungslose Herrschaft in der Region und die Erpressung politischer Gegner im Wahlkampf durch Andeutungen eines möglichen Separatismus.

 

Mariupol wurde zweifellos in den territorialen Rahmen von diesem Donbas eingegliedert. Diese Prozesse wurden intensiver, nachdem sämtliche Hüttenwerke in die Hände von Achmetow, und der Stadtrat vollständig unter die Kontrolle der „Donezker“ gerieten.

Einerseits passten mehrere Elemente der Donbasser Identität zur Weltanschauung vieler Stadteinwohner, was die Propaganda der regionalen Eliten noch verstärkte. Andererseits gehört Mariupol weder geografisch noch historisch zum Kohlerevier Donbas. Dieses Argument fand aber keine große Verbreitung.

 

Die sechste Periode: militärisch (ab 2014)

 

Die „Revolution der Würde“ zerstörte das Machtmonopol der Partei der Regionen in der Stadt und förderte die Entstehung einer aktiven Zivilgesellschaft.

Eine Folge des Krieges war die Präsenz der Armee und der freiwilligen Bataillone in der Stadt. Das führte zu einer einmaligen Situation – zu einer Neuinterpretation der Identität zugunsten der ukrainischen Komponente.

 

Sergej Pachomenko

Interview mit Felix Stephan über sein Buch „Slawa und seine Frauen“

– Erzähle uns bitte zuerst: Wie hat diese ganze Geschichte angefangen?

 

F.S.:

Das hat so angefangen, dass meine Mutter mit 15 Jahren herausgefunden hat, dass der Mann, der sich bis dahin als ihr Vater ausgegeben hat, nicht ihr wirklicher Vater ist. Sie hat aus einem vagen Verdacht heraus auf ihre Geburtsurkunde gekuckt und hat dann gesehen, dass dort „adoptiert“ steht. Sie hatte dann aber ihr ganzes Leben lang mit anderen Dingen zu tun: Abitur, Ehe, sie ist sehr früh Mutter geworden, hat ein Haus gebaut. Als sie ungefähr 50 war und die Kinder aus dem Haus waren, da hatte sie ein bisschen Zeit, sich auch darum zu kümmern, wer eigentlich ihr Vater ist. Sie hat herausgefunden, dass es sich um einen Ukrainer namens Wjatscheslaw Falbusch handelt, der außerdem Jude ist, und wir haben versucht den zu finden. Und das ging dann verblüffend einfach. Und weil ich ohnehin immer wieder versucht habe, Bücher zu schreiben über dieses und jenes, aber nie so richtig ein Thema hatte, war ich ganz dankbar, dass mir so ein Thema, so richtiger Stoff in die Hände fällt, eine konkrete, interessante Geschichte. Und dann habe ich mich entschieden, dass ich darüber gerne schreiben würde, habe sehr früh angefangen, Notizen zu machen, also mitzuschreiben, wie sich diese ganze Geschichte entwickelt hat. Nachdem wir den Kontakt hergestellt hatten, sind wir dann im Juli 2015 zum ersten Mal nach Uschhorod mit dem Auto gefahren und haben dort die Familie von Slawa Falbusch kennengelernt, der selbst leider schon sehr zu früh in 1990 im Alter von 56 an Herzinfarkt gestorben ist, aber eine große Familie hinterlassen hat. Er hat also eine Witwe namens Olga, er hat eine Tochter namens Ljuda, einen Sohn namens Alexander. Und Ljuda selbst hat schon wieder zwei Kinder – Katja und Kostja, meine Cousine und mein Cousin. Plötzlich hatten wir von einem Tag auf den anderen eine große ukrainische Familie, die uns sehr offen und herzlich aufgenommen hat. Das war sehr bewegend.

 

— Und wusstest Du etwas über die Ukraine vor dieser Geschichte? Und was weiß ein durchschnittlicher Deutscher über die Ukraine?

 

F.S.:

Es gibt viele Migranten aus den Republiken der ehemaligen Sowjetunion, aus Russland, die in Deutschland leben. Es ist eine große Minderheit, eine große russischsprachige Minderheit, deswegen gibt es sehr viele verwandtschaftliche Beziehungen. Sonst ist vor allem Russland ein Begriff und die Sowjetunion natürlich. Auch für mich war die Ukraine kein Land, über das ich viel nachgedacht habe. Für mich waren Frankreich, die USA, Großbritannien oder China immer interessanter, ich habe mich in Richtung dieser Länder orientiert. Aber im Jahre 2014 drehte sich das. Es war ganz verblüffend, dass die Ukraine so kraftvoll in mein Leben getreten ist, einerseits auf der persönlichen Ebene, aber andererseits auch auf der politischen, weil die Revolution des Maidan, die Annexion der Krim und der Krieg im Donbas auch in Deutschland natürlich riesige Themen sind und lange jeden Abend in Nachrichten waren.

 

– Wie hat diese ganze Geschichte deine Selbstidentität beeinflusst? Ist die Frage der Nationalität überhaupt wichtig für Dich?

 

F.S.:

Ja. Am Anfang dachte ich, dass diese Geschichte in erster Linie für meine Mutter bedeutsam ist. Dass ihr Vater Jude ist und Ukrainer, das hatte natürlich auch Auswirkungen auf ihr Selbstbild. Sie selbst war als Atheistin großgezogen worden, ganz typisch im ostdeutschen Kommunismus. In Polen gab es viele Katholiken, Ostdeutschland aber wurde gründlich entchristianisiert. Als sie ihre ukrainische Familie erstmals getroffen hat, fühlte sich meine Mutter sofort zuhause, wirklich sehr familiär. Sie hatte das Gefühl, dass bestimmte Kindheitserinnerungen wach wurden, obwohl sie diese nicht gehabt haben kann. Das war teilweise auch ein bisschen magisch und natürlich eine große Sache für sie. Sie fing dann an, alles über die Ukraine zu lesen, Bücher über Lemberg und Galizien, Romane von Josef Roth. Mittlerweile ist sie da Expertin und kann wahrscheinlich mit jedem Professor diskutieren. Und weil ein Teil der Familie mittlerweile auch in Israel lebt, ist sie auch dorthin gefahren und hat ihren Bruder besucht und sich natürlich auch mit dem Judentum auseinandergesetzt. Hin und wieder sucht sie jetzt auch Anschluss an die jüdische Gemeinschaft in Berlin, die stark von Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion geprägt ist.

 

– Ja, aber was bedeutete es persönlich für Dich?

 

F.S.:

Je länger die Sache dauert, desto mehr merke ich, dass es natürlich auch mit mir zu tun hat, auch wenn ich es schwer festmachen kann. Ich kann das nicht genau formulieren. Aber dass eine neue Familie da ist, die natürlich ein Teil von meinem Selbst ist, dass man Kontakt mit denen hat, das ändert natürlich die Selbstwahrnehmung. Über meine Mutter heißt es im Buch, „dass sie ein Stückchen weniger eine Deutsche ist, und ein Stückchen mehr eine in Deutschland aufgewachsene Halbukrainerin“. Was natürlich vieles ändert. Hinzu kommt, dass man über seine jüdische Identität auch nie ganz allein entscheidet. Für Antisemiten reicht der jüdische Großvater, sie identifizieren einen dann als Juden. Im nationalsozialistischen Vokabular wäre ich jetzt Vierteljude. Deswegen ändert es natürlich etwas. Aber es ist aber noch alles sehr undeutlich.

 

– Du warst also zuerst in Uschhorod, zweimal, dann in Lwiw, in Kyjiw und jetzt in Mariupol. Fühlst Du Unterschiede zwischen diesen Städten?

 

F.S.:

Es ist schwer zu sagen nach so kurzer Zeit. Ich hatte das Problem, dass ich so wenig über dieses Land und seine Geschichte wusste, dass es eigentlich unverschämt von mir ist, darüber ein Buch zu schreiben. Wer bin ich denn? Wir haben einen so großartigen Osteuropahistoriker wie Karl Schlögel und ich habe ihm, als ich ganz am Anfang des Buches stand, eine E-Mail geschrieben, ob er mir ein paar Fragen beantworten möchte. Und er hat tatsächlich auf diese E-Mail geantwortet und hat mich gefragt: Welche Fragen haben Sie denn? Und ich habe festgestellt: Ich weiß es nicht mal, ich konnte ihm keine konkrete Frage stellen. So naiv war ich. Dann habe ich angefangen Karl Schlögel zu lesen, Timothy Snyders „Bloodlands“, solche Sachen. Je mehr ich gelesen habe, desto mehr wurde es mir bewusst, wie wenig ich darüber weiß. Deswegen habe ich dann den Trick entwickelt, mit diesem Ich-Erzähler, der selbst auch nichts darüber weiß. So habe ich diesen Nachteil zum erzählerischen Prinzip des Romans gemacht, das heißt, wir haben jetzt einen Ich-Erzähler, der sehr westlich ist, sehr oberflächig, sehr narzisstisch, der sehr viel über sich selbst nachdenkt und über seine Probleme, die sehr harmlos sind im Vergleich zu den Problemen der Ukrainer, und der in diese Welt geworfen wird, in dieses Land, das im Krieg ist, das sich außerhalb dieser Wohlstandsinsel der EU befindet, in dem ganz konkrete materiale Not herrscht. Und in dieser Konfrontation konnte ich über diese Figur sehr gut erzählen. Die Ignoranz dieser Figur ist ein gutes Mittel.

 

– Du hast schon also eine persönliche ukrainische Erfahrung. Was bedeutet das für Dich?

 

F.S.:

Für mich ist es eigentlich ein riesiges Geschenk, dass ich so viel gelernt habe, über dieses großartige Land. Die Menschen, die ich kennengelernt habe, die Landschaften, die Städte, das alles habe ich nie gesehen hätte, vermutlich. Das ist extrem stimulierend, bereichernd und ein großes Geschenk.

 

– Was war für Dich die größte Überraschung in der Ukraine?

 

F.S.:

Es ist schwer zu sagen, weil ich kaum Erwartungen hatte. Vorher war ich einmal in Osteuropa, ich habe eine Tour gemacht, also von Istanbul über Bulgarien, Sofia, Bukarest und dann hoch in die baltischen Staaten, nach Vilnius und Riga. Das war das Osteuropa, die ich kannte. Ich hatte sozusagen einen Geschmack von den Städten der ehemaligen Sowjetunion auf der Zunge. Außerdem bin ich in Ostberlin aufgewachsen, vieles Sowjetische kam mir auch von dort bekannt vor. Gleichzeitig habe ich gemerkt, wie riesig die Dimensionen dieses Reiches gewesen sind. Es gab einen Moment, das wird im Buch auch erzählt, wo ich irgendwo im Hinterland von Uschhorod ein Haus finde, so ein Einfamilienhaus, das genau dasselbe Modell ist, was es auch bei uns in der DDR gegeben hat, und die stehen immer noch. Daran wird mir bewusst, wie riesengroß dieses Land ist, in dem dieselben Standards galten, und dieselben Vorlagen, und dieselben Muster. Das ist es, was ein Imperium auszeichnet. Das war eine große Überraschung. Aber insgesamt war die Geschichte selbst die größte Überraschung. Es war alles wahnsinnig überraschend, also jeder Schritt. Man gewöhnt sich an diese permanente Überraschung.

[…]

 

Interview mit Felix Stephan

geführt von seiner ukrainischen Übersetzerin Natalija Schymon (Uschhorod) und Iryna Rybko (Lwiw) während des vierten deutsch-ukrainischen Schriftstellertreffens von „Eine Brücke aus Papier“ in Mariupol, 31.08. bis 03.09.2018

Mariupol unter Beschuss

1. Kabakin

„Weißt du noch, wie die bei uns die Stadtverwaltung eingenommen und die Flagge der Donezker Volksrepublik gehisst haben?“, erzählt Kabakin, den ich schon zehn Jahre nicht mehr gesehen habe. „Und wir sitzen bei mir zu Hause und saufen. Da kommt der Bruder meiner Frau und sagt: ‚Ich komme gerade von der Stadtverwaltung.‘ ‚Und, was ist da los, erzähl mal?‘ ‚Na was schon, die diskutieren rum, wer Bürgermeister werden soll, wer was leiten soll … Willst du nicht?‘, fragt er mich. Und ich, schon ganz besoffen, sag: ‚Na los, nix wie hin!‘ ‚Und du fährst?‘ Ich sag: ‚Ja, los, komm‘. Scheiß drauf, dass meine Frau mich abhalten wollte: ‚Lass uns lieber hier bleiben‘.“

„Bürgermeister, Scheiße, Mann!“, brüllt Schkar. „Bürgermeister, von Mariupol, Alter!“

Wir brüllen los.

„Also, da kam dann so ein Opi, der wollte da die Führung übernehmen“, setzt Kabakin seine Geschichte fort. „Den haben sie schnell plattgemacht. Nach drei, vier Wochen saß der schon.“

„Wie, das hat mehrere Tage gedauert?“, hake ich nach.

„Nee, die haben zwei, drei Wochen hier rumgesessen.“

„Und du, Kabakin, hättest das auch gekonnt, ja.“

Wir lachen.

„Mit mir wäre vielleicht alles ganz anders gekommen“, sagt er. Soll wohl ein Witz sein.

„Klar, du würdest jetzt hinter Gittern sitzen“, kontert Schkar.

„Vielleicht hättest du die Lage ja unter Kontrolle gebracht?“

„Klar, anstelle von Donezk wäre jetzt Mariupol das Bollwerk des Donbass …“

„Mariupoler Volksrepublik.“

„MVR wäre das jetzt.“

Wir lachen wieder. Wir müssen einfach nur lachen.

„Und dann ist ,Asow‘ gekommen, ja?“, frage ich.

„Ja. Und wir haben den Abend davor auch gesoffen.“

Wir lachen.

„Nee, also noch davor, da wollte ich mich evakuieren lassen. Das war schrecklich. Als die Bullen weg waren und die angefangen haben, alles zu zerdeppern … die Läden zu plündern.“

„Wer hat da was zerdeppert?“, frage ich.

„Na diese Typen.“

„Mariupoler Volksrepublik.“

Wir lachen.

Kabakin war damals natürlich gar nicht zum Lachen zumute. Er hat auf dem Hauptplatz eine Bude mit allem möglichen Krempel. Ich nehme mal an, die Sorge um sein Familienunternehmen hat Kabakin veranlasst, sich auf seine kleinbürgerliche Klassenposition zu besinnen und sich aus der aktiven Politik zurückzuziehen. Von dem Traum von einer himmlischen MVR, dem Reich der Gerechtigkeit und der russischen Sprache, musste er sich verabschieden. Aber auch die schmierigen Klauen des Nationalbewusstseins wollte er nicht nach seiner Seele greifen lassen. Dafür war sein tiefer Hass auf die Amis, die diese Klauen zweifellos bewegten, einfach zu groß. Nein, er hatte Noam Chomsky nicht gelesen. Die Gefahr des amerikanischen Neoliberalismus, der zu einer Welttyrannei führt, hatte Kabakin schon vor vielen Jahren intuitiv erkannt. Wir hatten uns irgendwann mal zum Saufen getroffen. Und da kommt er aus dem Laden gelaufen, mit einer doppelten Dosis Wodka und freudigem Geschrei: „Meine Fresse! Habt ihr gesehen, wie Amerika zerschmettert wird?! Habt ihr das gesehen?!“ Das war am 11. September 2001.

„Das Stärkste ist dann am 9. Mai passiert“, erzählt Kabakin weiter. „Als wir befreit wurden. Als ‚Asow‘ die Stadtverwaltung zerdeppert hat. Die ist in Flammen aufgegangen und diese ganze Volksrepublik ist auf die Georgijewska umgezogen. Das siebente oder sonst wievielte Unigebäude. Dort haben sie ihren Stab eingerichtet. Die Kreuzung mit Autoreifen blockiert. Niemanden durchgelassen. Und das ist nach dem neunten noch einen Monat so weitergegangen.“

„Aha. Die haben sich also nach dem neunten noch gehalten?“

„Ja. Und im Sommer sind die ,Asow‘ dann über die Lenin bis zur Kreuzung mit der Georgijewska gefahren. Und von da haben sie dann von den LKWs gefeuert. Die hatten Großkalibergewehre. Einer ist rangefahren, die haben einen Streifen abgedonnert, dann ist er weiter. Dann kam der nächste und weiter ging’s.“

„Und die von der MVR, womit haben die gefeuert?“

„Mit gar nichts. Die wurden den Tag davor evakuiert. Denen hatten sie gesagt: ,Ihr seid hier am Arsch.‘ Die haben sich fast alle verpisst. Fünf oder sechs Krüppel sind dageblieben, das Ganze bewachen … Die wurden plattgemacht und festgesetzt. Und so wurde Mariupol befreit.“

Lacht.

 

2. Arsenij und Lesch

„Weißt du, ich bin da vor zwei Jahren mal in so eine Sache reingeraten, als das alles angefangen hat …“, erzählt Arsenij. „Ich und Andrjucha. Wir sind da hingefahren … Unsere Jungs waren da bei der Militärkaserne. Da sollten wir irgendwas abgeben. Wir standen am Eingang und die Militärs waren ja gerade alle abgehauen und da wurde geplündert. Ich sag dir – das Tor sperrangelweit auf und alles wird rausgetragen.“

Wir lachen.

„Die Autos fahren da einfach so rein. Und ich sage: ,Was ist denn hier los?‘ Na los, komm …“

Arsenij hatte ich zufällig 2016 am Stadion Iljitschjowez getroffen. Gerade war der blökende Sänger Wakartschuk mit seiner Band Okean Elsy nach Mariupol gekommen, um hier den Patriotismus zu fördern. Arsenij war von seiner Frau mitgeschleppt worden und ich von Lesch. Ich erzähle erst mal von Lesch.

Ich hatte überhaupt keine Lust, mich in die verrückte Schlange der Fans von pathetischem Pop einzureihen und so drehten wir in der Nähe des Sportkomplexes unsere Runden und diskutierten über den Krieg. Lesch ist mein bester Freund, aber an diesem Abend bemerkte ich auf einmal eine Art Fernsehstarsinn in seinen proukrainischen Überzeugungen. Der Mann machte völlig dicht. Mein vielleicht falscher, aber völlig harmloser Vorschlag, die Dinge mal von einer, sagen wir, etwas anderen Seite zu betrachten, wurde von ihm äußerst aggressiv aufgenommen. Lesch war eindeutig auf einen Krieg mit Eurasien eingestellt und einen Moment lang fürchtete ich sogar, dass er mich gleich wegen Gedankenverbrechen seinem Bekannten in Tarnanzug übergeben würde, dem wir zufällig über den Weg liefen. Also im Marketing gibt es ja diesen Begriff des Impulskaufs. Da kauft man irgendwas in Kassennähe und bereut es dann. Nun weiß ich nicht, ob Marketingexperten auch in Frontnähe arbeiten, aber Impulsübergaben sind schon vorgekommen. Lesch ist natürlich mein Freund, aber der Krieg ist doch der Raum des Unvorstellbaren … Ähm ja … Na, ist noch mal gut gegangen. Und da kommt uns Arsenij entgegen, der auch keine Lust auf die verschwitzte Menge hatte, die da schrie: „Kampflos ergeb ich mich nicht!“

„Wir also los“, setzt er seinen fesselnden Bericht fort. „Sind da rein. Und da geht’s echt wild zu. Die Heizkörper werden rausgebrochen für Altmetall. Die Plastikfenster rausgekloppt. Ich höre dieses Bumm. Bumm. In der Kaserne. Die machen einfach alles kaputt. Bumm. Bumm. Einfach so. Und wir, also uns wird ganz anders. Und ich so: ,Also was soll denn das?!‘ Ich geh da rein und sag: ‚Was soll das, Leute? Was macht ihr da?!‘

„Hättest du dir sparen können“, bemerkt Lesch.

Wir lachen.

„Ja, ich sag wirklich zu denen: ,Seid ihr denn noch bei Verstand! He! Wo willst du mit der Kiste hin?!‘ Da trägt nämlich einer eine Kiste mit Feldspaten zum Ausgang. Und ich bin echt schon kurz vorm Durchdrehen, verstehst du. Ich stürze auf ihn zu, greife mir einen Feldspaten: ,Ich schlag dir gleich den Schädel ein! Lass das fallen!‘ Er schmeißt die Schaufeln hin. ,Sieh zu, dass du wegkommst, Mann!‘ Ich jage ihn weg, er haut ab. Ich sag: ,Andrjucha, mach das Tor zu!‘ Andrjucha macht das Tor zu. Verriegelt es. Ich brülle los: ,Seht zu, dass ihr Land gewinnt!‘ Und schwinge den Spaten, rufe: ,Ich mach’ gleich Hackfleisch aus Euch!‘ Ich jag die also raus. Da fährt ein Auto zum Tor. Vollgepackt. Ich zu denen: ,Aufmachen, alles raus.‘ Also, die haben das ja alles gesehen. Laden Berge von Zeug aus dem Kofferraum. Ich lass sie raus. So nach einer dreiviertel Stunde war ich fertig.“

Wir lachen.

„Und dann hast du das alles aufgesammelt und verkauft“, witzelt Lesch.

Arsenij ignoriert ihn: „In einer dreiviertel Stunde hab ich da fünfzig Leute weggejagt. Mit einem Feldspaten.“

„Und hattest du Schiss?“, frage ich.

„Eigentlich nicht, weißt du. Irgendwie hab ich die Meute in den Griff gekriegt.“

Wir lachen.

„Aber wenn da so einer gekommen wäre und gesagt hätte: ,Du, jetzt hör mal zu!‘“, sagt Lesch.

„Na, einer von der Sorte war da. Den hab ich aber auch in den Griff gekriegt.“

Wir lachen.

„Und dann sind drei in Sturmhaube gekommen. So Revolutionäre. Nach Waffen suchen. Irgendwie war mir klar, dass ich die allein nicht verjagt kriege. Die sind dann irgendwohin … Waffen haben sie keine gefunden und als sie dann zurückkamen, hab’ ich ihnen Spaten gegeben und da waren sie auf meiner Seite.“

Wir lachen.

„Also so war das. Eine Lebenserfahrung. Interessant. Danach war ich aber ganz schön erschöpft. Als ob ich einen ganzen Waggon voller Säcke abgeladen hätte. Und Andrjucha sagt dann so zu mir: ,Da hast du ja eine Passion an den Tag gelegt! Passion, genau! Ich hab dir zugeguckt und da ist mir diese Theorie von der Passionarität wieder eingefallen.‘“

Wir lachen.

„Und was ist mit dem Bürgerkonflikt? Dem Bürgerkrieg?“, will Lesch wissen, dem unser jüngster Disput keine Ruhe lässt. „Wie ist das jetzt mit der anderen Seite, die da geplündert hat? Prorussisch eingestellt, wenn ich das recht sehe. Oder proukrainisch?“

„Ist das nicht egal?“, lacht Arsenij.

„Ich will einfach nur wissen, wer da geplündert hat.“

„Also, ich glaube, wenn achtzig Prozent in Mariupol prorussisch sind, dann werden’s wohl solche gewesen sein.“

Offensichtlich braucht Lesch die Fähigkeit zum Doppeldenk, um weiter an seiner Auffassung festhalten zu können.

„Ach, ganz normales Gesindel“, resümiert Arsenij. „Ich zum Beispiel bin ein prorussischer Vollidiot mit Brief und Siegel. Und ich bin mit einem Spaten auf solche wie mich losgegangen.“

Wir lachen.

 

3. Der Dichter Woschtschjow

Der Dichter Woschtschjow säuft jeden Tag. Außerdem hat er einen alten Laptop.

„Du klingst wie in Watte gepackt“, sage ich zu ihm über Skype.

„Hab ja auch nur Watte im Kopf, was will man da erwarten“, antwortet Woschtschjow in tristem Frohsinn.

Wenn er weiter Gedichte schreiben und mit seinen Kollegen in Kontakt bleiben würde, wäre er vielleicht auf der richtigen Seite. Aber wegen des unschicklichen Zustandes seines Organismus und Bewusstseins ist Woschtschjow in den Mariupoler Intellektuellenkreisen zur Persona non grata geworden. Außerdem hat er im Suff mehrmals die feinfühlige Dichterin Adelaida Arens beleidigt, und jeder Versuch sich zu entschuldigen, wozu Woschtschjow unermüdlich Gelegenheiten sucht, macht alles nur noch schlimmer. Nun hat sogar Adelaidas Mann, der Mykola Chwyljowyj ähnelnde Dichter Daniil Ruschajlo, geschworen, ihm bei nächstbester Gelegenheit die Fresse zu polieren. Im Endeffekt hat Woschtschjow nun keinen Zugang mehr zu den progressiven Errungenschaften humanistischen Denkens, die Watte und andere unanständige Materialien umhüllen ihn in immer größer werdenden Zotteln. Für meinen Geschmack macht ihn das zu einem viel interessanteren Gesprächspartner als irgend so ein gestriegelter anerkannter „Künstler“, der treu ergeben seine Plattitüden herbetet. Woschtschjow merkt man einen primordialen Drang zur Wahrheit an. Mich inspiriert das.

Die Scheiße ist bloß, dass man ihn über Skype so schlecht versteht.

„Stalin wird doch sowieso mit Dreck beworfen“, sage ich zu Woschtschjow in Fortsetzung unseres Gesprächs. „Deshalb finde ich es natürlich langweilig, mich denen anzuschließen. Aber ich glaube, dass ich unter Stalin bestimmt gesessen hätte, weil ich auf dem Klo gern mal verbotene Literatur lese und auch ab und zu mal was schreibe. Sollen die den Schnauzebart ruhig stürzen, irgendwer muss ja die intellektuelle Routinearbeit erledigen.“

„Ich will doch die Stalinzeit gar nicht idealisieren, Witalik“, antwortet Woschtschjow aus den Tiefen seines digitalen Brunnens. „Da waren natürlich alle am Arsch. Aber ich finde, das Böse, das Stalin gemacht hat, das war irgendwie … na ja, vielleicht natürlicher und nicht dieses unmenschliche, völlig satanische Böse von Hitler. Überleg doch mal, Lampenschirme aus Menschenhaut oder Gaskammern. Das ist doch nun echt. Der reinste Satanismus.“

„Da hast du wohl recht“, antworte ich Woschtschjow, wobei ich seine neueste Erkenntnis gründlich abwäge. „Und was ist dann Stalin?“

„Ein Rowdy und Tyrann. Aber er ist rechtzeitig an die Macht gekommen, um Hitler zu besiegen. Das Böse konnte nur von einem anderen Bösen besiegt werden.“

Ich bin von Natur aus Idealist, weshalb mir Woschtschjows eigenwillige Denkrichtung gefällt.

„Meinst du den zweiten Weltkrieg?“

„Ja. Da haben zwei Uizraor miteinander gekämpft.“

„Zwei was?“

„Ui…a… schon mal gehört?“

Ich verstehe wieder kein Wort.

„Daniil Andrejew: Die Rose der Welt“.

„Sag noch mal den Namen.“

„Die Rose der Welt.“

„Nein. Sag das Erste noch mal.“

„U…ao…“

Scheiße, das ist echt nicht zu verstehen!

„Da haben zwei Ui…or gekämpft, der germanische und der russische. Die schon hunderte von Jahren miteinander gekämpft hatten …“

Was ist denn das, verdammte Scheiße!

„… haben also tausend Jahre gekämpft. Das ist eine mystische Geschichtsauffassung, aber ich glaube trotzdem, dass da was dran ist.“

Ich versuche kurz, mich zu sammeln. Vielleicht ist das mein Fluch. Irgendein schwarzes Karma, das mich daran hindert, schöne Dialoge über das Jenseitige zu führen. Verdammt noch mal …

„Woschtschjow“, sage ich zu Woschtschjow. „Kannst du jetzt mal kurz abwarten und nicht weitererzählen?“

„Was ist denn?“

„Mir ist es wirklich wichtig, dieses Wort genau zu verstehen. Kannst du das jetzt mir zuliebe noch mal Silbe für Silbe wiederholen? Ich bitte dich wirklich sehr.“

„Uiz. Raor.“

„Uiz. Ragor?“

„Raor.“

Ich gebe das, was ich verstanden habe, in Google ein. Von wegen.

„Ein unterirdisches Wesen, das mit jedem Volk, jeder Nation …stellt“, erklärt Woschtschjow. Als ob mir das die Scheißsuche irgendwie erleichtern würde.

„Ja, Mann! Uizraor?“, schreie ich fast verzweifelt.

„Na, irgendwie so“, sagt Woschtschjow, selber schon etwas verunsichert.

Uizraror. Uiz. Raor. Verfickt. Das war jetzt echt nicht leicht.

„Du hast also nichts gegen eine mystische Geschichtsauffassung?“, frage ich und atme durch.

„Nicht nur das. Ich habe das Gefühl, dass das stimmt.“

„Also dass das zwei dieser Uizraoren sind, ja?“

„Ja. Unterirdische kriegerische Würmer. Da gibt’s einen amerikanischen, einen germanischen. Jedes Volk hat entsprechend seiner Größe einen eigenen Uizraor. Und der sowjetische Uizraor hat den germanischen besiegt.“

„Und dann hat der amerikanische den sowjetischen besiegt?“

„Nein, nicht besiegt. Aufs Kreuz gelegt. Zumindest teilweise. Aber jetzt steht der sowjetische als russischer wieder auf. Und mir gefällt das, ehrlich gesagt, sehr. Der amerikanische ist ein Zerstörer. Der hat nur seinen eigenen Wohlstand im Sinn. Der russische ist mehr auf Aufbau ausgerichtet.“

„Sag mal, und unsere integralen ukrainischen Nationalisten, diese unterirdischen Dämonen … Haben die auch so was? Die haben doch auch so was mystisch Okkultes an sich, oder?“

„In sehr geringem Maße.“

„Wieso bestreitest du das?“

„Ich habe nicht das Gefühl“, antwortet Woschtschjow einfach. „Ich glaube, die sind einfach ein Plagiat, an dem irgendwer Geld verdient.“

Ich fände es natürlich gut, wenn unsere Nationalisten auch ihren starken und gefährlichen Uizraor hätten. Das wäre viel interessanter. Aber in diesem Fall verhindert die Watte die Entfaltung von Woschtschjows mystischem Denken. An die Existenz eines gemeinschaftlichen, unabhängigen und selbständigen europäischen unterirdischen Wurms glaubt er nicht.

Abends lade ich eine Raubkopie der „Rose der Welt“ runter und lese, während mir die Augen zufallen, dass irgendwann eine Zeit kommt, die allen „… ein materielles Auskommen und einen einfachen alltäglichen Wohlstand bringt und in der sich grundlegende moralische zwischenmenschliche Beziehungen überall einstellen und keinen einzigen Menschen ausschließen werden. Die These, dass für ausnahmslos jeden Menschen Beschäftigung, Erholung, Freizeit, ein ruhiges Alter, eine würdige Unterkunft, die Nutzung aller demokratischen Freiheiten und die Befriedigung der grundlegenden materiellen und geistigen Bedürfnisse gesichert sein sollte, nimmt zügig Gestalt an …“

 

Witalij Tschenskyj

Aus dem Russischen von Lydia Nagel

Klaras Katze

Die Stadt verlassen oder nicht? An manchen Tagen war klar, dass es wohl sein muss. Mitte März wurde auf einer Kundgebung im Stadtzentrum Dmitrij Tschernjawskij umgebracht, ein ukrainischer Patriot, noch ein Junge. Hoffnung gibt es immer weniger, Kämpfer immer mehr. Sie werden von der lokalen Miliz und vom Geheimdienst unterstützt. Ein Großteil der Separatisten kommt aus dem kriminellen Milieu wie Gorki aus dem Volk. Dann sind da noch die Berater, die Mitarbeiter der russischen Geheimdienste, die professionellen Söldner und die Romantiker des Prozesses. Letztere können einem unendlich leidtun, was Chomas intellektuelle Zerrissenheit nur noch verstärkt.

Vielleicht haben sie ja recht, denkt er schwermütig. Vielleicht ist der Westen ja an allem schuld? Vielleicht ist er das. Aber aus irgendeinem Grund ist der Westen im Westen geblieben. Dafür kommen aus dem Osten immer mehr Leute. Die Kriminellen und die Verrückten der Stadt setzen sich durch. Nachts Schießereien und Plünderungen, tagsüber Losungen, Kundgebungen und Plakate. Suschkin betrachtete die Bewaffneten voller Angst. Sie waren dreist geworden von der Hochstimmung, die durch Waffen und Macht entsteht. Fühlten sich als Helden, weil sie eine Großstadt kampflos eingenommen hatten. Choma machte sich Gedanken um Europa, das an der Schwelle eines großen Krieges stand. Aber wenn er die betrunkenen Fremdarbeiter aus Rostow sah, dachte er, dass das Inferno seine Leute gefunden hat. Und bei allem, was passierte, machte ihm das am meisten Angst.

 

*

Das ganze Frühjahr und zu Beginn des Sommers kippte der von einer schrecklichen Zukunft erfüllte Himmel nach unten. Schluchzte im Regen. Es goss unerbittlich. Im Park neben dem Haus krochen so viele Nacktschnecken herum, dass einem ganz anders wurde. Die Schnecken und Regenwürmer wimmelten nur so durcheinander. Immer wieder liefen riesengroße, dreiste graue Mäuse über die Wege. In den fünfundvierzig Jahren, die Suschkin in dieser Stadt lebte, hatte er nie etwas Ähnliches gesehen. Die Obstbäume und auch die anderen trieben gleichzeitig Blüten, völlig ungeachtet der von der Natur dafür vorgesehenen Zeiten. Es blühten die Linden und Kirschen, die Faulbeer- und Apfelbäume, Kastanien und Flieder, Ebereschen und Aprikosen. So ungestüm und haltlos, dass einem die Tränen kamen. Die Natur verabschiedete sich vom Leben derer, die sich in den nächsten Monaten in die Erde legen sollten. Kompensationsmechanismen des Seins.

Von den Anhängern der Russischen Welt hielt sich Choma fern. Er konnte sich nicht in ihre Realität einleben. Sie blickten ihn mit den Augen von Aquariumfischen an. Schwammen vorbei auf den Wellen der Lethe, streiften mit ihren Flossen die Prospekte und Straßen, die Gebäude und Bäume, kosteten mit ihren weichen Lippen die Gehirne der Passanten. Sie hefteten ihren schwarz-roten Laich an die Mauern des Seins, an die Linden und Kastanien, die in voller Blüte standen. Sie brachten die wie Drahtseile gespannten Nerven ins Schwanken, sangen ihre Lieder, verbreiteten Unsinn, in den sich mitunter ein paar durchaus vernünftige Gedanken mischten. „Weg mit den Idioten!“ las Suschkin einmal auf einem schmuddeligen Transparent am Gebäude der Gebietsverwaltung. Ach ja, dachte er bewegt, das wäre doch gut. Die Frage ist nur, inwiefern das unter den Bedingungen der Okkupation machbar ist.

Und auf dem Platz schallende Stimmen. Ein sonniger Wind. Der Duft blühender Linden. Ein heiseres Lautsprecherecho. Das Heulen der riesigen Boxen. Verse sowjetischer Dichter und die Lieder der Kriegsjahre. Suschkin verspürte ein seltsames Wiedererkennen und verstand kurz darauf, worum es eigentlich ging.

Das Imperium hatte existiert und war verschwunden. Der Untergang war mit seiner Kindheit und Jugend zusammengefallen. Manchmal konnte man ein bisschen wehmütig werden, wenn man die farbigen Bildchen der Diashow betrachtete, auch Erinnerung genannt. Da sind Mama und Papa. Der Strand, die Nehrung, der Sommer im Tau, die Hände in den Himbeeren. Milch in Dreieckspackungen. Dickmilch in Glasflaschen. Das Politbüro. Die Knetemännchen aus den sowjetischen Trickfilmen. Das Märchen, wie dreißig Dreckskerle ihr Glück suchten. Aber der kleine Mann braucht keine Angst zu haben. Schlaf, mein Kleiner, heia heia, du bist doch Mamas Goldjunge. Die Kämpfer, die dieses Frühjahr in die Stadt gekommen waren, sahen schrecklicher aus.

Die Kundgebungen im Frühjahr verströmten einen bekannten Duft. Ein herbes Déjà-Vu. Was da in der Luft der Stadt Z lag, konnte man mit dem einfachen und warmen Wort „Schwindel“ bezeichnen. Es erinnerte an die roten Halstücher, die Fahnenappelle, an Sprechchöre voller Elan. Die Besten das sind wir hier, die Leninpioniere. Ein Albtraum, aber eher ein gleitender, wie der Wind an den Schläfen. Die Gehirne der Kinder berührt er kaum. Denn für sie ist das Wichtigste doch eine große Kindheit und nicht die traurige Tatsache, dass sich die Zionisten mit der amerikanischen Soldateska verschworen haben.

Ja, das war es. Stockfinster und dreist, typisch sowjetisch. Es nicht zu erkennen, war fast unmöglich. Es war immer dagewesen. In der Zeit, die die Sowjetunion brauchte, um mit dem vergossenen Blut zu versickern, war dieser Schwindel nie verschwunden. In den Neunzigern, als der langsam verfaulende Kommunismus überall stand wie kleine Aquarellpfützen, brach über Z eine Revolution der Kriminellen herein. Das Inferno erfüllte die Stadt wie ein schwarzer Penis einen weißen Hosenschlitz, fiel als pulsierendes Netz auf die Region, verschmolz mit dem Sowjetschwindel und verwandelte sich in etwas Drittes.

Auf den Fernsehschirmen wurde über die Unabhängigkeit der Ukraine geredet. Aber in Z wurde die Abhängigkeit immer stärker. Sie war drückend, beinahe narkotisch. Menschen kamen um, am Leben gebliebene, aber arg mitgenommene Geschäftsleute und Patrioten verließen die Region. Das Volk ließ sich nicht so einfach unterkriegen. Aber von wegen, ihr Kleinen, von wegen.

Haltet durch, Mitbürger, die Zukunft wird wunderbar, tönte der aktuelle Staatspräsident von den Bildschirmen. Aber die Einwohner von Z verschwanden einfach. Sie wurden auf verwilderten Friedhöfen verbuddelt. Aus nächster Nähe auf den in abendloses Licht getauchten Boulevards erschossen. Sie wurden einbetoniert, ertränkt, an den Bäumen der alten sowjetischen Schonungen aufgehängt. Ein schwarzer Wirbelsturm, der über der Stadt kreiste, sog sie ein. Und trug sie fort in wundersame Weiten, von denen Choma nur eine sehr vage Vorstellung hatte. In die Stadt Z kam das Inferno, und die Sonnenuntergänge waren wunderschön. Und die Zeit verging wie immer, aber jetzt stand nicht mehr das Gesetz über allem, sondern der Mafia-Kodex.

Und nur die Kuppeln der Kirchen. Die frühen und die späten Liturgien. Glockengeläut, Sturmläuten, Sabbat und Ramadan. Nur die Gebete der Gerechten, die der Herr trotz allem immer noch hatte, hielten den Himmel über der Stadt und der Steppe, die trunken war von der Süße des bitteren Wermuts, dem Rauschen des Windes im Gras und dem leisen Gesang der Quellen.

 

*

Suschkin versuchte, Ljusja zu beruhigen, streichelte ihr Haar, küsste ihren weichen, nach Minze duftenden Schamhügel und flüsterte hinein. Das geht alles vorbei, das ist bestimmt bald zu Ende. Wir haben Karneval. Ich scheiß auf solche Karnevals, sagte Ljusja. Sie sah ihn an mit ihren Augen, die groß und schwarz waren wie die Nächte über der annektierten Krim. Nichts wird zurückkommen und nichts wird bleiben.

Kannst du dich an Slawik und Klara erinnern? Letzte Nacht sind bei denen drei mit Maschinengewehren aufgetaucht. Haben sie gewarnt, dass sie ihnen eine Kugel in den Bauch jagen, wenn sie sich auf ihrer Seite noch einmal abfällig über die russische Idee äußern. Und? Suschkin setzte sich aufs Sofa und ratschte mit seinem Feuerzeug. Ja und. Ljusja zuckte mit den Schultern. Sie haben ihre Sachen gepackt, am Morgen sind sie gefahren. Als du geschlafen hast, habe ich mit Klara telefoniert. Sie hat die Schlüssel bei ihren Kollegen gelassen. Hat mich gebeten, die Katze zu nehmen und die Blumen zu gießen. Und irgendwelche Papiere aus dem Safe in ihrem Büro zu holen. Was für Papiere? Wichtige, hat sie gesagt. Ljusja zuckte wieder mit den Schultern. Na toll. Suschkins Gesicht verfinsterte sich. Deine Freundinnen, wie immer.

Das ist noch mal gut gegangen, fügte Ljusja hinzu. Sie hätten die beiden auch in den Keller des SBU-Gebäudes stecken können. Sind da nicht schon genug Leute? Und was wäre dann aus ihren Kindern geworden? Choma seufzte und blickte auf die Sonnenflecken, die über die Wand liefen.

Laut und fröhlich quietschte das Karussell vor dem Fenster. Ein Hund bellte. Ljusja wartete, dass Choma irgendwas sagt, aber er sagte nichts. Sie stand auf und ging hinaus. Fünf Minuten lang hörte Suschkin Wasserrauschen aus dem Badezimmer. Der warme Wind bauschte die Vorhänge auf. Draußen auf dem Spielplatz schrien und lachten die Kinder. Seine Augen taten weh und er dachte daran, dass er schon seit Nächten nicht mehr richtig schlafen konnte. Im Zentrum wird nachts geschossen. Er hätte gern gewusst, wer und warum und vor allem – wohin. Vielleicht ist es auch besser, das nicht zu wissen, dachte er plötzlich. Die Verteidiger der Russischen Welt plündern zu viel. Banken, Geschäfte, Privatunternehmen. Aber bei weitem nicht alle. Nur in Auswahl. Und das macht es noch schlimmer. Man erkennt die Stadt nicht wieder. Hat keine Ahnung mehr, wie man in ihr leben und was man von ihr erwarten soll.

Die öffentlichen Verkehrsmittel fahren. Die Mitarbeiter der Stadtwerke pflanzen Blumen, reinigen die Straßen, fahren den Müll ab. Diejenigen, die Z nicht verlassen haben, gehen jeden Tag zur Arbeit. Es herrscht erstaunlich viel Ordnung, obwohl sich niemand darum kümmert. Die Menschen bleiben Menschen. Und die Stadt, die, voll wie ein Kelch, mit ihren Quellen, Teichen und Flüsschen plätschert, mit den grellgrünen Blättern der Bäume rauscht und betäubend nach Blumen duftet, bleibt eine Stadt. Obwohl sie immer mehr an eine Bühnenkulisse erinnert.

Die Regierungstruppen rücken auf Z vor und bald wird es hier Kämpfe geben. Der Krieg kommt her. Ringsum sterben längst Menschen, aber hier – Springbrunnen und Blumen. Leben im Auge des Taifuns. Ein blaues, regloses Auge, die Ruhe vor dem Sturm.

Der Duft der Blumen ist zu kräftig. Er macht einem das Atmen und das Leben schwer. Der starke Geruch beschleunigt den Puls. Schweiß und Schwüle. Der Geschmack der alltäglichsten Nahrungsmittel – Brot und Bier – ist intensiver geworden. Der Zucker ist viel zu süß, das Salz über die Maßen salzig. Von dem Tiefblau des Himmels brennen die Frontallappen, zittern die Pupillen und man bekommt Durst. Geräusche und Gefühle steigern und isolieren sich wie ein langer Schmerz. Jeder Geschlechtsverkehr wird unerträglich. Gespräche, Lächeln, Musik, der Wind. Eine wunderschöne Welt in fehlender Harmonie.

Ljusja war zurückgekommen und hatte sich aufs Sofa gesetzt, sie blickte durch die sperrangelweit geöffnete Balkontür.

Etwas ist zerbrochen, sagte Suschkin. Und das kann niemand reparieren. Kein Hamlet, keine Ophelia und auch nicht die OSZE. Jetzt nach Kopenhagen fahren, sagte Ljusja. Sich im Tivoli auf eine Bank setzen und eine rauchen. Ich will doch so gern leben, Suschkin! Na, wir leben ja irgendwie. Wir leben nicht, wir überleben. Und es wird nur noch schlimmer. Das ist erst der Anfang. Vertrau meiner Intuition.

Ljusja hat recht, dachte Choma. Obwohl es für sie leichter ist, Z zu verlassen. Außer Suschkin hat sie hier niemanden. Aber Choma hat seinen Onkel und Lisa, die Adoptivtochter seiner verstorbenen Schwester. Sie werden nicht weggehen.

Bleiben oder fliehen. Das ist die Frage. Wenn man nur wüsste, sagte Suschkin und lächelte schuldbewusst, was von all dem Traum ist und wo die Realität beginnt. Ljusja zuckte erschöpft mit den Schultern, zündete sich eine Zigarette an, verschwand in dem Rauch. Wann entscheidest du dich endlich? Verstehst du nicht, dass wir nicht bleiben können?! Morgen rede ich mit meinem Onkel. Choma versuchte, nicht in Ljusjas große Augen zu sehen und zog sich an.

 

*

Den ganzen Tag lang hatte er keine Zeit gefunden anzurufen. Er kam nach Hause, als es dämmerte. Seine Schritte hallten in dem leeren Hof. Die Fenster der Wohnung waren dunkel. Er ging hoch, kochte Kaffee und versuchte anzurufen. Ohne Erfolg. Er trank drei Tassen Kaffee und aß ein belegtes Brot. Setzte sich an den Beistelltisch im Wohnzimmer, zündete sich eine Zigarette an und rief vierundzwanzig Mal hintereinander an. Ging auf den Balkon, holte tief Luft und tätigte dann drei erfolgreichere Anrufe bei anderen Leuten. Dann rief er ein Taxi. Es kam ein leicht zerbeulter Schiguli. Er warf sich auf den Beifahrersitz und nannte die Adresse.

Was rufst du da ein Taxi? Der Fahrer spuckte verärgert aus dem Fenster und blickte Suschkin finster an. Das ist doch gleich um die Ecke. Da bist du zu Fuß schneller! Ich hab’s eilig! Eilig! Choma schrie, seine Stimme überschlug sich, er musste husten. Darf ich rauchen? Also, entweder, der Fahrer holte gemächlich ein Feuerzeug aus dem Handschuhfach und gab ihm Feuer, du gibst mir ’nen Fünfziger oder wir fahren gar nicht erst los. Gut, mach ich, willigte Choma sofort ein.

Irgendwo in der Ferne, wie es sich anhörte hinter den Stadtteichen, wurden Gewehrsalven abgefeuert. Vor der Windschutzscheibe lief, leicht schwankend im warmen Licht der Straßenlaterne, ein angetrunkenes Pärchen vorbei. Die Frau lachte und warf ihren Kopf in den Nacken. Sie hielt eine Zigarette zwischen zwei Fingern, deren Funken vom Winde verweht wurden.

Ich kann das ja verstehen, nickte der Fahrer. Er wendete und blickte in den Rückspiegel. In diesen Zeiten, da will man abends nicht unbedingt im Zentrum rumlaufen. Aber du musst mich auch verstehen. Mach ich ja. In Suschkins Mund vermischte sich der Tabakrauch mit dem Speichel, in dem zu viel Koffein war. Sein Herz pochte erbarmungslos. Der süßsäuerliche Geschmack von Brasilien. Er brauchte dringend einen Kognak.

Sag mal … Der Fahrer steckte sich eine zerdrückte Zigarette in den von einem roten Bart zugewachsenen Mund. Wenn’s nicht lange dauert … Also, wenn du noch einen Zwanziger drauflegst, warte ich vor dem Büro auf dich. Das ist doch ein Bürogebäude? Ja, ein Büro – Choma nickte erleichtert. Ein Büro, natürlich ein Büro. Also abgemacht? Der Taxifahrer lächelte unerwartet warm. Abgemacht, Suschkin lächelte bleich, abgemacht. Weißt du, redete er dann wie im Fieber drauf los, meine Freundin ist verschwunden. Sie ist bei einer Freundin auf Arbeit vorbeigefahren. Vor einer Stunde hat sie zuletzt jemand in dem Gebäude gesehen und jetzt ist sie immer noch nicht zu Hause. Ans Handy geht sie auch nicht! Suschkin verstummte, nahm ein paar schnelle Züge und warf die Kippe aus dem Fenster. Sie kann sonst nirgendwo sein. Verstehst du, außer mir hat sie in dieser Stadt doch niemanden … Er unterbrach sich, als er merkte, dass der Fahrer nur mit halbem Ohr zuhörte. Aber er konnte sich nicht stoppen. Kraftlos fuhr er fort, wobei er deutlich spürte, wie sinnlos das war. Ich ruf wieder an, aber sie geht nicht ran. Und dann noch mal und noch mal … Da geht einem natürlich so einiges durch den Kopf …

Wir sind da! Der Fahrer sah ihn geduldig, aber spöttisch an. Steigst du jetzt aus oder wie? Ja, natürlich. Choma fasste mit feuchter Hand nach dem Türgriff und blickte sich um. Jetzt geh schon, der Taxifahrer nickte ihm zu, ich warte. Aber beeil dich, echt jetzt. Ich geb’ dir zehn Minuten, nicht mehr. Welcher Stock? Der zweite, sagte Suschkin. Da brennt Licht im zweiten, sagte der Fahrer. Jetzt geh endlich. Aber dalli.

Auf dem Pförtnerplatz war niemand. Der Flur war leer wie die Prosa Murakamis. In den zerschlagenen Fenstern pfiff der Wind. Jeder Schritt hämmerte in den Schläfen. Die Toilettentür stand offen. Irgendwer hatte den Wasserhahn nicht richtig zugedreht, das Wasser tröpfelte vor sich hin. Suschkin drehte ihn ordentlich zu, schaltete das Licht aus und schloss die Tür. Er wollte die Treppe nehmen, drückte aber den Fahrstuhlknopf.

Die Tür zum Zimmer fünfunddreißig stand offen, ein dünner Lichtstrahl fiel in den dunklen Flur. Dunkel und leer führte er ins Endlose. Eine Tageslichtlampe brummte synkopisch. Ljusja, rief Suschkin, Ljusja. Er machte drei Schritte geradeaus und ging durch die Tür.

Sie war mit einer Axt oder etwas Ähnlichem umgebracht worden. Die Arme zu beiden Seiten ausgestreckt lag sie am Fenster. Ein Bürovogel, der versucht hatte zu fliegen. Das Blut bildete einen schwarzen Spiegel. Daneben eine rote Handtasche. Ihre Jeans waren blutverschmiert, aber die Bluse leuchtete strahlend weiß.

Suschkin presste sich mit dem Rücken gegen die Wand. Langsam rutschte er nach unten, wobei er durch das T-Shirt die kalte, raue Oberfläche spürte. Er fasste seinen Kopf mit beiden Händen, atmete tief ein, erst dann schrie er. Irgendwo in der Ferne heulte im gleichen Ton eine Fabriksirene auf. Unter dem Tisch hervor blickte eine Katze den schreienden Suschkin aus ihren grünen Augen leidenschaftslos an. Sie roch an dem Blut, lief zur Seite und starrte aus dem Fenster, vor dem langsam ein dicker, gelber Mond vorbeiglitt.

 

Wladimir Rafejenko
Auszug aus dem Roman Die Länge der Tage, 2017

Aus dem Russischen von Lydia Nagel
für Eine Brücke aus Papier, Mariupol 2018

In der Grauzone. Erfahrungen einer Berichterstatterin im Kriegsgebiet

Auf den ersten Blick scheint es weit hergeholt, in Charkiw über den Krieg zu sprechen. Diese Stadt liegt 200 Kilometer von der Front entfernt. Hier wird keine Militärtechnik durchs Zentrum verschoben, Granatsplitter haben keine Narben in Gebäude geritzt, und man spürt auch nicht die dumpfe Wucht der Druckwellen, wenn Geschoße explodieren, ein charakteristisches Erlebnis in den Gefechtsgebieten.

Schaut man ein bisschen genauer, dann sieht man freilich auch hier die Vorboten des nahen Konflikts: Männer in Uniform am Bahnhof und Busbahnhof, die von der Front kommen oder sich dorthin aufmachen, Sammlungen für die Armee, eine starke ukrainische Beflaggung, und schließlich Lenin, der nicht mehr ist – eine Folge des Sieges des Maidan. Charkiw mag uns heute friedlich und natürlich ukrainisch erscheinen, aber vor mehr als drei Jahren stand die Stadt ebenfalls an der Kippe.

Charkiw war Viktor Janukowitschs erste Station auf seiner Flucht aus Kiew, die Hardliner der Partei der Regionen wollten hier eine Gegenregierung ins Leben rufen, die Kämpfer des örtlichen prorussischen Oplot-Kampfsport-Clubs waren berüchtigt, bei gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Promaidan- und Antimaidan-Lager gab es im Winter 2014 zahlreiche Verletzte, und auf dem Gouverneursgebäude wurde für kurze Zeit die russische Flagge gehisst. Anders als in Donezk und Luhansk aber konnte hier die Lage stabilisiert werden, ein Zusammenspiel aus aktiven Bürgern, die für ihre Stadt aufstanden, rechtzeitig eingesetzten Sicherheitskräften und natürlich der Kooperation der hiesigen Eliten aus Politik und Wirtschaft.

Man muss also gar nicht groß fantasieren, um sich das Charkiw, in dem wir heute sind, auch ganz anders vorstellen zu können. Das ist etwas, was mich die vergangenen vier Jahre in der Ukraine gelehrt haben. Es sind oft kleine Entscheidungen, lokale Ereignisse, Handlungen einzelner, Momente, deren Bedeutung erst in der Rückschau klar wird, die darüber entscheiden, welche Richtung die Geschichte nimmt.

Ich möchte also heute über Orte sprechen, in denen die Geschichte nicht so gut ausgegangen ist: nämlich über das von hier rund drei Autostunden entfernte Konfliktgebiet.

Ich werde nicht den Konfliktverlauf nacherzählen oder eine politische Einschätzung geben, das ist heute nicht mein Hauptinteresse bzw. kennen Sie diese Informationen aus den Nachrichten. Apropos Nachrichten. Aus der Berichterstattung in den deutschsprachigen Ländern ist er mittlerweile so gut wie verschwunden, der Krieg im Donbass. Die Reporter internationaler Medien sind längst abgezogen, angereist sind die Konfliktbearbeiter, Mediatoren und humanitären Helfer.

Als Journalistin arbeite ich bei einer Tageszeitung und habe regelmäßig mit verwunderten Lesern und Leserinnen zu tun, durchaus politisch interessierten Menschen, die beim Thema Ukraine verwundert fragen: „Was ist da überhaupt los?“ und dann, wenn ich zu erzählen beginne, sagen sie erstaunt: „Was, da ist noch Krieg?“ Der Krieg im Donbass ist schnell wieder aus den Medien verschwunden.

Ein Beispiel aus meiner Zeitung. In der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“, für die ich arbeite, erwähnten wir im Jahr 2014 das Schlagwort Ukraine 2153-mal. Im Folgejahr kam es 1011-mal in unserer Zeitung vor und 2016 nur noch 611-mal. Von der weltpolitischen Bedeutung ist er wieder zu einem Regionalkonflikt geschrumpft, irgendwo weit im Osten, er rangiert nun in einer Reihe mit den anderen Konflikten im postsowjetischen Raum: Abchasien, Südossetien, Nagarno-Karabach, auch wenn der Vergleich aus mehreren Gründen hinkt. In Europa hat man sich, so scheint es zumindest, mit ihm abgefunden. Das hat auch mit seiner niedrigen Intensität zu tun: Er ist da, aber nicht tagtäglich; man kann ihn nicht lösen, man kann ihn aber zur Seite schieben.

Ich möchte nun aber meine Beobachtungen im Konfliktgebiet teilen und dabei auch über die Dilemmata einer Reporterin sprechen.

 

#1 DIE GRAUZONE

Häufig sprechen wir vom Donbass, vor allem von der anderen Seite, als schwarzes Loch oder weißer Fleck. Mir aber scheint der Begriff Grauzone eine passendere Metapher zu sein. Die Graue Zone ist im Ukrainekrieg sprichwörtlich jenes Gebiet, das zwischen den verfeindeten Stellungen liegt und von niemandem kontrolliert wird. Es ist das Territorium der verbarrikadierten und angeschossenen Häuser, der kaputten Straßen, durchtrennten Stromleitungen, der Geisterdörfer, wo ein paar meist alte Menschen aushaaren, mehr Überleben als Leben. Der Alltag ist geprägt von Unsicherheit, Ungewissheit, unklarer Zugehörigkeit. Es dominiert das Gefühl des Von-allen-Verlassenseins. Es ist ein Dauerprovisorium, in dem die bisherigen Regeln nicht mehr gelten und in dem man neue lernen muss. Es geht um die Fähigkeit des Durchkommens, des Durchlavierens, des sich Arrangierens mit jenen, die als nächstes in dein Dorf kommen könnten.

Die Grauzone ist für mich aber auch eine passende Lagebeschreibung im Kriegsgebiet. Wenn man in die Grauzone kommt, ist man mit der Aufweichung von Realität konfrontiert. Etwas ist so, es ist aber gleichzeitig nicht so. Man könnte auch mit dem Vokabular von heute sagen: Fakten und Fakes verschwimmen. Es verschwimmen auch die Fronten.

Aus der Perspektive des politischen Analysten oder der politischen Analysten, die ich zuweilen auch einnehme, ist die Lage eindeutig: Für Russland ist der angezettelte Donbass-Konflikt ein Instrument, um die Ukraine in Schach zu halten; deshalb ist der Kreml an einer nachhaltigen Konfliktlösung nicht wirklich interessiert. Die Separatisten wollen nach eigener Darstellung die Bevölkerung vor der Nazi-Junta in Kiew schützen. Was ihr politisches Ziel ist, Autonomie oder Anschluss an Russland, ist nicht so klar, aber ich denke wir können festhalten, dass sie auf jeden Fall an der Macht bleiben wollen. Die Ukraine möchte die Kontrolle über ihr Staatsgebiet zurück und macht für den Krieg allen voran die russische Führung verantwortlich. Das Abkommen von Minsk hegt den militärischen Konflikt ein, hat aber nicht seine vollständige Beilegung gebracht.

Es gibt aber auch eine andere, zweite Realität, es ist die der Grauzone, zwischen Nichtkrieg und Nichtfrieden. In ihr wird nicht heldenhaft verteidigt, sondern frustriert ausgeharrt; es gibt auf beiden Seiten kein Weiterkommen, die Erzählung vom schnellen Sieg stimmt nicht mehr. Längst haben Berufssoldaten, für die der Krieg Arbeit ist, die Idealisten abgelöst, für die der Krieg innerer Auftrag war. In der Grauzone geben die Schmuggler den Ton an und nicht die Sicherheitsstrategen. Korruption an den Checkpoints bestimmt das Durchkommen, Geschäfte mit Kohle und anderen Gütern laufen gut. Für Geschäftsleute auf beiden Seiten ist die „Situation“ einträglich. Und ukrainische Staatsbürger werden tagtäglich in ihren Rechten eingeschränkt. Hier leben Menschen, die an nichts und niemandem mehr glauben. Je näher man kommt, desto indifferenter werden auch die Ansichten über den Krieg. Direkt an der Frontlinie ist es den Anwohnern meistens egal, welcher Seite sie zuzurechnen sind. Sie wünschen sich eigentlich nur, dass es nicht mehr über ihren Köpfen kracht.

Und selbst unter den Soldaten scheint es bisweilen ein Rätsel zu sein, gegen wen sie eigentlich in den Krieg gezogen sind, wer denn nun der Feind ist. Die einen sagen, sie kämpfen gegen Russen und Tschetschenen, die anderen geben an, auf Polen, Litauer und Nazis zu schießen; häufig sind es einfach Jungs aus der benachbarten Stadt. Was die Soldaten oft am meisten interessiert, ist, wie es auf der anderen Seite aussieht.

Nach mehr als drei Jahren Krieg bin ich nicht mehr sicher, was die Ukraine im Donbass will. Das Problem ist ja vielmehr, dass eigentlich niemand dieses Gebiet will. Auch Russland nicht. Manche würden ihn gerne abschneiden wie ein nicht mehr funktionierendes Körperteil. Wenn sich die Ukraine vom Donbass löst, werde es ihr besser gehen, so lautet die Hoffnung. Andere wollen das kranke Körperteil verarzten und annähen, man dürfte den Donbass nicht aufgeben. Woran aber leidet diese Region und mit ihr das ganze Land? Wie nennt sich ihre Krankheit? Diese Diagnose fällt am schwersten.

 

#2 KONFLIKT, WELCHER KONFLIKT? WER IST SUBJEKT DES KRIEGES?

Wenn in der Ukraine über die Subjekte des Krieges, also die Konfliktpartner, gesprochen wird, dann folgendermaßen: Es ist ein Krieg Moskaus gegen Kiew, eine Intervention von außen. Der Hauptfeind sitzt im Kreml. Die einen gestehen den Anführern von Donezk und Luhansk einen gewissen Handlungsspielraum zu; für die anderen – und ich würde sagen, das ist die Hauptwahrnehmung – sind die Separatisten lediglich „puppets“, also willfährige Marionetten.

Wenn man über die verbliebene Bevölkerung in den abtrünnigen Gebieten liest, dann sind häufig ähnliche Begriffe zu hören. Ich selbst habe etwa in der Berichterstattung oft den Begriff Geiselhaft verwendet. Viele Menschen dort, die mit den Veränderungen in der Ukraine unzufrieden waren, haben sich von Propagandisten in die Irre führen lassen und sind Versprechen gefolgt, die nicht eingelöst wurden. Der sogenannte Russische Frühling 2014 war ein kurzes aktionistisch-populistisches Zwischenspiel (man erinnere sich an die Anrufung des „Volk des Donbass“ und seiner „wahren“ Werte), eine organisierte Aufwallung, doch das Volk musste kurz darauf wieder verstummen und wurde nach Hause geschickt.

Heisst das, dass wenn nur die Bewaffneten abziehen würden, alles wieder in Ordnung wäre? Dass viele auf der anderen Seite Verbliebene einfach nur irregeleitet sind? Dass es gar keine innerukrainische Konfliktebene gibt? Ich glaube, das stimmt nicht. Zumindest stimmt es nicht mehr, nach mehr als drei Jahren Krieg.

Ich möchte ein ganz einfaches Beispiel geben: Ich bin mit einem Teenager aus Donezk befreundet. Julia ist 15 Jahre alt. Mit dem Krieg haben sich ihre Berufswünsche dramatisch geändert. Früher wollte sie Friseurin werden. Unter dem Eindruck des Beschusses in ihrem Bezirk am Stadtrand und dem wochenlangen Wohnen im Keller wollte sie sich der Armee der Donezker Volksrepublik anschließen, so wie einige ihrer Teenagerbekannten. Heute will sie Mitarbeiterin im Katastrophenschutzministerium werden. Auch diese Einsatzkräfte in den petrolgrünen Uniformen sind allgegenwärtig und militärähnlich organisiert. Glücklicherweise tragen sie keine Waffen.

Wenn man mit Leuten auf der anderen Seite spricht, dann begreift man eine Sache: Für viele gibt es keinen Weg zurück, was gleichzeitig auch heißt, es gibt keinen Weg zurück in die Ukraine. In ihrer Mitte findet der Krieg statt, der dort als Belagerung erlebt wird; es hat sich eine Subjektivität gebildet, die sehr stark von der Kriegserfahrung geprägt ist. Die Zeit steht dort drüben nicht still, auch wenn von außen die Separatistenrepubliken wie aus der Zeit gefallene Gebiete (eine wanna be-Mini-Sowjetunion, Illusion eines Gemeinwesens) erscheinen mögen. Wie verändert der Krieg die eigene Identität? Ich denke, diese Frage nach den Konfliktidentitäten wird mich, uns noch länger beschäftigen.

Und parallel zu diesem Gefühl des Verlustes, existiert eine Sehnsucht: Man wünscht sich den Verlust der Erinnerung, den Einstieg in eine Zeitmaschine um vier Jahre zurück zu Viktor Janukowitsch. Man will das alte Leben zurück wie in eine noch nicht verlorene Unschuld. Nostalgie ist eine chronische Krankheit des Donbass.

Oft habe ich auf meinen Reisen die trotzige Ansage zu hören bekommen: „Die Ukraine glaubt doch, wir sind alles Separatisten.“ Man könnte darin nur den Versuch sehen, die Verantwortung abzuwehren, oder ein Echo der Propaganda. Ich aber höre daraus auch Enttäuschung und ein Ringen um Anerkennung. Aber gibt es in der Ukraine die Bereitschaft, miteinander zu sprechen und das Leid des anderen (sozusagen das „falsche“ Leid?) zur Kenntnis nehmen? Ich bin mir nicht sicher.

 

# KRIEGSGESCHICHTEN

Sie als Schriftsteller sind freier in der Wahl Ihrer Mittel, aber für mich als Journalistin setzt die Realität engere Grenzen. Aber wie darüber schreiben, wenn man sich ihrer nicht sicher sein kann? Wenn die Begriffe unscharf werden und sie einem Bauchweh bereiten. Kann man die Regierung in Kiew wirklich noch als proeuropäisch bezeichnen? Sind die arbeitslosen Bergarbeiter, die den Donezker Flughafen bewachen, wirklich prorussische Kräfte? Und ist meine Freundin Julia, wenn sie auf Facebook in einem Posting die Separatisten anhimmelt, tatsächlich deren Unterstützerin?

Ich finde es zusehends schwierig, etwas zu sagen, das Gültigkeit hat und wahrhaftig ist – und das sollten journalistische Beiträge aber sein. Ich halte Hintergrundberichte, Analysen und investigative Stücke noch immer für immens wichtig. Aber für mich persönlich fehlt dabei etwas. Mir scheint, dass ein Weg in der Hinwendung zur einzelnen Geschichte und dem genauen Zuhören liegt. Vielleicht sollte man bei der individuellen Erfahrung ansetzen.

 

Jutta Sommerbauer

Auf- und Abbrüche in der Stadtgeschichte Charkiws

I.

Die erste Reise in die Ukraine führt in der Regel nicht nach Charkiw, sondern nach Kiew/Kyiv, Lemberg/Lviv oder Odessa/Odesa. Möchte man die Ukraine dann näher kennen lernen, taucht irgendwann die Frage nach Charkiw auf, die große Stadt, die sich im Nordosten der Ukraine verborgen hält. Die Frage nach Charkiw wird so häufig zur Frage nach den Unterschieden und Beziehungen zwischen den genannten anderen Städten, vor allem zwischen Charkiw und Kiew. Diese Meinung teilen wohl auch viele Ukrainer, denn sie spiegelt sich in der sprachlichen Wendung: „Charkiw ist nicht die erste, aber auch nicht die zweite“, die den Charkiwern zugeschrieben wird.

Charkiw ist eine anziehende Stadt, aber sie in historischer Perspektive vorzustellen oder zu erklären (lässt sich eine Stadt erklären?), ist schwierig. Doch ohne Charkiw lässt sich die Ukraine nicht verstehen. Für Odesa, Lviv und Kiew gibt es, historisch gesehen, weiter zurückliegende goldene Zeiten, die angerufen und beschworen, imaginiert und wachgerufen oder ironisiert und dekonstruiert werden können. Für Charkiw gilt das weniger, die Stadt hat keine eindeutige Prägung (ein Vorteil oder ein Nachteil?), und sie hat diese auch bis heute nicht von sich entworfen. Dafür gibt es Gründe. Positiver formuliert: es gibt nicht eine Grundmelodie der Stadt, sondern mehrere – und gehört diese Vielfalt und Heterogenität nicht zum Verständnis von Stadt? Das spiegelt sich im nationalen ukrainischen Kontext in besonderer Weise in Aufbrüchen und jähen Abbrüchen.

Beide Besonderheiten bieten Zugänge zur Stadtgeschichte, die ich Ihnen an zwei Beispielen darstellen möchte.

 

II.

Aufbrüche und Abbrüche

Charkiw ist zwar keine mittelalterliche Stadtgründung wie Kiew, aber ihre Gründung reicht doch in das für die Ukraine so wichtige Kosakenzeitalter in der frühen Neuzeit zurück, als die ‚freien Krieger‘ (Kosaken) beiderseits des Dnipro gegen Polen-Litauen, Moskau und das Krimkhanat im Süden eine eigene politische Ordnung schufen, das Hetmanat (Kosakenstaat). Von den umkämpften ukrainischen Kosakengebieten im Zentrum um Kiew zogen sich bereits im frühen 17. Jh. Kosaken und Bauern weiter nach Osten zurück, gründeten Charkiw als Festung zur Abwehr krimtatarischer Einfälle von Süden, und Kosaken prägten so den neuen Ort und die ganze Region. Hinzu kamen dann Bauern aus dem Norden, mehrheitlich russische Bauern, die nach Süden in die fruchtbaren Steppengebiete um Charkiw drängten. Das kosakische Sonderbewusstsein erhielt sich in dieser Region im 18. und frühen 19. Jahrhundert, als die Kosakengebiete längst von Russland erobert und in den Zarenstaat integriert war. Als Russland zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein erstes Netz von Universitäten gründete, gehörte auch Charkiw zu den ausgewählten Standorten, da es hier zuvor bereits ein Kollegium gegeben hatte, also eine institutionelle Basis vorhanden war. Auch zahlreiche Deutsche unterrichteten an der neuen Universität. Der Philosoph Schelling hatte bereits seine Koffer gepackt, um nach Charkiw aufzubrechen, entschied sich in letzter Minute aber doch für den Verbleib in Deutschland. Im Umkreis der neuen Universität sammelten sich Gelehrte und Intellektuelle, die im typischen zeitgenössischen romantischen Geist – und in Anknüpfung an das regionale Sonderbewusstsein – auf der Basis populärkultureller literarischer Denkmäler frühnationale ukrainische Gedanken entwickelten: die Ukrainer versus die Russen. Die Narration der modernen nationalen Geschichte, über die nach 1991 so viel nachgedacht und gestritten wurde und bis heute wird, ist also eng mit Charkiw verbunden – und mit einer ihrer stolzen, alten, im Zentrum gelegenen Einrichtungen – der Universität. Wenige Jahrzehnte später, im Jahr 1834 (ein Aufstand der Polen war gerade unterdrückt worden), eröffnete der Zarenstaat dann die zweite Universität in der Ukraine – in Kiew, und sie wurde bald zum neuen Zentrum nationalen Denkens. Das meine ich mit Aufbruch und Abbruch und der Rivalität zwischen Charkiw und Kiew. Der Staat hatte in einer spezifischen historischen Situation eine entscheidende Rolle gespielt.

Auch im Revolutionsjahr 1917-18 ist die Rivalität zwischen Kiew wieder deutlich zu erkennen. Es ist nicht nur das Jahr der einen, der Oktoberrevolution, sondern mehrerer Revolutionen, unter anderem einer Revolution in Kiew. Hier erklärten Ukrainer nach dem Petrograder Oktoberumsturz die staatliche Unabhängigkeit der Ukraine, gründeten ein ukrainisches Vorparlament (die Zentralrada) und bildeten eine sozialistische, aber nicht bolschewistische Regierung. Charkiw mit seinen inzwischen knapp 400.000 Einwohnern (382.000) war zu dieser Zeit stärker als Kiew industriell geprägt, hatte eine Reihe großer metallverarbeitender Betriebe, die zum kleineren Teil während des Krieges hierhin mitsamt ihren Arbeitern aus den frontnahen lettischen Gebieten evakuiert worden waren. Es lag geographisch näher an Russland und Moskau, die Stadt war russischsprachig, die ländliche Bevölkerung der umliegenden Region sprach dagegen mehrheitlich ukrainisch. Zunächst scheiterten die Versuche der lokalen Bolschewiki im Bündnis mit Roten Garden (im Spätherbst 1917) die Macht in der Stadt an sich zu reißen und von hier aus bolschewistische Herrschaft in der ganzen Ukraine durchzusetzen. Ein Militär-Revolutionäres Komitee war sozialistisch zusammengesetzt, aber nicht bolschewistisch. Es hatte einen größeren Anteil ukrainischer Parteimitglieder und strebte eine föderale Ordnung Russlands an, zu der auch eine autonome Ukraine gehören sollte. Wenig später, am 8.-9. Dezember 1917, übernahmen dann die Bolschewiki erstmals gewaltsam die Herrschaft in der Stadt, und erklärten später hier die Gründung einer sowjetischen Ukraine. Charkiw und Kiew standen sich wieder rivalisierend gegenüber. Auch wenn in den folgenden Jahren politische Herrschaft in Kiew und Charkiw noch mehrfach wechselten, so stand am Ende doch eine sowjetukrainische Hauptstadt Charkiw – bis sie 1934 nach Kiew verlegt wurde.

Die Spannung Charkiw-Kiew führte seit der Revolutionszeit 1917-1921 in Charkiw immer wieder zu Forderungen nach Föderalisierung und Autonomie, so 1991, 2004 und 2014. Föderalismus klingt im deutschen Denken gut, aber im ukrainischen politischen Denken heute gibt es angesichts der genannten historischen Erfahrungen den berechtigten Verdacht, dass die Forderung nach Föderalismus eigentlich ein politischer Versuch der Nachbarn der Ukraine ist, die territoriale Integrität der Ukraine zu bedrohen. Charkiw sollte 2014 auch Teil eines so genannten Neurusslands werden, das aus Russland geschickte Kämpfer in Donezk und Luhansk ausgerufen hatten.

Es gibt aber trotz abrupter Brüche in der Geschichte Charkiws auch Kontinuitäten, und ich möchte hier drei Kontinuitäten hervorheben: zum einen die Ukraineorientierung in entscheidenden historischen Zeiten: Was für eine Ukraine das jeweils sein sollte, war allerdings unterschiedlich. Eine zweite Kontinuität ist ein regionales Sonderbewusstsein, das im späten 19. und frühen 20. Jh. in regionalen Geschichtswerken Ausdruck fand (D. Bahalei: Geschichte der Slobidska Ukraine). Drittens war Charkiw – ebenfalls vom 19. bis zum frühen 21. Jh. – ein Ort wirtschaftlicher und technischer Modernität. Moderne Fabriken mit hochqualifizierten Technikern, Ingenieuren und Physikern in Forschungslabors prägten seit dem späten 19. Jh. und durch das gesamte 20. Jh. hindurch ein urbanes Selbstbewusstsein, das auf einem technischen Fortschrittsverständnis basiert. Das ältere Handelszentrum (im 19. Jahrhundert gab es hier einen großen Jahrmarkt) war im späten 19. Jahrhundert zu einem Verkehrsknotenpunkt (Eisenbahn) zwischen Moskau, dem Kaukasus, der Krim und Kiew geworden, vor 1917 entstand eine Art civil society (D. Bahalei war vor 1917 Bürgermeister der Stadt), Charkiw war das Finanz- und Verwaltungszentrum der neuen Industrieregion Donbas.

In den 15 Jahren als Hauptstadt der sowjetischen Ukraine boomte die Stadt. Die Bevölkerung wuchs schnell an, Stadtplanung und ein avantgardistischer ukrainischer Architekturstil (im weiteren Sinn geprägt durch Gartenstadtvorstellungen und das Bauhaus) schufen das neue sowjetukrainische Charkiw. 1923-24 entstanden Pläne für die Ansiedlung neuer, großer Fabriken 20-30 km entfernt von der Stadt, im nördlichen Teil des früheren Stadtzentrums wurde ein neues Regierungszentrum geplant, getrennt davon neue Wohnbezirke. Davon wurden einige Pläne seit 1925, vor allem Ende der 1920er Jahre, zu Beginn der 1930er Jahre auch verwirklicht – etwa Gebäude des gigantischen neuen Regierungskomplexes, des größten sowjetukrainischen Bauvorhabens seiner Zeit in Verbindung mit dem größten offenen Platz seiner Zeit. Gleichzeitig entstand das ‚neue Charkiw‘, ein riesiges Areal für neue Industriewerke etwa acht Kilometer entfernt vom Stadtzentrum, mit dem berühmten, 1931 eröffneten Traktorenwerk, das bis in die 1980er Jahre mehr als zwei Millionen Traktoren baute. Eine der letzten Errungenschaften dieser Hauptstadtzeit war das 1935 fertig gestellte Denkmal des Nationaldichters Taras Schewtschenko. Danach brach diese Entwicklung ab. Die große Politik hatte wieder entscheidend das Schicksal der Stadt bestimmt.

 

III.

Stadt des Todes

Mit Charkiw verbinde ich mehr als mit anderen Großstädten der sowjetischen Ukraine der Zwischenkriegszeit den Tod, zumal den Hungertod von 1932/33. Seit der europäischen frühen Neuzeit, seitdem sich moderne Staatlichkeit entwickelte, waren sich die Herrschenden der Notwendigkeit bewusst, Hauptstädte in Krisenzeiten mit Lebensmitteln zu versorgen. Sonst entstand ein politisches Risiko wie die Aufruhre in Paris im 18. Jahrhundert gezeigt hatten. Charkiw und Kiew waren 1931-33 nicht gut mit Lebensmitteln versorgt, aber es reichte zum Überleben, im Unterschied zum umliegenden Land. Stalinistische Zwangskollektivierung und ein Antiukrainismus führten zum millionenfachen Tod in der Ukraine, in der Charkiwer Provinz so stark wie in kaum einer anderen Provinz der Ukraine. Offiziell gab es keinen Hunger, internationale Hilfe war deshalb (im Unterschied zum Hunger von 1921-23) genau so unnötig und unerwünscht wie eine Presseberichterstattung. Deshalb gibt es keine Bilder dieses Todes und dieser Toten. Ein in Moskau lebender Österreicher, Alexander Wienersberger, der in den 1920er Jahren als Kleinunternehmer (NEPman) zu Wohlstand gekommen war, fuhr im Frühjahr 1933 mit dem Auto von Moskau auf die Krim und fotografierte den Tod in Charkiw. Die Landbevölkerung flüchtete aus den hungernden Dörfern nach Charkiw, obwohl dies verboten wurde, und mit ihr fraß sich der Tod vom Stadtrand bis ins neue sozialistische Stadtzentrum hinein. Die etwa 20 Fotografien erschienen erstmals 1935 in einem deutschsprachigen Buch über die Sowjetunion, einem raren Zeugnis.

Hitler nahm in einer Rede im Frühjahr 1933 auf den ukrainischen Hunger Bezug – mit der Folge, dass sozialistisch gesinnte Journalisten und Politiker aus Frankreich, England und den USA den massenhaften Hunger in der Ukraine abstritten. Die Ukraine wurde so „im Westen“ ein eher „rechtes“ Thema, mit Folgen bis heute. Eine Ausnahme war der junge walisische Journalist Gareth Jones, ein Held seiner Zeit. Er war innerlich so bewegt von den Hungergerüchten, dass er in diplomatischer Mission nach Moskau reiste, sich dort absetzte, eigenständig mit der Eisenbahn nach Süden aufbrach und dabei den sowjetischen Geheimdienst erfolgreich in die Irre führte. Vom russischen Belgorod aus ging er zu Fuß nach Charkiw, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen und aufzuklären, und er berichtete nach seiner Rückkehr im März 1933 in Berlin und London in Presseerklärungen und Artikeln über die ukrainische Hungertragödie: „Since March it has got so much worse that it is horrible to be in Kharkoff. So many die, ( so many ) ill and beggars.“ Was macht die Hungererfahrung mit Menschen, die ihn überlebt haben, aber über ihn jahrzehntelang nicht öffentlich sprechen dürfen? In Berichten aus der zweiten Hälfte der 1930er Jahre wird der Blick immer wieder auf Schlangen vor Brotläden gerichtet und man fühlt die Angst, der Hunger könnte zurückkehren. Er kehrte bald zurück, mit der Hungerpolitik der Nationalsozialisten, und dann noch einmal 1946-47.

Wenn ich den Todesbegriff metaphorisch verwende, was ich als Historiker nicht tun sollte, dann lässt sich auch von einem Tod der Kultur in den 1930er Jahren sprechen. George Bosse, Sohn eines früheren Maschinenbauunternehmers, erinnerte sich im Alter, wie er als Jugendlicher im Frühjahr 1937 im Stadtzentrum von Charkiw für seinen Vater eine Zeitung kaufen sollte:

„Zunächst mußte man vor dem Kiosk warten, bis „Prawda“ und „Izwestia“ mit dem Lastauto gebracht wurden. Diese Zeitungen erreichten uns mit 24-stündiger Verspätung, denn Moskau war weit von uns entfernt. Es gab allerdings eine lokale Zeitung die „Sozialistische Ukraine“. Sie berichtete aber nur über Ernten, Vorbereitungen zur Weizenaussaat, riesige Fortschritte in der Industrie und Interviews mit den Spitzenarbeitern und Angestellten der lokalen Betriebe. Über die Ereignisse in der Welt berichtete die „Sozialistische Ukraine“ nichts.“ (S. 69)

Zum kulturellen Tod kam der physische Tod durch den stalinistischen Terror. Das Stadtbild Charkiws prägten in den 1930er Jahren mehr und mehr Bäume und öffentliche Blumenbeete, während sich unter den Einwohnern Angst und Gewalt ausbreiteten. Bosse bemerkte den Wandel der Stadt, als er seinen Weg ins Stadtzentrum beschreibt: „Ich ging die von Bäumen bepflanzte Liebknecht-Straße [die Hauptstraße der Stadt, vor 1917 Sumskaja], hinunter ins Stadtzentrum. Rechts sah ich den gigantischen Dzerzinski – Platz, der für Militärparaden und Aufmärsche der Werktätigen angelegt worden war. Vor einigen Jahren waren an dieser Stelle Tag und Nacht Häuserblocks abgerissen und mit „sozialistischen Schockmethoden“ beseitigt worden; so ist dieser Riesenplatz entstanden.“ (S.24-25)

Als Stalin und seine Helfershelfer Zwangskollektivierung, Industrialisierung und Kulturrevolution überlebt hatten, und das wurde 1934 auf dem 17. Parteitag deutlich, verlegten sie die Hauptstadt in das zwar vom imperialen Zentrum Moskau peripherer gelegene, aber alte kulturelle und politische Zentrum der Ukraine – nach Kiew.

Wenige Jahre später brachte die deutsche Okkupation zwischen Oktober 1941 und August 1943 Hunger und Tod in die Stadt. Mehrfach wechselte hier die Herrschaft zwischen Wehrmacht und Roter Armee, die Kämpfe vor allem des Jahres 1943 führten zur Zerstörung großer Teile, so dass die Stadt noch stärker litt als Kiew, durch das die deutschen Truppen im September 1941 nach Osten durchmarschiert waren. Zehntausende sowjetische Kriegsgefangene fanden den Tod durch die deutsche Hungerpolitik, Arbeiterbaracken des Traktorenwerkes wurden jetzt zum Ghetto für die jüdische Bevölkerung, die massenhaft in einer Schlucht im Osten der Stadt (‚Dobryckyi Yar‘) erschossen wurde. Besatzung und Gewaltherrschaft in der Ukraine werden erst seit einigen Jahren von deutschen Historikern detaillierter erforscht, es gibt auch für Charkiw bisher nur wenige Studien. Das Interesse bei jüngeren ukrainischen Historikern an dem Thema ist deutlich gestiegen, auch am Holocaust, die Archive sind offen und zu den schwierigen Erkenntnissen gehört, dass die zivile Bevölkerung vor Ort in mancher Hinsicht kaum zwischen der Gewaltherrschaft der 1930er Jahre, der Kriegszeit und der spätstalinistischen Zeit nach 1945 unterscheiden konnte.

 

IV.

Geschichte ist meiner Meinung nach kontingent und aus ihr lassen sich keine eindeutigen Schlüsse für die Gegenwart oder Zukunft ziehen. Aber Menschen drücken ihre Meinungen und Interessen doch häufig in der Weise aus, dass sie sich auf vergangene kulturelle Optionen beziehen, zumal wenn diese Wirkung entfalten konnten. Welche kulturellen Optionen reüssierten in Charkiw nach 1991? Es scheint, als hätten die Charkiwer nach 1991 keine eindeutige Entscheidung getroffen bzw. treffen müssen, denn der schwache ukrainische Staat zwang der Stadt keine radikale Wahl auf.

Der ukrainisch-kanadische Historiker Volodymyr Kravčenko hat kürzlich auf verschiedene Traditionen hingewiesen: Traditionen aus der späten Sowjetunion wirkten weiter, viele Politikernamen in Charkiw blieben die gleichen (A.S. Masel’skij 1985-96 Gouverneur, E.P. Kushnarev in der Stadt). Aber über die spezifische spätsowjetische Urbanität Charkiws wissen wir wenig mehr als das es ähnliche Entwicklungen wie in anderen (sowjetischen (-ukrainischen) Städten gab, zumal den Durchbruch der Verstädterung mit dem Bau großer Mikrorayone in den 1960er und 1970er Jahren. Wir wissen nichts darüber, ob und wie sich eine spezifische sowjetukrainische Identität in Charkiw ausprägte.

Es gibt immerhin Hinweise auf die Bedeutung früherer kultureller Optionen für die Stadtentwicklung nach 1991. Kravčenko hat darauf aufmerksam gemacht, dass regionale kulturelle Bezüge (Kosaken, Slobidska Ukraine), die Stadt und Region innerhalb der Ukraine positionierten, seit den späten 1980er Jahren und in den 1990er Jahren in der Stadt neu diskutiert und populärer wurden. Nur selten sprachen Autoren mit Bezug auf Charkiw und die Region von einem eigenen ukrainisch-russischen Ethnos.

Nach Charkiw selbst kehren in den 1990er Jahren die Namen ukrainischer Gelehrter und Intellektueller der vorsowjetischen und sowjetischen Zeit zurück, zunächst kaum eine ukrainisch-kosakische symbolische Geographie.

Entscheidender war jedoch, dass Charkiw 1991 zur Grenzstadt zwischen zwei unabhängigen Staaten wurde, dessen Grenzen nicht genau abgesteckt waren. Typisch für die auf Ausgleich mit Russland bedachte Kutschma-Zeit (vor allem Ende der 1990, frühe 2000er Jahre) waren Slogans von Charkiw als Mittler zwischen der Ukraine und Russland, als „Hauptstadt der ukrainisch-russischen Freundschaft“ oder als „Ort verschiedener Völker und Kulturen“ (Kravčenko S. 290), Vorstellungen, die sich durchaus noch mit historisch-regionalen Vorstellungen verbinden ließen. Dagegen waren die Bezüge aus den 1990er Jahren auf die „erste Hauptstadt“, also auf die sowjetukrainische Hauptstadt von 1919 bis 1934, vor allem gegen Kiew und das ukrainische Nationalstaatsprojekt gerichtet. Gegen Kiew war 2004 in der ‚Orangen Revolution‘ auch das Projekt einer südöstlichen Autonomie gerichtet, das auf einem Kongress in Charkiw beraten und proklamiert wurde.

Ältere kulturelle und politische Orientierungen und Prägungen gewannen also nach 1991 neue Relevanz, der Kiewer Euromajdan von 2013-14 erforderte dann eine radikalere Auseinandersetzung mit diesem kulturellen und politischen Erbe. Wird sie geführt, mit welchem Ergebnis? Als Historiker möchte ich nur ungern über die Gegenwart sprechen – und stoppe deshalb hier.

Literaturempfehlungen:

Bagalej, D., Miller, D.P.: Istorija goroda Char’kova za 250 let ego suščestvovanija (1655-1905). T. I-II. Char’kov 1993 (Reprintnoe izdanie Char’kov 1905).

Bosse, G.: Jene Zeit in Charkow 1936-1941. Eine Jugend unter Stalin. Berlin 1997.

Friedrich, G.: Kollaboration in der Ukraine im Zweiten Weltkrieg. Die Rolle der einheimischen Stadtverwaltung während der deutschen Besatzung Charkows 1941 bis 1943. Inauguraldissertation Ruhr Universität Bochum 2008.

Hausmann, G.: Lokale Öffentlichkeit und städtische Herrschaft im Zarenreich: Die ukrainische Stadt Charkiv. In: A.R. Hofmann, A.V. Wendland (Hrsg.): Stadt und Öffentlichkeit in Ostmitteleuropa 1800-1939. Stuttgart 2002, S. 213-234.

Hewryk, Titus D.: Planning of the Capital in Kharkiv. In: Harvard Ukrainian Studies (16) 1992, S. 325-359.

Kossior, S., Postyschew, P.: Der bolschewistische Sieg in der Ukraine. Moskau-Leningrad 1934.

Kopelew, L.: Und schuf mir einen Götzen. Lehrjahre eines Kommunisten.

Kravčenko, V.: Char’kov / Charkiv: stolica Pohranyč’ja. Vil’njus 2010, S. 280-331.

Schlögel, K.: Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen. München 2015, S. 159-181.

Skorobogatov, A.V.: Charkiv u časy nimec’koji okupaciji (1941-1943). Charkiv 2004.

Wade, R.: The Revolution in the Provinces: Khar’kov and the Varieties of Response to the October Revolution. In: Revolutionary Russia (4) 1991 No.1, S. 132-142.

Zhadan, S.: Revolution im Stellungskrieg. C. Dathe, A. Rostek (Hrsg.): In: Majdan! Ukraine, Europa. Berlin 2014, S. 108-116.

http://www.drobytskyyar.org

 

Fenster nach Pjatipol

Schon seit einigen Jahren zeichnet Alexander Milstein Illustrationen zu seinen Texten. So etwas ist immer faszinierend. Gewöhnlich befindet sich der Illustrator irgendwo neben dem Leser, die Distanz ist die gleiche. Welcher Art die Distanz des Autors in diesem Fall ist, bleibt ein Geheimnis – schließlich illustriert er nicht so sehr die Erzählung, die referentiellen Peripetien des Sujets, sondern vielmehr den Fluss seines Schreibens. Seine Betonungen, Diffusionen, sein Fallen. Seinen Glanz. Das sind nicht einmal Illustrationen, es sind Visionen, „Fenster nach …“ – die strahlenden Wesen auf den riesigen Zeichnungen Klossowskis, die wirbelnden Körper Blakes, die stiebende Tusche Hugos, seine Klekse und Kaffeeflecken … Immer viel näher am Text und zugleich viel weiter davon entfernt, als wir uns vorstellen können. Etwas außerhalb des Erzählens Liegendes, seine Kehrseite, seine große Unlesbarkeit der Mittel. Oder, über eine schwebende, krumme Tangente, in der Verkürzung einer Anamorphose, der Sumpf des Erzählens, ein Sujet, das in andere Sujets einbricht.

 

In Milsteins Fall ist alles noch viel komplizierter und interessanter, sind doch seine Texte selbst – mit ihrem absichtlichen „Gemurmel“, den russisch-deutschen Assonanzen, mit ihrer Fähigkeit, von jedem Punkt aus in alle Richtungen auseinanderzulaufen – eine besondere Maschine des Schreibens. Spricht man von diesen „Maschinen“ (im Deleuzeschen Sinne des Wortes), mag man an die Texte von Jarry, Roussel, Burroughs oder Andrej Belyj denken. Diese Autoren „beschäftigen sich […] mit der Erfindung eines kleinen Gebrauchs der großen Sprache, in der sie sich vollständig ausdrücken: Sie minorisieren diese Sprache, und zwar wie in der Musik, in der die Molltonart dynamische Kombinationen in beständigem Ungleichgewicht bezeichnet. Sie sind große Autoren gerade deshalb, weil sie minorisieren: Sie lassen die Sprache entfliehen, sie lassen sie auf einer Hexenlinie davonschießen und halten daran fest, sie ins Ungleichgewicht zu stürzen, sie mit jedem ihrer Terme in Verästelungen und Variationen zu treiben …“ (Gilles Deleuze: Kritik und Klinik)[1]. Die Texte widersetzen sich der konventionellen Belletristik, der „großen Literatur“. Sie „erzählen“ nicht, „beschreiben“ nichts, vielmehr „arbeiten“ sie – durch ihre Geschwindigkeit, ihre Beweglichkeit an den Bruchstellen, Rissen, optischen Wechseln und Beschwörungen. Sie fügen sich nicht der alltäglichen Ordnung des Geschehens, sondern einem darüber liegenden, von uns nicht vollständig erfassbaren Prinzip. Sie geben einem Unbekannten, Verletzten eine Stimme, erfinden eine Stimme – für jemanden, der eigentlich keine Stimme haben sollte. Wie bei Milstein, dem in München lebenden Charkiwer, die Stimme des Emigranten, des Aphasikers und Flaneurs.

 

So haben wir es zugleich mit zwei „Maschinen“ zu tun – einer Maschine des Schreibens und einer Maschine des Illustrierens. Ihre Interaktion bleibt uns teilweise verborgen. Was ist hier das Primäre – das Schreiben, das die Illustrationen hervorbringt, oder doch die Zeichnungen, die der Erzählung eine andere Richtung geben, sie immer und immer wieder zu einem anderen, von neuen Figuren wimmelnden Zusammenbruch drängen? Diese Maschinen scheinen vielmehr in einem Wechselspiel zu funktionieren, im Zusammenstoß und in teilweiser Überschneidung. Sich gegenseitig bedingend und ineinander verkeilt. Milsteins Zeichnungen sind ein grafischer Ausdruck dieser Bewegung, ihre Reibung und ihr Spiel. Halb verborgene Anhäufungen von Konturen, mäandernde Kugelschreiberlinien, raue Pastellflecken, computergenerierte Umrisse in einer Lightbox. Ein multipolares Aggregat: Dipol, Quadrupol, Quint- oder Pjatipol … Und zugleich die Unebenheiten, Abbrüche, Furchen und Rillen, ein Wirrwarr der Jahreszeiten: Zwei, drei, fünf Felder … Oder, wie eine Verkörperung, ein Phantasma dieser flatternden Leichtigkeit in Verbindung mit einem erbarmungslosen Knirschen – „Pani Bronja“, eine hebephrene alte Frau, Kultfigur der Moskauer und ukrainischen Kunstszene der 1990er, die auf Milsteins Zeichnung in Ballettröckchen erscheint, dabei aber ein riesiges Schwert hält, gleich einer altgriechischen Moira, der schrecklichen Schicksalsgöttin.

 

Beim Betrachten „gewöhnlicher“ Buchillustrationen haben wir immer eine ungefähre Vorstellung davon, was sie uns „geben“, was wir von ihnen erwarten können – ästhetischen Genuss, eine präzise Ausarbeitung von Zeit und Ort oder im Gegenteil eine Realisierungsform des Autorenpathos. Eine Erholung für die Augen im Textmassiv. Milsteins Zeichnungen mögen im Vergleich dazu übermäßig leidenschaftlich und zugleich übermäßig teilnahmslos erscheinen. In irgendeiner Verwirrung oder Verlegenheit. Uns fehlt der Zugang zu ihnen, wir bleiben darin stecken und werden im selben Augenblick hoffnungslos hinausgestoßen. Wie im Traum mag uns die Gestalt des Autors erscheinen, wohl der einzige, der dort ist, wo sich die Handlung entfaltet, und der ihren Code kennt. Aber kann es so einen Ort wirklich geben? Und würde der Autor dort sein wollen? „Ich schreibe, weil ich nicht darüber schreiben kann, wie ich nicht schreiben kann“, verrät Milstein in seiner Erzählung Pjatipol, die dem Band seinen Namen gegeben hat. Der einzigen übrigens, die in der ersten Person erzählt ist und in der sich der Protagonist wieder in der Ukraine befindet. In einem rätselhaften, erfundenen Pjatipol, irgendwo zwischen Poltawa und Kiew. In einem Städtchen, das vertikal, hochkant gebaut zu sein scheint, umgeben von Wäldern mit weiß gestrichenen Baumstämmen. So etwas widerfährt auch uns allen. Wir finden uns auf einem Abhang wieder, wo wir eine Ebene vor uns glaubten. Und im Flimmern weißer Stämme, wo wir hofften, etwas Vertrautes zu sehen. Milstein als Autor ist als erster bereit, auf alle Garantien und Privilegien seiner Autorenposition zu verzichten – Ich schreibe, weil ich nicht schreiben kann und zeichne, um diese Unmöglichkeit zu bewahren und zu schützen. Die Position des Autors erscheint nur als Fenster, als Einbruch in das Staunen, das Lügenmärchen, die Vorfreude und die Verzweiflung. Und zugleich als Manier – der Erzählung, des Strichs und der Farbgebung. Auf den Linien einer Reise, des Verschwindens, der Rückkehr oder der Flucht, auf den schutzlosen Feldern der Sprache. Wie ein Augenblick, eine Vision, ein Aufblitzen inmitten Hunderter Kilometer weißer Stämme. In Zeiten der unbedeutendsten und unbeschreiblichsten Ereignisse.

Juri Leidermann

[1] Das Deleuze-Zitat folgt der Übersetzung von Joseph Vogl aus dem französischen Original in Gilles Deleuze. Kritik und Klinik. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 148.

Für Eine Brücke aus Papier 2017 in Charkiw und Kiew aus dem Russischen übersetzt von Lydia Nagel.

Wir Deportierte: Eine Coda

„Das Haus ist konfisziert”, sagen Männer mit Maschinenpistolen. „Packen Sie nur das Nötigste, der Transporter wartet schon.”

Diese Worte haben – und hatten schon unzählige Male – verschiedene Varianten. Zum Beispiel: „Sie haben zwei Stunden zum Packen” (oder eine halbe Stunde, oder vierundzwanzig Stunden – ein existentieller Unterschied!). Außerdem: „Pro Person sind nicht mehr als zwei Kilogramm Gepäck erlaubt!” (oder fünf, oder wie viel man zu tragen vermag …). Jede Kleinigkeit – sie kann nach Muttermilch, nach warmen Brot, nach Kinderhaar duften, nach alten Fotografien, nach dem ehelichen Federbett, nach Medizin, getrockneten Gewürzen in einem Säckchen und nach Heiligenbilder riechen, die mit Wachsflecken von Opferkerzen übersät sind – kommt zu deinem Lebendgewicht hinzu, zu unserem ganzen unteilbaren, im Blut einiger Generationen zusammengeschmolzenen Leben. Doch daraus müssen nun zielsicher einige Stützen herausgebrochen werden, damit es nicht auseinander fällt – und doch ist es bereits auseinander gefallen!- um sich daraus schnell ein transportables, im Rucksack tragbares Heim zu basteln, ein Schneckenhaus, das uns im Weiteren zusammenhält, und so ist es in der Tat eine wichtige Frage, vielleicht die Frage aller Fragen, deren Beantwortung mehr über uns aussagt, als hunderte von Formularen oder ausgefüllten Fragebögen in der Art „Welche fünf Bücher würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?” – Ja, wie lange brauchen Sie, um zu packen, wenn Männer mit Maschinenpistolen auf Ihrer Türschwelle stehen und sagen: „Packen! Der Transport wartet schon…?“

Das ist keine Reise, von einer Reise kehrt man zurück. Das ist keine Emigration, die Emigration wählt man. Und in beiden Fällen sind Sie selbst handelndes Subjekt. Doch in jenem anderen Fall ist das ausschlaggebende Wort: „Transport”. Und Sie sind nur die Ladung, eine statistische Ziffer des Transports, wie ein Stück Vieh oder ein Kubikmeter Holz. Ein unsichtbarer fremder Wille schält Ihnen die Haut ab wie einem Baum die Rinde, entblößt Ihr Zuhause, Ihre ureigene Landschaft der Erinnerung, die zu einem Teil Ihres Körpers geworden ist und schickt Sie dann über den Globus ins Ungewisse, setzt Sie an einem unbekannten Ort aus. Man sagt: Das ist nun Ihr Zuhause, gewöhnen Sie sich dran! Gewöhnen Sie sich daran oder verrecken Sie! Das ist Ihre Sache.

… wenn diese Verfahrensweise an mehreren Generationen durchexerziert wurde, ist der Mensch tatsächlich wie ein entwurzelter Baum sein, unfähig von neuem Wurzeln zu schlagen, nie und nirgends mehr bodenständig sein. Kein Ort wird Ihnen mehr vertraut sein.

Oksana Sabuschko
Wir Deportierte: Eine Coda (Auszug)

Übersetzt von Alexander Kratochvil

Der ewige Student

Um meiner Geschichte einen Raum zu verleihen, beginne ich mit dem Gebäude.
Als ich es das erste Mal sah, war ich vielleicht fünf. Ich spazierte mit meinen Eltern und ihren Freunden durch den Schewtschenko-Garten. Als wir, wie ich heute verstehe, beim Haupteingang ankamen, stellten sich die Erwachsenen in einen Kreis und begannen sich angeregt zu unterhalten. Ich legte den Kopf in den Nacken, beugte mich zurück und sah, dass das über mir aufragende Himmelsgewölbe nicht etwa blau war, sondern gelb und, noch seltsamer, lauter kleine Karos hatte.
Später sah ich das Gebäude aus der Ferne, wenn ich und meine Eltern außerhalb des Nagorny-Bezirks etwas erledigt hatten und mit einer Tram nach Hause fuhren, an deren Marke – so nennen wir in Charkow die Linie – ich mich heute nicht mehr erinnere.
Plötzlich tauchte es dann über der Stadt auf: eine Anhäufung von Eisbergen, mit Sand bestreut wie Fußwege im Winter.
Dann schloss ich die Schule ab, schrieb mich an der Charkower Staatlichen A.-M.-Gorki-Universität ein und studierte dort zwei Jahre lang. Trotzdem war ich mir am Ende dieser Zeit und bin auch heute noch keineswegs sicher, dass ich dort den richtigen Hörsaal finden würde.
Besser gesagt: Irgendwie fand ich ihn meistens doch, sozusagen nach dem Prinzip »Versuch und Irrtum«. Doch wenn mich jemand nach dem Weg dorthin fragte, zuckte ich mit den Schultern.
Irgendwann wurde mir klar, warum das Gebäude sich nicht fassen ließ: Es hatte mehr als drei Dimensionen. Seine Korridore waren schnurgerade und lang wie die Sumskaja-Straße. Aber selbst wenn ich sie immer in eine Richtung entlangging, kam ich stets wieder dort an, wo ich losgegangen war … Ich werde jetzt nicht auf alle räumlichen Absonderlichkeiten dieses Gebäudes eingehen, sondern sage nur, dass ich mir nicht sicher bin, ob dies bereits im Entwurf der Architekten Serafimow und Sandberg-Serafimowa so angelegt war. Vielleicht hat diese merkwürdige Topologie ja auch mit der Verflechtung verschiedener Raum-Zeit-Kontinuen zu tun: des ursprünglichen Domprojektstroi-Hauses auf der einen Seite sowie des reinkarnierten, von Kostenko und Lifschiz geplanten Universitätsgebäudes auf der anderen.
Ersteres entstand in den Jahren 1930 bis 1933. Im Krieg stark beschädigt, wurde es von Letzterem überdeckt, oder besser: einverleibt. 1963 war das, im Jahr meiner Geburt …

Alexander Milstein
Der ewige Student (Auszug)

Aus dem Russischen von David Drevs

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Sterndeutung

Das sind die Feiertage gewesen. Ich habe im neuen Jahr über das alte geschrieben, dafür habe ich die ersten, gewissermaßen freien Januartage gebraucht. Aber ich habe das Charkower Traktorenwerk nicht vergessen. Seinerzeit habe ich mich ausgiebig mit dessen Geschicken beschäftigt, weil mein Vater dort gearbeitet hatte und weil die Charkower Juden dorthin zogen. Lange vor dem Einmarsch der Deutschen war das Betriebsvermögen evakuiert worden. Aber warum hatte man nicht stattdessen die Juden mitgenommen, die von den neuen Machthabern sofort besternt und im Verlauf von zwei Winterwochen auf dem ehemaligen Werksgelände schlechter behandelt wurden als Maschinen von einem betrunkenen Mechaniker? Ja, um den Nutzen von Panzern und Traktoren wusste jedes Kind, hingegen stritten sich Gelehrte über den Wert der Juden. Außerdem galt damals, im Krieg, der Vorzug grundsätzlich dem Stahl, nicht Körpern.

In der zweiten Dezemberhälfte wurden die Juden auf dem Gelände des Charkower Traktorenwerks dem Verhungern überantwortet. Manchmal, wenn ein Jude den Kopf aus einer der Holzbaracken steckte, nahm dieser oder jener Wachposten die Gelegenheit wahr und schoss, vielleicht weil Prämien für vereitelte Fluchten ausgelobt worden waren, vielleicht weil die Gewehre, die unter strengem Frost litten, betriebsfähig zu halten waren. Ja, klirrende Kälte herrschte, die dem eisigen Klang dieser Wendung ganz und gar entsprach, wenn auch in Wirklichkeit nichts klirrte bis auf Waffen; sondern ruhig und wie auf Zehenspitzen trug sich’s zu, weil Lärm Kraft und also Wärme kostet.

In den Baracken lag, eingewickelt in Mäntel und Lumpen, einer über, neben und unter dem anderen, strebte stetig zur Raummitte und ließ Tote nackt zurück, weil jedes Kleidungsstück Wärme versprach. Eine Baracke wie die andere, ein Tag wie der nächste. Doch wer einige Schritte an den Zaun tat, wurde augenblicklich erschossen. Das war ein ganz anderes Sterben, weil ein Schuss lauter ist als unmerkliches Vergehen. Aber welcher Weg dorniger ist, der laute des Schusses oder der leise des allmählichen Verhungerns und Erfrierens, weiß ich nicht, weiß ich nicht.

Jan Himmelfarb

Sterndeutung, Roman, C.H. Beck 2015 (Auszug S. 104 – 105)

CHARKIW, 1995, 1997

Aus dem Zugfenster konnte ich den Namen des letzten Haltepunkts vor Charkiw lesen: Nowa Bawarija. Das reichte, um eine lange Kette historischer Assoziationen in Gang zu setzen: Hitler, Bier, das Jahr 33, Postyschew, Fackelzüge, Sportlerinnen-Kolonnen am 1. Mai, wieder Bier, ganztägige Verhöre, der verirrte Galizier Les Kurbas, Stacheldraht an den Genitalien, Liebe zum Vaterland.

In Charkiw lag massenhaft Schnee – Frühlingsschnee, Aprilschnee, Halswehschnee, die schlimmste Sorte, auf die die Menschheit nie vorbereitet ist und gegen die sie nichts ausrichten kann. In nur vierundzwanzig Stunden war so viel Schnee gefallen wie sonst in einem halben Jahr, die Autos waren bis zu den Stoßstangen eingeschneit, die Fahrer konnten die Adressen nicht finden, und mein leichter Nachtzugkater erhöhte die Realität in einen Zustand fast surrealer Leichtigkeit. Die Hauptstadt der mythischen Arbeiterukraine blieb sich treu, beeindruckte mit postindustriellen Ruinen in unmittelbarer Bahnhofsnähe: Diese städtische Landschaft musste einfach zur Geburtsstätte von Punk, Poesie der Verzweiflung und proletarischer Melancholie werden.

Ich kam zum zweiten Mal nach Charkiw, und zum zweiten Mal versetzte mir die Authentizität des Ortes einen fast mystischen Schock.

Wir standen im Innenhof des ehemaligen Schriftstellerhauses „Slowo“, „Wort“. Mein Stadtführer zeigte mir eine halb offen stehende Fensterluke im ersten Stock. Dort lag jenes Arbeitszimmer, aus dem am Sonntag, dem 13. Mai 1933, das Geräusch eines Schusses in den Hof drang, des treffendsten, einfach zur Treffsicherheit verurteilten Schriftstellerschusses. Gleich nebenan, in der Wohnung von Mychajlo Semenko, fand am Vorabend ein Fest statt, man hatte bis vier Uhr morgens gefeiert, der Aufbruch dauerte lange, man sang und konnte sich auch draußen noch nicht beruhigen, auf den Straßen roch es schon nach den halb verwesten Leichen der an Hunger gestorbenen Bauern, wahrscheinlich störte der Lärm von Semenkos Gesellschaft den Dichter Chwyljowyj in seiner letzten Nacht. So erzählte es mir mein Stadtführer.

Juri Andruchowytsch

aus: Kleines Lexikon intimer Städte. Autonomes Lehrbuch der Geopoetik und Kosmopolitik

Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr

© Insel Verlag Berlin 2016

ANMERKUNGEN

Mychajlo Semenko (1892-1937), ukrainischer Dichter und führende Figur des ukrainischen Futurismus in den 1920er Jahren

der an Hunger gestorbenen Bauern Verweis auf die Hungerkatastrophe des Holodomor, der in den Jahren 1032 und 1933 Millionen Menschen das Leben kostete

Mykola Chwyljowyj (1893-1933), ukrainischer Dichter der „Erschossenen Wiedergeburt“

Russische Yoga-Schule

Alexander Milstein Illustration

Ich nähere mich dem Gebäude der ehemaligen Synagoge. Früher konnte man hier Ringen, Kraftsport, Boxen und Basketball trainieren. Außerdem gab es ein Trampolin. Jetzt ist die Synagoge dunkel und leblos, aber ich erinnere mich genau, dass es dort ein Trampolin gab. Ich flog dort durch die Luft und blieb in einer lichten Wolke unter der Kuppel hängen.

Die Trampolinhalle war immer von Sonnenlicht durchflutet, nirgends wollte man so sehr springen, sich überschlagen und lachen. Damals wusste ich nicht, dass das Gebäude früher eine Synagoge gewesen war, sonst hätte ich mich dort nicht so gedankenlos ausgetobt. Als Kind empfand ich bei dem Wort »Jude« immer eine ausweglose Beklemmung. Es ließ mich sofort an Leiden und Tod denken. Und ich hatte furchtbare, panische Angst vor dem Tod und davor, an den Tod erinnert zu werden.

 

Ich komme am Naturkundemuseum vorbei, in dem sich lauter ausgestopfte Tiere befinden, die einmal auf der Erde gelebt haben. Vor dem Museum stehen graue Idole aus Stein, skythisch oder von anderen Stämmen. […] Langsam gehe ich die Stufen hinab, die unter die Erde führen. Als nur noch mein Kopf herausschaut, blicke ich mich um. Es ist bereits Nacht, die Stadt ist unsichtbar, nur eine schwarzweiße Monade ist durch das verschmierte Glas an einem Laternenpfahl zu erkennen. Darauf in großen Lettern:

RUSSISCHE YOGA-SCHULE

 

Diese Anzeigen hängen in der ganzen Stadt. Obwohl ich ständig darauf stoße, habe ich nie verstanden, was sie bedeuten. Erst jetzt, in der Metro-Unterführung, wird mir plötzlich bewusst, dass dies der Titel meiner Geschichte ist.

 

Mit einem kalten Ziehen in der Magengrube kehrt das Gefühl der eigenen Abwesenheit zurück.

Alexander Milstein
Russische Yoga-Schule
(Auszug)

Aus dem Russischen von David Drevs

Exportweltmeister

Christian Schnurer gehört einer Generation an, die im Osten Bayerns, unmittelbar neben dem Eisernen Vorhang, aufgewachsen ist. Mit dem Projekt »Ostexport« untersuchte der Künstler Mechanismen militärischer Interventionen von Vergangenheit zur Gegenwart. Er reiste 2015 mit einem Trabant durch ehemalige Ostblockstaaten von München nach Kiew und wurde dabei von dem Filmemacher Lorenz Kloska begleitet. Auf dem Dachgepäckträger des Reisemobils war der in rosa Folie verpackte Abwurftank eines russischen Kampfjets montiert – Titel seiner »Skulptur«: Exportweltmeister.

Auf dem Weg nach Kiew durchkreuzte der Künstler Wien, Budapest, Bratislava und Lwiw. Dort suchte er Heldenplätze und Denkmäler auf, die auf den Gebieten des ehemaligen Ostblocks in einer Vielzahl vorhanden sind. Die meisten von ihnen wurden zu Ehren gefallener Rotarmisten gegen den faschistischen deutschen Feind errichtet. Christian Schnurer platzierte sein Gefährt vor den jeweiligen Mahn- und Heldendenkmälern. Der Exportweltmeister fungierte dabei als Pro-tagonist und Vermittler, der die Menschen mit dem Künstler vor Ort ins Gespräch bringt. Hilfreich dabei: Der in rosa Noppenfolie verpackte Abwurftank.

 

Schilderungen von Bombardierungen mit phallischer Metaphorik sind üblich. Zur Zeit des Kalten Krieges, auf einem Seminar für Atomwissenschaftler, sagte man einer Teilnehmerin, dass kein Wissenschaftler je ernstlich eine Abrüstung in Erwägung ziehen würde, denn Abrüstung bedeute nichts anderes als Entmannung (Cohn Carol: »In the Rational World of Defense Intellectuals«, in: Signs 12 / 4, 1987). Die Forscher hielten Vorträge über »vertikale Erektorabschußrampen« und ein Militärbe-rater des Nationalen Sicherheitsrates bezeichnete erfolgreiche -Militäroperationen als »tiefe Penetration«. Seinem Zweck entfremdet, liegt der Abwurftank als in rosa verpacktes Phallussymbol auf dem Dachgepäckträger eines alten, rostigen Trabis aus der ehemaligen DDR, der von einem Westdeutschen gesteuert wird, welcher damit Länder bereist, die einst zur Sowjetunion oder ihrem Einflussgebiet gehörten, die wiederum vor 75 Jahren von der deutschen Wehrmacht überfallen wurden.

 

Eine Provokation? Die verpackte Skulptur musste Schnurer an der Grenze zur Ukraine auseinanderbauen, man wollte sichergehen, dass es sich dabei nicht um eine Rakete handele. Dem Künstler trat man aber auch mit Witz entgegen: »Bestimmt ein Geschenk von Merkel an Putin«, scherzte der Grenzbeamte.

 

Die Helden- und Ehrendenkmäler werfen Fragen zu Zweck, Vergan-genheitsbewältigung, Verlust, Heimat, Krieg, Patriotismus und Propa-ganda auf und bieten dazu Projektions- und Interpretationsflächen. Vergangenes lässt sich nicht von der Gegenwart trennen. So werden in der Russischen Föderation derzeit neue Stalindenkmäler gebaut, die Geschichtsbücher werden umgeschrieben und die baltischen Staaten fürchten sich vor einer militärischen Intervention, wie sie in der Ukraine bereits stattgefunden hat.

 

Waffenexporte aus Deutschland haben sich in den letzten anderthalb Jahren verdoppelt, während die Kriege anderswo eskalieren. Deutschland ist Exportweltmeister, an dritter Stelle, nach den USA und der Russischen Föderation, gefolgt von Frankreich und China. Mit fast schon subversiv anmutendem Witz versteht es Christian Schnurer, As-pekte von Nationalismus, Militarismus und Kriegspropaganda aufzugreifen und offen zu legen. Der Kalte Krieg ist längst vorbei und wurde zwischenzeitlich von Phasen militärischer Entspannung abgelöst, doch hat ein neuer, hybrider Krieg begonnen.

 

 Andrea Lamest

Kulturallmende hat Christian Schnurer, geb. 1971 in Schwandorf, Oberpfalz, mit den Fotoarbeiten und dem Filmdokument seiner Kunstaktion Ostexport zum Projekt Eine Brücke aus Papier in die Ukraine eingeladen. Zwei Galerien der »Brücken«-Städte, die Ya Galerie Kunstzentrum Dnipro und die Dzyga Galerie Lwiw, bieten dem Künstler Raum für seine Ausstellung, mit maßgeblicher Unterstützung des Goethe-Instituts Ukraine. Schnurer startete im Oktober 2015 von München nach Kiew, über Wien, Bratislava und Budapest mit dem Expeditionsprojekt »Ostexport« in einem Trabant mit einem rosa eingepackten Abwurftank sowjetischer Herkunft auf dem Autodach, um Krieg und die glorifizierenden Denkmäler, vor denen er in jeder Stadt Halt machte, in Frage zu stellen.

 

Lorenz Kloska, Filmemacher aus München, begleitete die gesamte Aktion mit Kamera und Ton. Der Film Ostexport – unterwegs mit dem Exportweltmeister von München nach Kiew (Länge 60 min.) wurde am 6. Oktober 2016 im Arena Filmtheater in München uraufgeführt.